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Eines haben fast alle Jungstars der amerikanischen Literatur gemeinsam: Sie haben das Schreiben nicht etwa alleine im stillen Stübchen erlernt, sondern in sogenannten creative writing workshops. Manch einem Literaturkritiker bereitet dies Sorge. Sie monieren, dass die Professoren, die in Orten wie Iowa City, Austin und Missoula die zukünftige literarische Elite des Landes ausbilden, in vielerlei Hinsicht gleich dächten. Der wichtigste, und vielleicht auch schädlichste Teil dieser Denkart bestünde demnach in einem einfachen Motto: Write What You Know! – schreibe über die Dinge, die du aus der eigenen Erfahrung kennst!

Die Sorge ist nicht ganz unberechtigt. Denn die meisten der jüngeren amerikanischen Schriftsteller kommen aus gutem Hause, und sind in recht langweiligen Vororten aufgewachsen. Viele von ihnen begrenzen sich deshalb darauf, das mittlerweile allzu bekannte Thema des entfremdeten Lebens in den wohlhabenden Vororten immer noch einmal neu zu beschreiben. Die spannendsten Themen der Weltliteratur – von der großen Politik bis hin zur bitteren Armut – kommen in den amerikanischen Romanen der vergangenen Jahrzehnte deshalb nur selten vor.

Auf den ersten Blick ist Adam Johnson, der neueste Jungstar, ein recht typischer Autor dieser Welt. Nachdem er in Louisiana seinen Master im belletristischen Schreiben abgelegt hat, ergatterte er eine prestigeträchtige Stegner Fellowship an der Stanford University. An selbiger ehrwürdiger Institution lehrt er mittlerweile als Professor im – jawohl – Creative Writing.

Ein Mann ohne Eigenschaften

Stilistisch aber rebelliert Johnsons zweiter Roman, Das geraubte Leben des Waisen Jun Do, so radikal wie nur irgend möglich gegen das Lieblingsmantra seiner Professorenkollegen. Johnson siedelt seine Geschichte bewusst an einem der wenigen Orte der Welt an, über den er – so wie wir alle – fast gar nichts wissen kann: das rigoros von der Außenwelt abgeschottete Nordkorea von Kim Jong Il.

Das macht den Roman zu einem beeindruckenden Hochseilakt. Trotz aller selbstauferlegten Schwierigkeiten erzählt Johnsons Roman eine große, eine hochspannende Geschichte. Als Waise in einem bitterarmen Dorf zur Welt gekommen, wandert Jun Do später unbekümmert von einem großen Abenteuer zum nächsten: aus seinem Waisenhaus in die geheimen Tunnels unter der koreanisch-koreanischen Grenze; aus seiner angewöhnten Dunkelheit zu einer Einheit internationaler Kidnapper; von seinen Piratenfeldzügen vor der Küste Japans zu einer seltsamen politischen Mission beim amerikanischen Erzfeind; und von der Ranch eines texanischen Senators in ein nordkoreanisches Konzentrationslager. Schließlich – wundersamstes Abenteuer von allen – verwandelt er sich sogar von einem dem Tod geweihten Lagerhäftling in einen der wichtigsten Militärkommandeure Nordkoreas.

Das alles klingt absurd und ist es natürlich auch. Aber Johnsons Roman versteht es, unrealistisch und überzeugend zugleich zu sein. Das liegt auch an der Persönlichkeit seines Romanhelden. Jun Do ist dem Prototyp des weisen Tors nachempfunden: Er ist ein sich selbst unbekannter, der, bis er seine große Liebe entdeckt, kaum erkennbare Wünsche hegt. (Darauf, das Jun Do ein Mann ohne Eigenschaften ist, weist auch schon sein Name hin: amerikanische Kriminalkommissare nennen nicht identifizierte Mordopfer John Doe.)