Michail SchischkinLiebesbriefe aus der Geisterwelt

Ein Paar verlässt Raum und Zeit: In "Briefsteller" erzählt der russische Autor Michail Schischkin kunstvoll von der Liebe in Zeiten des Krieges. von Fokke Joel

Michail Schischkin

Michail Schischkin  |  © Evgeniya Frolkova

"Hinterher beim Nachhausegehen", schreibt Wladimir an Sascha, "kam mir der Gedanke, dass die wirklich großen Bücher oder Gemälde gar nicht von Liebe handeln, das geben sie nur vor, damit das Lesen Spaß macht. In Wirklichkeit geht es um den Tod." Kein Wunder, dass Wolodja, wie er in Michail Schischkins Roman Briefsteller zärtlich von seiner Geliebten genannt wird, diesen Gedanken hat, ist er doch Soldat in einem Krieg. Einem Kolonialkrieg, der "Boxeraufstand" genannt wird, und Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts weit weg in China mit aller Brutalität geführt wurde. "Der Tod ist allgegenwärtig hier", schreibt Wolodja. "Ich versuche nicht daran zu denken. Es gelingt nicht."

Während Wolodja der Wirklichkeit des Krieges durch die Berichte über seinen Alltag, die Erinnerungen an seine Kindheit und seine Gedanken zu Leben und Tod zu entkommen versucht, berichtet Sascha über das, was zu Hause passiert. Sie schreibt von ihrer Kindheit, von der Mutter, die immer alles perfekt macht und für die sie nie perfekt genug sein konnte. Oder von ihrem blinden Stiefvater, den sie nicht mochte. Beide, könnte man sagen, schreiben sich gegenseitig einen Roman, der ja im klassischen Sinne mit der Geburt des Helden beginnt und mit dessen Tod endet. Aber dann stirbt Wolodja auf Seite 99.

Anzeige

Zuvor hatte der Leser bereits das Gefühl, das beide irgendwie nicht in derselben Zeit leben. Sascha, so lässt sich an Details erkennen, schreibt ihre Briefe in der Gegenwart und nicht Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wie Wolodja. Beide nehmen auch nichts aus den Briefen des Anderen auf, beantworten zum Beispiel keine Fragen. Schon ganz am Anfang besteht dieser Briefroman deshalb eigentlich aus Briefen an jemanden, den es nicht gibt. Zeit und Raum verschieben sich im Briefsteller, sodass dann nicht verwunderlich ist, wenn Sascha weiter Briefe vom eigentlich toten Wolodenka erhält, so wie sie umgekehrt auch weiter Briefe an ihren Geliebten schreibt.

In der Welt der Toten

Und obwohl das alles sehr postmodern klingt, stört es nicht oder beeinträchtigt die Intensität dieser Liebesbriefe. Dem 1961 geborenen Michail Schischkin gelingt es, das Leben seiner Briefsteller überzeugend in seiner ganzen Vielfältigkeit zu erzählen. Auch die Nebenfiguren sind lebendig geschildert, wie zum Beispiel der blinde Stiefvater von Sascha oder ihre Stieftochter, mit der sie zunächst ihre Schwierigkeiten hat. Und wenn Wolodja aus dem fernen Krieg in China schreibt, nur die Briefe an Sascha würde ihn den Wahnsinn des Krieges aushalten lassen, ahnt der Leser, das mancher Liebesbrief, der geschrieben wird, mehr an einen Geist als an einen realen Menschen gerichtet ist. Oder an einen Toten, der weit weg, in China, vor langer Zeit gestorben ist.

Michail Schischkin hat einmal gesagt, man könne eine Geschichte schreiben, die auf einen fernen Planeten spielt, wichtig sei nur nur, "dass alles glaubwürdig echt wirkt: der Himmel, die Schatten, eine Berührung, Angst, Liebe, Schmerz." Und wenn Wolodja an Sascha schreibt, "nur Briefe kommen nicht an, die ungeschrieben bleiben", weist auch das darauf hin, dass das Schreiben selbst das Entscheidende ist und nicht die Ankunft und die Lektüre des Adressaten. Trotzdem – und das ist das Widersprüchliche an der Geisterwelt, in der Sascha und Wolodja leben – müssen beide daran glauben, dass der jeweils andere seine oder ihre Briefe liest. Das für den Leser spürbar zu machen, ist Schischkins große Kunst. Vielleicht trauen sich die beiden auch deshalb nicht, konkret auf die Briefe des jeweils anderen einzugehen. Weil sie insgeheim ahnen, dass es den anderen gar nicht gibt. Das Konstitutive ihrer Liebe bleibt jedoch, dass der andere Raum und Zeit verlassen hat und sich in einer anderen Welt befindet. Und selbst wenn es die Welt der Toten ist.

Was die reale Liebe angeht, scheint Schischkin deshalb ein Pessimist zu sein. In Venushaar, seinem ersten auf Deutsch erschienen Roman, war es Isolde, die den Helden des Buches, einen Russisch-Dolmetscher, wegen ihres früheren Freundes Tristan verlässt. Ein Tristan, wohlgemerkt, der lange tot ist, bei einem Autounfall ums Leben kam. Immer wieder trauert Isolde diesem Tristan hinterher. Gegen die Liebe eines Toten, sagt man, kommt niemand an. Das passt auch zu dem, was Wolodja meinte, als er Sascha schrieb, in den großen Romanen der Weltliteratur ginge es eigentlich um den Tod, auch wenn sie von einer großen Liebe erzählten. Für den Briefsteller trifft das jedenfalls zu.

Zur Startseite
 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Schlagworte Autounfall | Brief | China | Liebe | Roman | Tod
    Service