Roman "Absolute Beginners"Große Randale in London

Als Kiddos noch Kiddos waren und Teens noch Wut hatten: Der Roman "Absolute Beginners" ist ein furioses Zeitdokument aus dem England der Fünfziger. von 

Es ist der Vorrang, wenn nicht die Pflicht der Jugend, rebellisch gestimmt zu sein. Der junge Mensch muss sich abgrenzen, von den Altersgenossen, von den Erwachsenen, um sich selbst zu finden, bisweilen gar im Abseits wiederzufinden. Diese Bemühungen prägen sich häufig ästhetisch skurril aus. Besonders die Mode erfährt dann mal wieder, was es heißt, komplett umgekrempelt zu werden. In der Literatur ist die Figur des verzweifelt um Distinktion bemühten adoleszenten Randalierers spätestens seit dem Fänger im Roggen (1951) eine feste Größe. Durch Christian Krachts Faserland (1995) hat er im deutschsprachigen Raum ein unwiderstehlich schnöseliges Denkmal gesetzt bekommen.

Mit Absolute Beginners von Colin MacInnes ist jetzt endlich auch wieder ein Klassiker der englischen Adoleszenz-Literatur auf dem deutschen Buchmarkt erhältlich. In diesem erstmals 1959 erschienenen Roman, dessen Verfilmung mit David Bowie in der Hauptrolle fürchterlich missraten ist, wird der Generationenkrieg offen und aggressiv ausgetragen. Die Handlung spielt zu einer Zeit, in der die Minderjährigen sich selbst noch stolz als "Teenager" titulierten. Das klingt heute natürlich so, als sei man "happy" darüber, seine Sexualkenntnisse von Dr. Sommer aus der Bravo zu beziehen.

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Wichtiger als die Begrifflichkeit ist das Bewusstsein dieser "Teens" oder "Kiddos", wie sie sich auch nennen, die Menschen der Stunde zu sein, ausgestattet mit "einer Art göttlicher Macht direkt von Mutter Natur". Das Bewusstwerden der eigenen Identität ist wohl immer ein großherrlicher Akt, der von dem Gefühl der Einzigartigkeit geblendet scheint – und unterwandert von der Furcht, in Wahrheit doch nur ein Hanswurst wie alle anderen zu sein.

Unterhaltsam vernichtend

Als der 1914 in London geborene Autor sich daran machte, seinen jugendlichen Ich-Erzähler auf eine Reise durch das Proll- und Jazz-England der fünfziger Jahre zu schicken, durch Klubs und Szeneorte, üble Etablissements und elende Puffabsteigen, war er selbst, der Mittvierziger, dem "Kiddo"-Alter längst entwachsen. Demgemäß findet sich die Klugheit des Alters in der Anlage des Romans wieder. Natürlich verfolgt der Leser den inneren Monolog des Ich-Erzählers mit hämischer Freude.

Allein in der Jugend urteilt der Mensch so unerbittlich und scharf abgrenzend, so unterhaltsam vernichtend und schwachsinnig engstirnig. Wer sich in jenem ökonomisch überschaubar abgesteckten Rahmen bewegt, den das Jugendalter zulässt, kennt auch nur den Blick auf diese kleine Welt. Die mag noch sehr mit Pornos und Prostitution, mit Drogen und Diebstahl gesättigt sein. Die Verachtung den eigenen Eltern gegenüber kann noch so radikal formuliert sein. Und die popkulturellen Unterscheidungskriterien mögen noch so spitzfindig und energisch vorgetragen werden.

Leserkommentare
  1. ..Der junge Mensch muss sich abgrenzen, von den Altersgenossen, von den Erwachsenen, um sich selbst zu finden, ...

    das ist sicherlich richtig. jedoch ist auch zu beobachten, dass dieses bei urstämmen fast nicht auftrat. man wurde mit der menstruation, oder fortpflanzugsfähigen alter durch rituale zur frau / mann. der mann konnte eine frau nehmen, krieger, und gleiche rechte in anspruch nehmen wie die 'grossen'. in den heutigen 'mentalen' gesellschaften, die griechen waren da schon weit, ist der junge mit zb 15jahren kein kind mehr, auch kein erwachsener. er muss zur schule und untersteht weiterhin den eltern. der jugendliche ist faktisch gezwungen eine eigene gruppe, mit einer gruppenidentität zu folgen. dem teenager.

    jugendliche bieten erwachsenen sehr tolle impulse und spiegelungen anhand dessen ein erwachsener sehr wohl wachsen kann

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  • Schlagworte London | Roman | David Bowie | Bravo | Prostitution | Sommer
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