ZEIT ONLINE: Herr Lauinger, Sie sind in diesem Jahr, wieder einmal, mit einem Buch in der Kategorie Übersetzung für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, dieses Mal mit Claudia Otts Übersetzung von 101 Nacht aus dem Arabischen. Wie oft muss sich ein solches Buch verkaufen, damit es Gewinn macht?

Horst Lauinger: Wenn es sich um eine Erst- oder Neuübersetzung handelt, müssen es schon an die 10.000 verkauften Exemplare sein, damit man in die schwarzen Zahlen kommt, also überhaupt die Kosten einspielt. Bei umfangreicheren Bänden, ab etwa 600 Seiten aufwärts, ist es reine Geldvernichtung, wenn man nicht über die Erstauflage hinauskommt.

ZEIT ONLINE: Gilt das für alle Bücher des Manesse-Verlags?

Lauinger: Die Manesse Bibliothek ist noch mal ein Sonderfall, da wir hier einen sehr hohen Wareneinsatz haben: Leinen, Goldprägung, Fadenheftung, hochwertiges Papier. Das kostet Unsummen. Für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert zu werden ist eine tolle Auszeichnung für die Übersetzerin, für den Verleger ist es ein Vabanquespiel: Bekommen wir den Preis und haben nicht nachgedruckt, geht uns das Geschäft durch die Lappen. Bekommen wir den Preis nicht und haben nachgedruckt, bleiben wir auf der riesigen Restauflage sitzen. Das nennt man Berufsrisiko.

ZEIT ONLINE: Jetzt kann man einwenden: Manesse gehört zu Random House, ist ein Konzernverlag. Wenn Sie Verluste machen, fallen Sie weich.

Lauinger: Das ist ein weitverbreiteter Irrtum. Jedes große Unternehmen, egal in welcher Branche, wird mittlerweile nach dem Profitcenter-Prinzip geführt. Das heißt: Jede zum Konzern gehörende Einheit muss für sich selbst bestehen können. Es ist also durchaus nicht so, dass, wenn zum Beispiel der Blessing-Verlag  mit dem neuen Schirrmacher-Buch Erfolg hat, ich davon in der Querfinanzierung etwas abbekomme. Querfinanzieren kann ich mich nur selbst, mit Manesse-Erfolgen. Man hat bei Random House selbstverständlich eine gewisse Renditeerwartung. Die muss ich nicht zu hundert Prozent erfüllen. Aber die schwarze Null am Ende des Jahres ist das Mindeste. Und das gelingt uns seit Jahren recht passabel.

ZEIT ONLINE:  Sie sind seit dem Jahr 2000 Verleger von Manesse. Die Entwicklungen auf dem Buchmarkt sind rasend. Was hat sich verändert in den 13 Jahren?

Lauinger: Rasend ist das richtige Wort. Und auch als ein an die Tradition gebundener Klassiker-Verlag darf man die Augen davor nicht verschließen. Trotzdem müssen wir unseren Stil wahren, selbst in den Neuerungen. Seit ich im Verlagsgeschäft bin, vergeht kein Jahr, in dem nicht das Ende des klassischen Verlegertums ausgerufen wird. Gemessen daran halten wir uns prächtig. Was sich geändert hat: Bis vor zehn Jahren konnte man Verlage noch primär auf die Backlist aufbauen. Es gab Titel, die verlässlich dafür gesorgt haben, dass über Jahrzehnte hinweg Geld in die Kassen gespült wurde. Wir haben eine Ausgabe der Grimmschen Märchen im Programm, die sich seit 1946 konstant gut verkauft hat. Seit etwa 10 Jahren nun sind die Zahlen signifikant rückläufig, und die Grimms sind leider keine Ausnahme. Da bricht gerade gewaltig was weg.

ZEIT ONLINE: Und die Gewinne aus der Backlist fließen dann in neue Projekte, beispielsweise Übersetzungen?

Lauinger: Genau. Neuübersetzungen sind unerlässlich. Doch die Verkäuflichkeit über Jahrzehnte hinweg hat in dramatischer Weise abgenommen. Das hat zum einen mit dem schwindenden Bildungsbürgertum zu tun. Zum anderen aber liegt es auch an der Taktung, in der Novitäten heutzutage wahrgenommen werden. Das gesellschaftliche Bedürfnis nach permanent Neuem, nach Inszenierung, wird längst auch aufs Lesen übertragen.

ZEIT ONLINE: Woran merken Sie das?

Lauinger: Der Lebenszyklus von Büchern ist viel kürzer geworden, Buchhändler remittieren Titel wesentlich schneller. Vor 20, 30 Jahren gab man einem Buch im Idealfall zwei bis drei Jahre Zeit, um durchzudringen. Heute ist ein halbes Jahr schon viel. Danach wird, salopp gesagt, die nächste Sau durchs Dorf getrieben. Dass man ein aufwendig gestaltetes, kostenintensiv hergestelltes und dann auch höherpreisiges Buch über Jahrzehnte hinweg zu einem Standardwerk, zu einem Longseller aufbauen kann, scheint mir heute kaum noch möglich.