Roman von Dave EggersAm Ende gewinnen immer die Chinesen

Dave Eggers' "Ein Hologramm für den König" ist ein hemmungslos unterhaltsamer Roman über unser Wirtschaftssystem. Vielleicht sogar zu glatt und zu perfekt. von 

Der Schrifsteller Dave Eggers

Der Schrifsteller Dave Eggers  |  © Michelle Quint

Ja, das Warten in der Literatur. "Uns braucht man nicht alle Tage", heißt es in Becketts Warten auf Godot, und damit man gleich weiß, wohin die Reise gehen soll, hat Dave Eggers seinem neuen Roman diesen Satz vorangestellt. Auch sein Protagonist Alan Clay wird im Grunde genommen nicht mehr gebraucht.

An seiner eigenen Abschaffung hat er allerdings als ein kleines Zahnrad im großen Getriebe dessen, was man Globalisierung nennt, freiwillig mitgearbeitet. Er, der als ein solider Vertreter der Old Economy nicht minder solide Fahrräder gebaut hat, made in USA, hat ihn mitgemacht, den Wahn von Outsourcing und Produktionsverlagerung – bis er ruiniert war. Die Chinesen sind schuld. Die Chinesen werden im Verlauf des Romans zur Chiffre für alles, was schiefgelaufen ist im ökonomischen Weltsystem.

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Nun hat man Alan in die Wüste geschickt, und zwar buchstäblich. Nun sitzt er, Mitte 50, abgehalftert, desillusioniert, demotiviert und mit einem Haufen Schulden am Hals, in einem Zelt in Saudi-Arabien und wartet auf den König. Er wartet lange. Die Träume, so hat einst ein Architekt auf einer Party zu Alan gesagt, lägen in den Staaten zurzeit auf Eis. Geträumt werde anderswo. An einen solchen Ort der Träume hat es Alan verschlagen: King Abdullah Economic City (KAEC), die Vision einer Stadt aus dem Nichts, geplant für zwei Millionen Einwohner, gestampft aus dem Sandboden Saudi-Arabiens; ein neues Dubai, ein neues Venedig am Roten Meer, weltoffen, liberal, imposant.

Ein Hang zum Brillieren

Als Consultant einer amerikanischen IT-Firma hat Alan Clay in KAEC seine letzte Chance bekommen: Er soll den Auftrag für die drahtlose Vernetzung der Stadt an Land ziehen. Mit ihm vor Ort sind ein paar junge Spezialisten, eine Präsentation für König Abdullah ist ausgearbeitet. Doch Majestät lässt sich nicht blicken. Überhaupt lässt die ganze Stadt sich nicht blicken. Alles, was bislang von KAEC (das ein realer Ort und ein reales Projekt ist) zu sehen ist, ist ein bonbonfarbenes Apartmenthaus im halbfertigen Zustand, ein effizientes, aber seltsam entvölkertes Verwaltungsgebäude und eben jenes Zelt, in dem Alan und seine Mitstreiter ihre Tage wartend verbringen, bevor sie am Abend wieder zurück in das rund 100 Kilometer entfernte Dschidda und in die anonyme Austauschbarkeit des dortigen Hilton zurücktransportiert werden.

© Kiepenheuer & Witsch

Dave Eggers, 1970 geboren, gehört neben Autoren wie Jonathan Safran Foer oder auch Nicole Krauss zu den Hoffnungsträgern einer politisierten, gesellschaftlich aufmerksamen amerikanischen Literatur. Ein Hologramm für den König ist ein zunächst einmal hemmungslos unterhaltsames, ironisches Buch mit tragischen Einsprengseln. Was Eggers vorhat, liegt auf der Hand: Er will die Auswirkungen eines unmenschlichen Wirtschaftssystems auf ein Individuum, das die Kontrolle über sich und die Arbeitswelt verloren hat, vorführen. Und das gelingt ihm auch zumindest im ersten Teil des Romans. Es gibt Augenblicke, in denen die Traurigkeit seines gestrandeten Protagonisten auf geradezu anrührende Weise greifbar wird. Die Szenen jener einsamen Stunden im Hotel, in dem sich das Gefühl in Alan breitmacht, in jeder Hinsicht nutzlos, unbrauchbar geworden, von seiner Umwelt unwiederbringlich abgeschrieben zu sein, sind ungemein stark.

Dave Eggers aber, und auch das ist ebenfalls ein uramerikanisches Phänomen, hat einen unerklärlichen Drang zur Glätte, zur Perfektion, zum technischen Brillieren. Und in diesem Drang trägt er dann doch hin und wieder zu dick auf. Nicht nur, dass Alan noch mit einer kaputten Familiengeschichte (hochintellektuelle, aber herrschsüchtige Frau, die ihn verlassen hat; wunderlicher Vater, der sich über ihn lustig macht; Tochter, deren Studium er nicht mehr bezahlen kann) ausgestattet werden muss, noch dazu plagt er sich mit einer Geschwulst im Nacken herum, die er für einen bösartigen Tumor hält, stolpert permanent über die eigenen Füße und versagt auch in sexueller Hinsicht bei allen der sich ihm angesichts seines desolaten Zustandes erstaunlich oft bietenden Gelegenheiten. All das, so suggeriert er sich selbst, muss irgendwie miteinander zusammenhängen.

Wie eine Schnurre läuft Ein Hologramm für den König auf sein Ende hin. So gekonnt Eggers Alan Clay zu Beginn zu einer paradigmatischen Person, zu einem Charakter aufgebaut hat, so lustvoll degradiert er ihn anschließend sukzessive zu einer Type, zu einer Comicfigur, die während eines Landausflugs einen Wolf erschießen will und um ein Haar den Schäferjungen abknallt. Die endgültige Erniedrigung des Alan Clay sozusagen durch seinen Erfinder, den Autor selbst. Ob das Warten sich lohnt und der König noch kommt? Wird nicht verraten. Aber am Ende gewinnen ohnehin immer die Chinesen.

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    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Schlagworte Roman | Outsourcing | Tumor | Dubai | Saudi Arabien | USA
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