Literaturfest AsconaWarten wir auf die Utopien

Enzensberger kam, Christian Kracht war da und im Geiste auch Hermann Hesse. Zum ersten Mal fand am Fuße des Monte Verita das neue Literaturfest in Ascona statt. von Katharina Schmitz

Nein, eine Fahrt in den italienischsprachigen Süden der Schweiz ist nicht zwangsläufig stimmungsvoll. Wie trist das Land aus einem fahrenden Auto doch aussehen kann, braun-grau verwaschen in diesen Tagen, vor dem Gotthard Stau, bald ist der ganze Tessin Peripherie, denkt man wenig später, alle paar Kilometer leuchtet ein Ikea, hinter Lärmschutzwänden die Ortschaften.

Utopien und herrliche Obsessionen drängen sich also noch nicht gerade auf, sind aber das Motto des neuen Literaturfests Eventi letterari, das in Ascona stattfindet. Die kleine Stadt am Lago Maggiore ist der etwas in die Jahre gekommene, kulturell vereinsamte Nachbarort der Filmfeststadt Locarno. Das legendäre Caffè Verbano, in den Golden Twenties Treffpunkt deutschsprachiger Künstler und Intellektueller, existiert längst nicht mehr, es beherbergt eine Sushi-Bar. Das nicht minder legendäre Antiquariat "Libreria della Rondine" sucht schon länger einen neuen Pächter.

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Erich Maria Remarque gehörte einst zur Kundschaft. Sein Freund, der Niederländer Leo Kok hatte das Antiquariat nach dem zweiten Weltkrieg eröffnet, in Buchenwald hatte man dem Pianisten die Finger gebrochen, 30 Jahre lang führte er das Geschäft, zuletzt war die Libreria immerhin noch eine Buchhandlung. Das schöne Haus selbst gehört der ansässigen Kirchengemeinde, sie hat zum Glück kein Interesse daran, dass hier eine weitere Sushi-Bar reinkommt oder eine Herrenboutique für die deutschen Rentner, die den Ort heute prägen.

Die Fallhöhe ist entscheidend

Ascona hat aber noch eine größere Legende. Über der Stadt erhebt sich der Monte Verità, der Berg der Wahrheit. Hier gab es vor dem ersten Weltkrieg eine der ersten Kommunen überhaupt. Was als Export der Schwabinger Subkultur um die Feministin Ida Hofmann und die Gebrüder Gräser begann, entwickelte sich für zwanzig Jahre zum Pilgerort für Zivilisationsmüde aller Art, Künstler, Feministen, Nudisten, Vegetarier, auch Anarchisten und Pazifisten kamen, die meisten abermals Deutsche, es war ein Ort für große Utopien und große Spinnereien. Das mediterrane Klima am Lago trieb die kühnen Gedanken hervor, und der Blick aus dem grandiosen Bauhaus-Hotel von Emil Fahrenkamp tat ab 1929 das Seine dazu.

1929 ist auch das Geburtsjahr von Hans Magnus Enzensberger, er zählt mit Claudio Magris, Mario Botta und etlichen anderen zu den prominenten Gästen des Literaturfestivals, das im Hotel stattfindet. Enzensberger passt zu diesem einst so radikalen Ort, der heute einen gemäßigten, quasi geläuterten Eindruck macht (Barfüßler kann man sich hier nicht mehr vorstellen) – wie Enzensberger selbst, der sich nach seiner Kuba-Phase immer weiter vom utopischen Geist der Zeit entfernt hat, ein menschenfreundlicher Ironiker wurde. Enzensberger liest aus seinem Buch Meine Lieblingsflops und findet beim Scheitern von Utopien die Fallhöhe entscheidend.

Fast alle Utopien scheiterten, weil sie viel zu groß waren. Vom Monte Verità ist vor allem der Mythos geblieben, der in der Rückschau schon damals angekratzt schien. Man stritt sich, ob man Schuhe aus Leder tragen oder Dienstboten haben darf. Franziska von Reventlow arbeitete am Ende ihres Lebens als Lockvogel in einem Locarno Kasino, erzählt die Journalistin und Autorin Elke Schmitter. Der Monte Verità war ein Flop, aber eben ein produktiver Flop, findet Enzensberger: Hermann Hesse, der hier einen vierwöchigen Alkoholentzug antrat, arbeitete sich ein Leben lang an dem charismatischen Gusto Gräser ab, dem Spiritus Rector des Monte Verità. Und die Feministin Ida Hofmann-Oedenkoven hat für uns heute Selbstverständliches durchgesetzt, sie verbat es sich, als Fräulein angesprochen zu werden, sondern bitte mit ihrem Doppelnamen. Es zählen die mühsam errungenen, kleinen Siege, sagt Enzensberger.

Leserkommentare
  1. Die summa cum laude Dissertation von Fabio Ricci:
    "Ritter, Tod und Eros"
    (Die Kunst Elisar von Kupffers, 1872-1942)
    Als Buch erschienen 2007 im Böhlau Verlag.

    Dr. Ricci hat in dem Nachlaß am Monte Verita wahre Pionierarbeit geleistet und ein herausragendes Kultur-Zeugnis für die Nachwelt erhalten!

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    • trebla
    • 25. März 2013 19:56 Uhr

    ... kommt der Autorin wohl nicht in den Sinn, die von ihr beschriebene Tristesse dadurch befördert. Eine Anreise im Zug würde wohl bereits unter "Utopie" fallen ... Wie wäre es mit solchen kleinen Schritten anzufangen?

    2 Leserempfehlungen
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    • gorgo
    • 26. März 2013 9:12 Uhr

    Ebendies - Anreise mit dem Zug sehr zu empfehlen - Autofahrerinnen gönnt Euch das doch Mal!

    • gorgo
    • 26. März 2013 9:12 Uhr

    Ebendies - Anreise mit dem Zug sehr zu empfehlen - Autofahrerinnen gönnt Euch das doch Mal!

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    • dacapo
    • 26. März 2013 9:46 Uhr

    Für manche, die gerne mit dem Zug fahren, ist es manchmal ein Vergnügen, mit dem Auto zu fahren. Man soll das Leben abwechslungsreich gestalten, nicht einseitig sein, ein bisschen flexibel, immer den Stimmungen entsprechend - solange es noch geht, das vorausgesetzt. Aber streng nur ein Modell zu deklarieren, ist wahrlich nicht utopisch.

    • dacapo
    • 26. März 2013 9:46 Uhr

    Für manche, die gerne mit dem Zug fahren, ist es manchmal ein Vergnügen, mit dem Auto zu fahren. Man soll das Leben abwechslungsreich gestalten, nicht einseitig sein, ein bisschen flexibel, immer den Stimmungen entsprechend - solange es noch geht, das vorausgesetzt. Aber streng nur ein Modell zu deklarieren, ist wahrlich nicht utopisch.

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    Antwort auf "Richtig"
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    • gorgo
    • 31. März 2013 14:15 Uhr

    Ich "deklariere" kein "Modell", guter Mensch, sondern stecke Autofahrer/inn/en, die hier erzählt bekommen, dass die Anfahrt öde sei, dass diese Strecke mit dem Zug wunderschön ist. Zugfahren muss keiner.

    Ich persönlich muss auch nicht ab und an mit dem Auto fahren, wie sie mir nahelegen ("Man soll..." - nein - ich soll gar nichts).
    Ich besitzeich bestze kein Auto und möchte es auch nicht (einen Zug besitzt man eben nicht und muss es auch gar nicht - deshalb bleibt er immer eine gute Alternative ;-) - für jeden!)

    "Man Man soll das Leben abwechslungsreich gestalten" - "man" soll, wie gesagt gar nichts - aber man KANN tatsächlich so viele hochinteressante Zugstrecken nehmen, dass man in einem einzigen Leben nicht ein Promille davon abdecken kann - also den Bach bitte etwas flacher halten.

  2. rund um den Lago erfährt man ganz leicht beim googeln. Aach, diese Ödnis der überwältigenden Naturreize ...
    Die Dame hätte den Nachtzug nehmen sollen.

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    • Varech
    • 26. März 2013 10:14 Uhr

    ... fiele vom Nachtzug aus vielleicht weniger auf, aber da sitzen dann auch noch Leute rum, die sich nur IKEA leisten können. Heute will man/frau doch einfach, - einfach besser leben.

    Es ist tatsächlich nicht so leicht, der Utopie näher zu kommen, und unversehens hat man sie hinter sich.

    • Varech
    • 26. März 2013 10:14 Uhr

    ... fiele vom Nachtzug aus vielleicht weniger auf, aber da sitzen dann auch noch Leute rum, die sich nur IKEA leisten können. Heute will man/frau doch einfach, - einfach besser leben.

    Es ist tatsächlich nicht so leicht, der Utopie näher zu kommen, und unversehens hat man sie hinter sich.

  3. Das liest sich eher wie Nostalgie, denn als Utopia. Und wie könnte es anders sein? Die Zeit ist versunken und mit ihr der Ort und der Zauber. Sie lebt in den den Werken von Herrmann Hesse und anderer, aber wenn man versucht, das was da war dort unter aktuellen Bedingungen lebendig zu machen produziert man Zombies. Alle Beteiligten waren seinerzeit relativ unbekannt, auch wenn sie erste Erfolge verbucht hatten. Aber Hesse war noch kein Nobelpreisträger geworden, die Nazis waren noch nicht über Europa hergefallen und die Utopie war der Gegenentwurf zu dem was real folgen sollte. Josef Knecht war weder geboren noch hatte er sein letztes Bad im See genommen. Es gab auch noch keine Echtzeit Übertragung von Wort und Bild und Medien, die Gratis Kultur produzieren, um ihre Produkte weiter erfolgreich vermarkten zu können. Das bedeutet nicht, dass man die Erinnerung an diesen Ort und an das was er bedeutet nicht aufrecht erhalten sollte. Ich glaube aber, darüber hinaus wird uns aus dem was da veranstaltet wurde keine kulturelle oder gar spirituelle Erneuerung erwachsen.

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    • gorgo
    • 31. März 2013 14:15 Uhr

    Ich "deklariere" kein "Modell", guter Mensch, sondern stecke Autofahrer/inn/en, die hier erzählt bekommen, dass die Anfahrt öde sei, dass diese Strecke mit dem Zug wunderschön ist. Zugfahren muss keiner.

    Ich persönlich muss auch nicht ab und an mit dem Auto fahren, wie sie mir nahelegen ("Man soll..." - nein - ich soll gar nichts).
    Ich besitzeich bestze kein Auto und möchte es auch nicht (einen Zug besitzt man eben nicht und muss es auch gar nicht - deshalb bleibt er immer eine gute Alternative ;-) - für jeden!)

    "Man Man soll das Leben abwechslungsreich gestalten" - "man" soll, wie gesagt gar nichts - aber man KANN tatsächlich so viele hochinteressante Zugstrecken nehmen, dass man in einem einzigen Leben nicht ein Promille davon abdecken kann - also den Bach bitte etwas flacher halten.

    Antwort auf "aber auch richtig"

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