Martin Walser : Ein Buch der dunklen Gedanken

Zornig nach außen und nach innen: Martin Walsers dunkles Buch "Meßmers Momente" zeigt ein ganzes Lebensabenteuer in Prosa.

In Meßmers Gedanken, dem 1985 erschienenen Geburtsbuch seines Alter Ego, formulierte Martin Walser die Poetik dieser Form selbstauskünftlichen Schreibens: "Meßmers Ziel: die 4. Stufe der Autobiographie." Und weiter: "Ich möchte, dass die Abenteuer in Prosa stattfänden, nicht in Handlungen." Also keine "Als ich zum ersten Mal bei einem Treffen der Gruppe 47 dabei war"-Erinnerungen, keine Anekdoten und auch keine Zoten. Die geben im Übrigen auch Walsers Tagebücher nur in einem für das voyeuristische Empfinden unzureichenden Maße her. Stattdessen: das Wagnis der Gedankenschärfe.

Die Meßmer-Figur war der Reiz für eine Prosa, wie man sie von Martin Walser bis dahin ansonsten nicht kannte (und kennt). Eben nicht die weitschweifige Suada, in der der Text vom Sound getragen wird; kein Parlando, in dessen Kreisbewegungen gesellschaftliche und individualpsychische Zustände eingesperrt und mithin kenntlich gemacht wurden. Der Walser-Meßmer ist ein Aphoristiker von geradezu überwältigender Offenheit, mit dem Mut zur Selbstverletzung und -entblößung; ein melancholischer Weltbeobachter, der sich mit äußerster Disziplin der Strenge der kurzen Form unterwirft.

Nun ist, nach Meßmers Reisen (2003), der dritte Band mit Notaten erschienen, kurz vor Martin Walsers 86. Geburtstag. Die Seiten in Meßmers Momente sind noch großzügiger mit Leerräumen bestückt als in den vorangegangenen Bänden; die einzelnen Beobachtungen sind kürzer geworden; kaum, dass eine einmal acht Zeilen umfasst. Es wirkt, als ließe hier einer in vollem Bewusstsein etwas auf ein Ende hin zulaufen: Meßmers Momente ist ein Buch der dunklen Gedanken, der Verzweiflung. Es ist ein Buch der Gesänge und ein Abgesang. Zu Recht pries man Martin Walser für die Fabulierlust seiner jüngsten Romane, allen voran der alle Kategorien sprengende Muttersohn; ebenso muss man ihn nun, am entgegengesetzten Pol der sprachlichen Möglichkeiten, für dieses kleine Werk bewundern.

Das Bild, das Meßmer von sich entwirft, ist das eines in der Welt und in sich selbst Gefangenen: "Dass ich so gebunden bin an mich. Könnt ich mich trennen, es käm mir zugut. Man kann sich nicht verhalten, wie es das Beste wäre für einen selbst. Bin ich mein Feind?" Das ausweglose Gebundensein an sich, der Widerspruch zu anderen und der Widerspruch zu sich selbst sind bei Walser eng verknüpft mit der literarischen Produktion: Literatur war für ihn stets eine Reaktion auf einen empfundenen Angriff, wie paranoid oder auch schlüssig einem das manchmal vorkommen mochte. Das erklärt häufig die Schärfe Walser’scher Attacken – sie erscheinen ihrem Sender als reine Selbstverteidigung. Zornig, manchmal geradezu aggressiv ist Walser geblieben, nach außen wie nach innen; gegen die Platzanweiser des Kulturbetriebs wie gegen die eigenen Mechanismen im permanenten Meinungsrausch; weise ist er geworden.

"Am liebsten", so heißt es, "möchtest du nur noch dir selber verständlich sein. Es tut weh, die Sprache derer benutzen zu müssen, die dich schinden." Fragte man, wie viel Koketterie in einer derartigen Sentenz steckt – man bekäme möglicherweise eben diese als Antwort zurück. Besonders tröstlich werden Meßmers Momente immer dann, wenn sie die Vergänglichkeit festhalten. Das ist nur scheinbar paradox und hat einen bestimmten Grund: Walsers Gedanken trösten, weil sie formuliert und damit in der Welt sind. Was darf man mehr von ihnen verlangen? "Ich möchte so müde sein dürfen, wie ich bin", schreibt Meßmer, und kurz darauf: "Ich bin die Asche einer Glut, die ich nicht war." Die Grenze zwischen Prosa und Lyrik verschwimmt in Meßmers Momente ebenso wie die zwischen Realität und Traum, zwischen Beobachtung und Vision. Geerdet ist Meßmer letztendlich immer durch die Rückbesinnung auf ein Heute und ein Ich: "Ich will das Wichtige nicht wissen. Gefunden werden wie der Vogel im Gebüsch. Noch Federn, wäre schön. Dass man sieht: Das konnte einmal fliegen." Wenn das nicht ein ganzes Lebensabenteuer in Prosa ist, was sonst?

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Kommentare

36 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Toleranz

sicher würde Sie auch ehren, wenn Sie die Ansichten eines Menschen, auch wenn sie sich nicht mit Ihren decken, respektierten. Aller Wahrscheinlichkeit nach, wie die Meisten aus Ihrem Betrieb, gehen Sie von der Annahme aus, dass man Ihnen alles abnehmen, ohne Widerrede, muss. Ihnen wünsche ich auch einen guten Tag, aber ehrlicher als Sie es mit Ihrer "Zielscheibe" gemeint haben.

Gratuliere!

Die (unvollstaendige) Wikipedia-Bibliographie listet so etwa 80 Walser-Buecher auf - und die haben Sie nach eigener Aussage alle gelesen!

Damit sind Sie wahrscheinlich der groesste lebende Walser-Experte auf der Welt. Ich kenne einen renommierten Literatur-Professor, der zu Walser publiziert hat und generell als grosser Experte angesehen wird. Er hat nach eigener Aussage etwa die Haelfte von Walsers Buechern gelesen...das ist ja geradezu NICHTS im Vergleich zu Ihrer wirklich bewundernswerten Kenntnis des Walser'schen Werkes.

Und besonders glaubwuerdig ist Ihre Lektuere ALLER Walser-Buecher natuerlich schon allein deshalb, weil Sie ihn so sehr verabscheuen und man foermlich spuert, welcher Ekel Ihnen Walser bereitet. ich sehe Sie foermlich vor mir, wie Sie (geschaetzt) mehrere Jahre Ihrer Lebenszeit unter unertraeglichen Qualen und von Brechreiz geschuettelt noch ein Walser-Buch und noch ein Walser-Buch und noch ein Walser-Buch unter Qualen abarbeiten...

Oder sind Sie etwa nur ein Aufschneider und Blender, der keine Ahnung hat? Nein, das kann nicht sein!!!!!

Wenn der Mond abnimmt wird die Erd´ finsterer

Platzanweiser sind allenthalben vorhanden. Nicht immer sehen sie entsprechend dem althergebrachten Antlitz. Somit werden sie immer häufiger anders genannt. Herr Walser hat sicherlich im Laufe seines ereignisreichen Lebens etliche zu Gesicht bekommen. Auch gute Plätze bekam er durch solche Subjekte zugewiesen. Trugen sie womöglich nicht auch dazu bei, dass er dort ankam, wo wir ihn heute wahrnehmen und so sprechen darf wie er tut?

Die Klarheit im Sinn

wenn ich verbal oder schriftlich Stellung nehme, beabsichtige ich nicht zu streiten oder gar anzugreifen. Sie deuten, ich deute, wir alle deuten, wenn wir lesen. Demzufolge je klarer die Aussage, um so größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht ander gedeutet werden, als der Autor es wünscht. Sollten mich ihre Worte zu einer Fehldeutung in ihrem Sinne geführt haben, dann wollen wir das Missverständis bequemen und unseren Dialog auf Null zurück setzen. Inm Zuge des RESETS bestatten Sie besser den Spruch Ihres Herrn Walser über die Bücher die gelesen und nicht gelesen werden und von wem sie auch immer sind. Denn genau dieser Spruch beschreibt den wahren Charakter des Schriftstellers und relativiert seine zweifelhafte Popularität.

Ihre Irrationalität

Ihre Dialektik soll treffen, sie tut es aber nicht. Ich wollte es Ihnen ersparen, aber Sie möchten es unbedingt wissen. Sie verknüpfen Worte, Sätze und Argumente, so dass Sie jederzeit, wie es Ihnen passt der Situation, zu Ihrem Zwecke, anpassen. Ihre verstiegene Verhaltensweise ist Ausdruck Ihrer unbegründeten Arroganz. Arroganz kann, wenn Sie sich mit klassischen Studien befasst haben auch eine positive Seite innehaben. Im Gegensatz zu Ihnen versuche ich nicht zu ergründen, was Ihre wahre Tugend ist. Sie schreiben, ich reagiere. Ich bezichtige nicht, empöre mich nicht und erhebe mich auch nicht zur höchsten moralischen Instanz. Sie verstehen mich nicht, ich noch weniger. Sie sollten jedoch anfangen, es ist nie zu spät, auch andere Denkwelten zu akzeptieren. Ihre Kapsel können Sie sprengen, wenn Sie möchten. Haben Sie etwas zu verlieren, wenn Sie es nicht tun? Den Dialog auf NULL setzen, heißt seit 2.500 Jahren, alles rückgängig zu machen/tilgen. Ich brauche Sie nicht, Sie mich nicht. Somit sind wir dort, wo wir vor unserer Korrespondenz waren.