Roman von Kevin PowersIm Kopf herrscht immer Krieg

Von der Kleinstadt in den Irak: Der Schriftsteller Kevin Powers erzählt in seinem erstaunlichen Romandebüt von der Verflechtung von Krieg und Lüge. von Carmen Eller

© S. Fischer Verlag

Morgens geht er auf das Dach seines Hauses, lädt das Gewehr und schießt auf den Müll. Wenn der Abfall brennt, zielt er auf vorbeifliegende Vögel. "Das war mein Leben, in groben Zügen", sagt John Bartle. Der amerikanische Irak-Veteran ist fertig mit der Welt. Nach seinem Einsatz plagen ihn Scham und Selbsthass. Doch jeder will ihm auf den Rücken klopfen, selbst die eigene Mutter wirkt stolz und glücklich, "weil du Leute zu Boden gestreckt hast, die nie wieder aufgestanden sind".

Bartle ist der Protagonist und Erzähler in Kevin Powers' Debütroman Die Sonne war der ganze Himmel. Als Schauplatz dient dem 1980 in Richmond, Virginia, geborenen Autor ein Stück Hölle auf Erden. In elf Kapiteln beschreibt er den Krieg. Dabei zeigt sich das Talent des Amerikaners, Poesie und Horror, Fiktion und erlebte Geschichte zu verbinden. Der Roman – virtuos übersetzt von Henning Ahrens – spielt zwischen 2003 und 2009, doch Bartle springt zwischen den Jahren und Kontinenten. Mal sind wir im irakischen Al Tafar, mal in seiner amerikanischen Kleinstadt. Doch in Bartles Kopf herrscht immer Krieg.

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Der Autor kennt das Leben an der Front. 2004 und 2005 war Powers, ein Absolvent der University of Texas, Austin, als Maschinengewehrschütze im Irak stationiert. Immer wieder wurde er gefragt, wie es dort gewesen sei. Sein Roman ist eine Antwort, aber keine Abrechnung mit der Ära Bush. Statt Politiker an den Pranger zu stellen, macht Powers den Krieg selbst zum Protagonisten. "Der Krieg versuchte täglich, uns zu töten." Der Krieg "zeugte, und er gebar und er verbreitete sich durchs Feuer (...). Er scherte sich nicht um strategische Ziele oder Grenzen. Ihm war es egal, ob man geliebt wurde oder nicht."

Tabasco in den Augen

Nicht politischer oder religiöser Fanatismus ist der thematische Treibstoff dieser erstaunlichen Prosa, sondern die Frage, wie der Krieg die Menschen verändert. Damit steht das Werk des Amerikaners in der Tradition großer Antikriegsromane. Seinem 1929 erschienenen Weltbestseller Im Westen nichts Neues hatte Erich Maria Remarque Worte vorangestellt, die auch zum Werk von Powers passen: Das Buch solle "weder eine Anklage noch ein Bekenntnis sein", sondern "den Versuch machen, über eine Generation zu berichten, die vom Kriege zerstört wurde – auch wenn sie seinen Granaten entkam". Wie Remarque verzichtet Powers auf eine Analyse des Kriegshintergrunds. Wie sein Vorgänger konzentriert er sich auf die Sicht eines einzigen Soldaten.

Bartle zieht mit 21 Jahren aus seiner Kleinstadt in den Krieg. "Wir hatten bescheidene Leben geführt, uns nach etwas gesehnt, das bedeutsamer war als schlechte Straßen und kleine Träume", sagt er. Später fühlt er sich nur noch "wie die Karikatur eines Soldaten". Er leidet darunter, ein Versprechen nicht gehalten zu haben, das er der Mutter eines jüngeren Soldaten gab: ihren Sohn in der Schlacht zu beschützen.

Der Krieg konfrontiert Bartle mit harten Knochen wie Sergeant Sterling, dessen Unterkieferlinie aussah, "als würde sie aus einem Geometrielehrbuch stammen". Gegen Müdigkeit reibt er sich Tabasco-Soße in die Augen, beim Angriff schreit er: "Knall sie ab, die Haddschi-Ärsche!" Der irakische Dolmetscher dagegen, der vor dem Krieg Literatur studierte, verhüllt aus Angst vor seinen Landsleuten das Gesicht mit einer Kapuze.

Leserkommentare
    • wuerg2
    • 26. März 2013 11:12 Uhr
    1. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/sam

    Eine Leserempfehlung
    • hladik
    • 26. März 2013 12:40 Uhr

    [quote]
    Bartle weiß um den Unterschied zwischen dem "was erinnert wurde, was man erzählte und was der Wahrheit entsprach", er hat gelernt, der Sprache zu misstrauen.
    [/quote]

    Wenn der uebersetzer nicht mal weiss, dass "erinnern" (im Sinne von "remember", nicht "remind") im Deutschen reflexiv ist, wage ich an der Virtuositaet der Uebersetzung zu zweifeln.

    Eine Leserempfehlung
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    • xila
    • 26. März 2013 14:08 Uhr

    "Erinnern" schreibt man nicht zwingend mit Reflexivpronomen, so steht es jedenfalls im Duden. In den letzten Jahren ist es in Mode gekommen, es ohne zu schreiben, und für mich sieht das auch falsch oder zumindest blöd aus, deshalb habe ich es vor längerer Zeit mal nachgeschlagen und war dann über das Ergebnis doch etwas erstaunt.

    Aber inzwischen wurde ja sogar der Deppenapostroph mit dem Segen vom Duden versehen. Was will man da erwarten. ;-)

  1. 3. [...]

    Entfernt. Bitte diskutieren Sie das konkrete Artikelthema und verzichten Sie auf Diffamierungen. Danke, die Redaktion/sam

    3 Leserempfehlungen
    • xila
    • 26. März 2013 14:08 Uhr

    "Erinnern" schreibt man nicht zwingend mit Reflexivpronomen, so steht es jedenfalls im Duden. In den letzten Jahren ist es in Mode gekommen, es ohne zu schreiben, und für mich sieht das auch falsch oder zumindest blöd aus, deshalb habe ich es vor längerer Zeit mal nachgeschlagen und war dann über das Ergebnis doch etwas erstaunt.

    Aber inzwischen wurde ja sogar der Deppenapostroph mit dem Segen vom Duden versehen. Was will man da erwarten. ;-)

    Antwort auf "Virtuos uebersetzt?"
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    • hladik
    • 26. März 2013 14:34 Uhr

    Duden-online ist gerade down, aber laut Wiktionary steht "erinnern" als transitives Verb (mit dieser Bedeutung) sogar schon im Grimm'schen Woerterbuch. Das wusste ich tatsaechlich nicht.

    Trotzdem wage ich die Behauptung, dass der virtuose Uebersetzer nicht an Jacob und Wilhelm gedacht, sondern einfach das englische Original Wort fuer Wort uebersetzt hat.

  2. 5. [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/kvk

    Eine Leserempfehlung
    • hladik
    • 26. März 2013 14:34 Uhr
    6. Hmmmm

    Duden-online ist gerade down, aber laut Wiktionary steht "erinnern" als transitives Verb (mit dieser Bedeutung) sogar schon im Grimm'schen Woerterbuch. Das wusste ich tatsaechlich nicht.

    Trotzdem wage ich die Behauptung, dass der virtuose Uebersetzer nicht an Jacob und Wilhelm gedacht, sondern einfach das englische Original Wort fuer Wort uebersetzt hat.

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  • Schlagworte Erich Maria Remarque | Irak | Krieg | Sonne | Steinzeit | Bier
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