Leipziger BuchmesseHeute leider keine Gadgets

Kastriert oder mit Fadenheftung? David Hugendick fühlt sich auf der Leipziger Buchmesse gefangen im ewig gleichen Diskurs über E-Books. von 

An dieser Stelle wollten wir Sie auf ZEIT ONLINE eigentlich über die heißesten Readingtools informieren, wie wir Leute mit Googlemail-Adressen sagen, damit Sie Ihren antiquarisch seufzenden Roman endlich mal so in die Ecke schleudern, wie es Literaturkritiker schon lange auf Klappentexten empfehlen ("Ein großer Wurf!").

Wir sind nämlich gerade in Leipzig auf der Buchmesse, wo ein keck gemeintes "Vorsicht Buch!" von Plakaten leuchtet und auf anderen promoviert dreinblickende Uhus zum Lesen ermuntern. Wo man alle paar Minuten in restalkoholisierte Schriftsteller und helmutkohlisierte Politiker reinläuft. Wo bisweilen eine Stimmung herrscht wie sonst nur beim Griechen neben städtischen Literaturhäusern. Wo Premiumdenker auf blauen Sofas denken und das Premiumpublikum kirchenandächtig dabei zuhört, ach, Sie kennen das ja.

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Dortselbst, in diesen wunderbaren transparenten Hallen haben wir aber etwas entdeckt, auf das Apple, Facebook, Amazon und Richard David Precht gemeinsam nicht in Äonen gekommen wären: die Aufhebung des Raum-und-Zeit-Kontinuums. Wir stellten fest, dass die Debatte um den digitalen Wandel, der gerüchteweise das Buch bedroht, selbst schon museal ist. Oder würden Sie noch klatschen, wenn Sie die Neuigkeit überwältigt, dass das Internet "nicht gleich Demokratie" ist? Von dem Krach wurden wir immerhin wieder wach.

Nun hieß eine Veranstaltung "Die vollkommene Lesemaschine", und da wir ja immer auf der Suche nach den heißesten Contentgadgets sind, dachten wir: Nichts wie hin. Da saßen also ein paar Verleger und Autoren und es ging im Folgenden um E-Books, die wie "Elefanten im Raum" stehen, um einstaubende Bücher und ob sie noch zu unserer flexiblen Welt passen und ob der Verlust von Fadenheftung nicht doch schwerwiegendere tiefenpsychologische Probleme auslöst als nur zerfledderte Romane: Kastrationsangst zum Beispiel. Es ging auch um kuratierte Inhalte und Wikipedia, um Vernetzung, Manufactum und die Cloaca Maxima der Internetkommentarspalten und wir wussten bald nicht mehr, ob vielleicht Wärmedämmung auch noch ein Thema sein wird und sich die Diskussion im Kreis dreht oder wir selbst.

Jedenfalls war uns schwindelig und wir hofften deshalb, dass von der zukunftsbejahenden Gegenseite nicht auch noch die Analogie mit den Autos und den Pferdekutschen kommt. Zum Glück sagte die kluge Judith Schalansky den erlösenden Satz: "Die Aura des reinen Textes ist so ideologisch wie die des reinen Papiers." Und wir nickten erleichtert und gingen dann mit trüb gesenkten Köpfen, weil uns inzwischen die Nachricht vom Tod des Google-Readers erreicht hatte, und auf den Schreck mussten wir erst mal den neuen Walser auf dem iPhone lesen. All das kurz zur Erklärung, warum wir Ihnen nicht die heißesten Lese-Endgeräte mitbringen konnten, sondern nur ein Wort von Daniela Seel, das schönste, mit dem wohl je Verlage bezeichnet wurden: "Dichterselbstverteidigung".

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Leserkommentare
  1. oben verstanden. Worum ging es nun?
    Soll doch einfach jedem selbst überlassen bleiben, welches Medium er /sie bevorzugt.
    Was ich wirklich bescheuert finde, sind solche Aktionen wie bei Amazon, wenn Texte nur noch im e-book-Format erhältlich sind. Damit geben solche 'Großen' das Medium vor und auch jene Autoren, die sich darauf einlassen, nur noch einen Digitaltext anzubieten. Das finde ich unfair. Diese Einseitigkeit lockt meinen Trotz hervor.

    2 Leserempfehlungen
  2. 2. [...]

    Bringt nur leider inhaltlich gar nichts, denn dazu ist die Feststellung, dass das ebook da ist, dann doch zu dünn.

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/ls

  3. einen wirklich guten ebook reader auf Linux erkennt Amazon nicht. Die zwingen mich ihre Datei auf Windows zu installieren das ist keine Freiheit.

    Eine Leserempfehlung

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Apple | Wikipedia | Amazon | Buch | Buchmesse | E-Book
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