Autor Jérôme FerrariVon Finsternis zu Finsternis

Der wunderbare Roman "Predigt auf den Untergang Roms" von Jérôme Ferrari verknüpft das Geschehen in einem korsischen Dorf mit Weltdeutungsentwürfen. von Jan Schulz-Ojala

Der Autor Jérôme Ferrari

Der Autor Jérôme Ferrari  |  © Patrick Kovarik/AFP/Getty Images

Dieser Roman funktioniert, wenn der schlichte Vergleich erlaubt ist, wie eine Duftspirale – und ihr Gegenteil. Ganz an seinem historischen und thematischen Rand entzündet sich das Geschehen in kunstvoll langen, erst nach einer Weile von knappen Dialogen durchzuckten Sätzen und arbeitet sich ausschweifend abschweifend in seine Mitte vor. Kaum aber ist der Leser im aufregend düsteren Zentrum angelangt, sucht der Text, nun zügiger, wieder den Weg ins Weite, die große Metapher, ja, die Philosophie.

Wie nur eine Gebrauchsanweisung verfassen für Predigt auf den Untergang Roms, diesen fantastischen Spuk mit dem Nachgefühl eines zarten Schleudertraums? Vielleicht, indem man mit der fassbaren Mitte beginnt. Zwei Uni-Absolventen übernehmen, statt Philosophielehrer in Paris zu werden, eine Dorfbar in Korsika. Der eine, Matthieu Antonetti, ist in Paris aufgewachsen, drängt aber seit Schulzeiten heftig zurück in die bäuerliche Heimat seiner Vorfahren, nach Korsika. Der andere, der Dorfjunge Libero Pintus, folgt Matthieus Ruf nach Paris, nur um alsbald zurückzufallen in die mediterrane Inselwelt. Als für die nach einigen Fehlverpachtungen heruntergewirtschaftete Bar ein neuer Betreiber gesucht wird, stürzen sich die beiden auf die Chance – als gelte es, sich für immer von grausiger Heimatlosigkeit zu erlösen.

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Zwei Sommer und der Winter dazwischen sind ihnen geschenkt, bevor sich ein düsteres Schicksal erfüllt. Es ist ein unbeschwertes Aussteigerleben, das sich da für einen Jahreslauf entfaltet, mit vier hübschen Touristinnen, die als Kellnerinnen bleiben und den Dorfmännern den Kopf verdrehen, mit Gesang zur Gitarre in heißen Nächten, mit finanziellem Erfolg und Glück und Alkohol und Sex und Jugend open end. Bis sich – fern aufschimmernder äußerster Rahmen der Erzählung – Leibniz’ beste aller möglichen Welten, die Matthieu in der korsischen Bar zu finden glaubte, schroff als vergänglich herausstellt. So vergänglich wie jenes Rom, dessen Untergang im Jahre 410 der Philosoph Augustinus, Bischof im nordafrikanischen Hippo Regius, so kommentiert: "Hat Gott jemals versprochen, dass die Welt ewig sei?" Und: "Die Welten vergehen von Finsternis zu Finsternis, eine nach der anderen."

So wie Matthieu in Paris lustlos über Leibniz forschte, hat sich Libero während seines Studiums viel mit Augustinus beschäftigt – und insofern sind die zwei nur scheinbar konträren philosophischen Weltdeutungsentwürfe mit dem Geschehen in dem korsischen Dorf verknüpft. Aber ein abenteuerliches Wagnis bleibt es doch, den titelgebenden Makrokosmos mit einer ganz anderweitigen regionalen Szenerie zu verknüpfen. Dass Jérôme Ferrari dies gelingt, liegt zuallererst an seiner soghaften Sprache, die in ihrer sinnlichen Präzision stets höchste Aufmerksamkeit für alles erschließt. Und an einer weiteren, faszinierend auskolorierten Erzählebene – Matthieus Familiengeschichte –, die das große mit dem kleinen Ganzen zusammenspannt.

Die Liebe scheitert an Feindseligkeiten

Die schmerzhafte Vergänglichkeit aller Welten, Leitmotiv dieses Romans, reicht zurück bis zu Matthieus Großvater Marcel: Nach dem Tod seiner jungen Frau gibt er den Sohn an seine Schwester weg, um einer spurenlosen Tätigkeit als Kolonialbeamter in Westafrika nachzugehen, bevor er, fremd geworden im Mutterland, dem Tod entgegendämmert. Weiter verzweigen sich die Familienwege zu Marcels Bruder Jean-Baptiste, der ebenso im Indochinakrieg verrohte wie Marcels Schwager André Degorce, der seine Lagertraumata durch eine Foltererkarriere in Algerien zu tilgen sucht. Und sie münden ins Schicksal von Matthieus Schwester Aurélie: Die Archäologin, die in eben jenem algerischen Hippo Regius des Augustinus mit Ausgrabungsarbeiten befasst ist, verliebt sich in einen arabischen Kollegen. Aber die Verbindung scheitert schon früh an der Feindseligkeit ihrer unmittelbaren Umgebung.

Kolonialkriegswunden, unverheilte, prägen die Lebensspuren der Antonettis, und – Ironie der großen Geschichte – nur Matthieu weiß sich deren Wucht irgendwie zu entziehen: durch Feigheit, durch Wegsehen, durch billiges Abtauchen sogar eines Tages vor dem Vaterbegräbnis. Als sei Trübseligkeit schon dadurch zu vermeiden, dass man den Blick in den trüben Spiegel scheut. Eine jämmerliche Gestalt ist dieser Matthieu; abgesehen von der Zeitweiligkeit eines gewissen Vergnügens entgleitet ihm alles.

Man könnte Matthieu scharf als Metapher auf den modernen, hedonistischen Franzosen lesen, der die Auseinandersetzung mit der nationalen Geschichte nach wie vor scheut – und damit seinen Erfinder in jene Reihe neuerer literarischer Mahnredner stellen, aus der zuletzt Alexis Jenni mit seinem Epos Die französische Kunst des Krieges deutlich hervorstach. Aber das hieße, die Wucht dieses so kompakten wie komplexen Buchs unzulässig ins Plakative zu verengen.

Der brillant von Christian Ruzicska ins Deutsche übertragene Roman hat dem 45-jährigen, in Paris geborenen Jérôme Ferrari, der nach Stationen in Korsika und Algerien derzeit in Abu Dhabi als Philosophielehrer arbeitet, im Herbst den Prix Goncourt eingebracht, den wichtigsten französischen Literaturpreis. Es ist sein bereits sechster Roman. In Deutschland wurde bislang nur sein voriger veröffentlicht, Und meine Seele ließ ich zurück, der die Untaten des André Degorce in seinen Mittelpunkt rückt. Auch Ferraris frühere Bücher, etwa Dans le secret (2007) und Balco Atlantico (2008), kreisen um Korsika, Letzterer um das Trauma einer jungen Frau, die in Predigt auf den Untergang Roms nur mehr als sexuell so verwahrlostes wie verfügbares Dorfgespenst umhergeistert. Eine Dorf-Saga also, die Romane Ferraris? In Ansätzen nur, verteilt auf schmale Bücher, die für sich bestehen; und verknüpft durch eine windungsreiche und zugleich betörend klare Sprache, die seinem illusionslosen Blick auf die menschliche Existenz kongenial zu Diensten steht. 

Erschienen im Tagesspiegel

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