Sachbücher : Wie war das nochmal mit den Piraten?

Eine ganze Reihe von Büchern beschäftigt sich gerade mit dem Innenleben der Piratenpartei und ihren Ideen. Man liest sie wie Nachrufe.
Die ehemalige politische Geschäftsführerin der Piratenpartei, Marina Weisband © Marcus Brandt / dpa / lno

Sachbücher zu aktuellen Themen haben ein fundamentales Problem: Sie kommen immer zu spät. Die Autoren rennen den Ereignissen hinterher. Der analytische Live-Ticker, er bleibt ein Traum.

So kommt es, dass gerade ein Haufen Bücher über die Piratenpartei erscheint, obwohl diese fast zur Bedeutungslosigkeit verkommen ist. Die Berichte aus dem Innern der Partei lesen sich wie ein Rückblick auf ein seltsames Phänomen: Was war das und worum ging es eigentlich?

Die Über-Piratin Marina Weisband tourt mit ihrem Erstlingswerk Wir nennen es Politik gerade über Titelseiten und Buchmessen. Dazukommen zwei Selbstversuch-Bücher: Die taz-Journalistin Astrid Geisler und das SPD-Mitglied Wolfgang Gründinger haben die Mitmach-Partei beim Wort genommen und sind den Piraten beigetreten.

Meine kleine Volkspartei, das Buch des Publizisten und Demokratieforschers Gründiger, ist ziemlich halbgar geraten. Der Autor kann sich nicht entscheiden, ob er diese Piraten nun analysieren oder sich tatsächlich auf sie einlassen will. Sein Buch ist ein bisschen Leitartikel, ein bisschen Reportage, aber nichts so richtig. Gründinger will unbedingt den ganz großen Bogen schlagen, weswegen Colin Crouch (Postdemokratie!) und Henry David Thoreau (Ungehorsam gegen den Staat!) unbedingt vorkommen müssen.

Seinem hohen Anspruch wird der Autor aber nicht gerecht. Das Buch ist voller Phrasen und überflüssiger Sätze wie "Pavel nimmt einen Schluck Bier gegen den Durst." Das ist nicht lebensnah, sondern zäh. Ein paar interessante Gedanken finden sich dennoch. Zum Beispiel, wenn Gründiger – inzwischen wieder SPD-Mitglied – die kläglichen Online-Beteiligungsbestrebungen seiner Partei mit dem digitalen Naturzustand der Piraten vergleicht.

"Piratenbraut" ist kurzweiliges Tagebuch der Piraten-Politik

Astrid Geisler versucht sich erst gar nicht in hochgestochenen Analysen, sondern schreibt in Piratenbraut ihre Zeit in der Partei einfach mit: Wer wann was zu ihr gesagt hat, was in welcher Kneipe passiert ist und welche Mails sie wem geschickt hat. Als kurzweiliges Tagebuch der turbulenten Piraten-Politik funktioniert das sehr gut. Vor allem, weil der unprätentiöse Ton der Autorin gut zu dem innerhalb der Piratenpartei passt.

Im Unterschied zum Beobachter Gründinger hat Geisler außerdem wirklich versucht, selbst Politik zu machen. Ihr Antrag zur Familienpolitik wird allerdings von anderen Piraten, die Geisler nie gesehen hat, im Internet umgebaut und aufgeteilt. Plötzlich geht es dann auch um das Grundeinkommen und einer sollte das Ganze auch mal durchrechnen. Plötzlich sind die wohlmeinenden Unterstützer genau so schnell wieder verschwunden, wie sie aufgetaucht sind. Geisler steht mit ihrem zerpflückten Antrag, den sie selbst nicht mehr versteht, wieder alleine da. Diese kleine Geschichte erzählt so viel darüber, wie die Piraten versuchen, Politik zu machen, dass es sich allein dafür schon dafür lohnt, das Buch zu lesen.

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Kommentare

8 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Noch zur Ergänzung

Ihre Kritik hier geht doch deutlich detaillierter auf offensichtliche Schwachpunkte in dem Buch ein, als Ihre Interviewfragen, die ich dazu im Vergleich eher oberflächlich und unkritisch finde. Bei der ersten Lektüre des Interviews hatte ich den Eindruck einer Stichwort-Gabe für die Interviewte.

Aber, Sie sprechen es schon an, was beim Leser ankommt und was beabsichtigt war oder von anderen gelesen wird..

In diesem Sinne!

Ohne intellektuelle Vorreiter

Die Pirat(inn)en sind als Partei ohne intellektuelle Vordenker geblieben. Man kann darin natürlich - Stichwort: Banalität - etwas positives sehen wollen, im Sinne von volksnah, flexibel, unverkopft, bar akademischer Bevormundung. Dennoch ist und bleibt auffällig, dass die erfolgreichen Gründungen politischer Verbände alle ihre umfassend, verschachtelt denkenden Vorreiter hatten. Auch wenn man deren Rat nicht immer befolgt hat, so hängt programmatische Authentizität doch auch mit dem Vorhandensein zumindest der Möglichkeit der kritischen Reflexion auf die Komplexität der politischen und weltlichen Tatsachen zusammen. Von der Möglichkeit einer kritischen Distanz zur politischen Macht selbst, qua Denken, einmal abgesehen. Genau dies aber ist der wunde Punkt der Piraten, man traut Ihnen - und ich meine zu Recht - nicht zu, programmatisch auf ernste politische Herausforderungen zu reagieren, und dem Spitzenpersonal vertraut man nicht zu, über persönliche Ideologien oder egoistische Ziele hinweg praktisch kooperieren zu können, was man jüngsterzeit auch so bestätigt finden kann, wenn man die Geschehenisse in diese Lesart einpasst, und das geben diese ja doch her.