Wenn es nach der schieren Zahl der Verwünschungen und Grabgesänge ginge, dann wäre es morgen, spätestens übermorgen, mit dem Kapitalismus vorbei. Die Stimmung ist anscheinend so umstürzlerisch wie nie – auch ohne die Aktivisten von Attac und Occupy. Denn vielleicht braucht es nicht einmal mehr ein revolutionäres Subjekt, weil er von alleine kollabiert. Nach Jahrhunderten sozialer Kämpfe und Jahrzehnten spätkapitalistischen Darbens sind nun offenbar fünf, sechs Jahre verschärfter internationaler Finanz- und Schuldenkrise drauf und dran, dem System den Rest zu geben.

Dabei ist nicht einmal ausgemacht, worin dieser einmal als moribund und dann wieder als beharrungsstur beschriebene Kapitalismus überhaupt besteht. Handelt es sich um eine Wirtschaftsform oder eine Mentalität, eine anthropologische Verfasstheit oder eine soziale Konstruktion? Wo berühren sich seine europäisch-demokratischen Ausprägungen mit den autoritären in China? Und geht es nur mit protestantischer Ethik oder auch mit konfuzianischer Disziplin?

Der Singular löst sich schnell auf in Pluralitäten, und es ist zweifelhaft, ob sie Phänotypen eines einzigen monströsen Genotyps sind. Es herrscht eine überwältigende Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigkeiten. Der finsterste realwirtschaftliche Raubtierkapitalismus koexistiert mit computergestütztem Hochgeschwindigkeitstrading und die Knochen schindende Ausbeutung bettelarmer Arbeitskräfte mit der konsumistischen Besiedelung grundversorgter Seelen.

Entsprechend divers sind die kritischen Zugänge. Es könnte in diesem Frühjahr keine größeren Gegensätze geben als den zwischen Frank Schirrmachers Kampfschrift Ego – Das Spiel des Lebens (Blessing), die Nummer eins der deutschen Sachbuch-Bestseller, und Wolfgang Streecks Adorno-Vorlesungen Gekaufte Zeit – Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus (Suhrkamp), die für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert sind. Schirrmacher beschwört in apokalyptischen Worten den Abschied des Menschen von sich selbst in der digitalen Ökonomie des Wissens und sieht einen roboterhaften homo oeconomicus entstehen. Wolfgang Streeck wiederum, Direktor des Kölner Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung, untersucht mit eiserner sozialwissenschaftlicher Empirie, wie sich Europas Demokratien in den letzten 40 Jahren immer wieder Zeit durch die Abstraktion Geld erkauft haben: die Stundung ihres realen Zusammenbruchs.

Beide Bücher widersprechen einander nicht. Sie unterscheiden sich aber in einem fundamentalen Punkt: Schirrmacher drückt sich um eine politische Einbettung seiner Thesen. Dagegen gibt Streeck freimütig über seine Verankerung in Traditionen der Frankfurter Schule Auskunft, die der Annahme "eines prinzipiellen Spannungsverhältnisses zwischen dem sozialen Leben und einer von Imperativen der Kapitalverwertung und Kapitalvermehrung beherrschten Ökonomie" folgen: "Niemand kann nach dem, was seit 2008 geschehen ist, Politik und politische Institutionen verstehen, ohne sie in enge Beziehung zu Märkten und wirtschaftlichen Interessen zu setzen. Ob und inwieweit das ,marxistisch’ ist oder ,neomarxistisch’, ist eine Frage, die mir ganz und gar uninteressant erscheint." So zeichnet Streeck den Weg vom Steuerstaat zum Schuldenstaat und von da aus zum Konsolidierungsstaat in neoliberalen Zeiten nach.

Eine interessantere Frage ist es, ob sich unpolitische Kapitalismuskritik überhaupt denken lässt. Ist sie ohne das Problem der Verteilungsgerechtigkeit nicht ein schlechter Witz? Ihre Schwundstufen, die Klage über die Beschleunigungsgesellschaft, die Burnoutgesellschaft oder die Müdigkeitsgesellschaft, der der Karlsruher Philosoph Byung-Chul Han mit leise antidemokratischen Anwandlungen ein erfolgreiches Büchlein gewidmet hat, mögen dies nahelegen. Auch ist Schirrmachers hysterischer Populismus sicher mitschuldig daran, dass seine keineswegs einfältige Argumentation in Talkshows mitunter auf Lebenshilfeniveau reduziert wird: Nun seid mal nicht so egoistisch! Doch sobald man den Fokus erweitert, geraten die politökonomischen Kontexte wieder in den Blick.

Die Angstlust, mit der man auf den Kapitalismus als die Generalmetapher für alle Zumutungen dieser Zeit starrt, hat indes auch die Hoffnung im Sinn, dass die Dinge nicht so schlimm kommen, wie sie kommen sollen: dass Europa also nur an den Rändern bröckelt oder der Klimawandel glimpflich verläuft. Dieser psychohygienischen Funktion kommt jede kapitalismuskritische Farbe recht, und auch wenn aus ihr noch kein politisches Handeln erwächst, steht sie mit Stéphane Hessels zum Herz-Jesu-Sozialismus tendierender Schrift Empört euch! nicht dümmer da als mit Joseph Vogls kulturhermeneutischer Analyse Das Gespenst des Kapitals oder David Graebers anarchistischer Theorie der Schulden.