Roman "Dorf der Idioten"Tage, an denen die Sonne kotzt

Nein, die Welt ist kein guter Ort: Die Französin Max Monnehay erzählt in ihrem Roman "Dorf der Idioten" von einer schrägen Utopie des Glücks. von 

Max Monnehay, Jahrgang 1981

Max Monnehay, Jahrgang 1981  |  © Hermance Triay

Es gibt Tage, an denen man sich vor der Welt verkriechen will. An denen die Gesellschaft bloß ein moralisch degenerierter Menschenklumpen ist. An denen das Elend nur die trifft, die ohnehin schon gebeutelt sind. An solchen Tagen könnte man versucht sein, Max Monnehays Roman Dorf der Idioten zu lesen.

In durchnummerierten "Anti-Lektionen" dokumentiert der 22-jährige Bastien seine misslungene Eingliederung, sein Scheitern an der Normalität. Schuldig gesprochen werden das Elternhaus (kaltherzige Mutter, Trinkervater, Schimmel an den Wänden) und die Gesellschaft: "Deine elementarsten Rechte wurden zu heißer Luft, und in den mit übel wollenden Beamten vollgestopften Büros prallten deine Schreie an den Wänden ab, trieben dich dem Ausgang entgegen, dem einzigen Weg, der dir gewiesen wurde, wo du auch hinkamst."

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Als Bastien auf eine Anzeige stößt, die für ein besseres Leben in der Abgeschiedenheit wirbt, zögert er nicht, seine Familie hinter sich zu lassen. Der charismatische Pierrot hat sein Familienerbe darauf verwendet, eine verlassene Siedlung herzurichten; er schart Idioten aus ganz Frankreich um sich und wagt einen Neubeginn: "Wir waren nicht eingesperrt. Es war die übrige Welt, die Pierrot in den Knast gesteckt hatte, während wir als freie Menschen außerhalb der Gefängnismauern lebten."

Pierrot regiert das Dorf liebevoll und unangefochten; er geht weniger als Idiot denn als religiöser Führer durch, als eine Mischung aus Jesus und Buddha. Ob unter den Begriff "Idioten" nur normal bis Hochbegabte fallen, die von ihrem familiären Umfeld ins Verstummen gedrängt wurden oder ob damit auch andere von Ausgrenzung betroffene Menschen gemeint sind, etwa psychisch Kranke oder Menschen mit geistigen Behinderungen, bleibt unklar.

Verstümmelte Körper

Mal stellt Monnehay ihre Dorfbewohner als sabbernde Wesen dar, die keiner Sprache und keines klaren Gedankens mächtig sind, dann wieder zeichnet sie das Bild einer funktionalen Gemeinschaft, deren Mitglieder prädestiniert dafür sind, glücklich zu werden, gerade weil sie von den Ängsten und Regeln der Normalen nichts verstehen: Ein Idiot sucht sich seine eigene Familie, er pflegt Kontakt nur mit denen, die er wirklich gern hat und beginnt jeden Morgen ein neues Leben, weil alle Kränkungen des vorangegangenen Tages – oder auch der vorangegangenen Stunde – vergessen sind.

Tatsächlich wird das Dorf der Idioten ein Ort des Glücks, zur Utopie, aber Monnehays Roman zählt nicht zu den Büchern, in denen für irgendwen ein Happy End drin wäre. Die Autorin scheint ihren Lesern auf die harte Tour beibringen zu wollen, dass die Welt kein guter Ort ist. Wenn Ich-Erzähler Bastien nicht gerade jammert ("die Erinnerung an Mams Schmollmund, der mir etwas in meine unschuldigen Kinderohren zischt, das lässt nur mich zittern") oder sich gegen die Primatenbrust hämmert ("auch wenn die Mehrheit sich darin einig ist, dass Literatur kein Geschlecht hat, so habe ich doch die Macht, euch das zwischen die Beine zu rammen, was mir passt. Ein großes, dickes, hartes Ding, zum Beispiel"), spart er nicht mit Schockeffekten. Ausgiebig werden da der Sex mit einer traumatisierten Frau oder verstümmelte Körper geschildert, genüsslich wird zu chinesischen Foltermethoden oder der Reihenfolge abgeschweift, in der man einen Menschen am besten verspeist.

Mit seinen grotesken und oft redundanten Monologen entpuppt sich der Protagonist als größtes Problem im Dorf der Idioten. Bastiens Bemühungen, zu schockieren, seine verschobene Logik und chaotische Erzählhaltung mögen Monnehays Vorstellung von Rollenprosa geschuldet sein; diese Vorstellung verhindert aber, dass die Geschichte sich wirklich entfalten kann. Das Dorf und seine Bewohner verblassen hinter Bastiens Geltungsdrang, hinter seinen Adjektiven und Flüchen. Für einen Unterhaltungsroman ist Dorf der Idioten zu bemüht tragisch und für Gesellschaftskritik zu seicht; vielleicht ist es einfach ein Buch für schlechte Tage.
 

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Leserkommentare
  1. 2. Alter?

    "...durchnummerierten "Anti-Lektionen" dokumentiert der 22-jährige Bastien seine misslungene Eingliederung...."

    Ist sie nicht 32?

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    Redaktion

    Bastien ist die Hauptfigur des Romans. Er ist 22. Die Autorin ist 32.

    Mit bestem Gruß
    DH

  2. Redaktion

    Bastien ist die Hauptfigur des Romans. Er ist 22. Die Autorin ist 32.

    Mit bestem Gruß
    DH

    Antwort auf "Alter?"
    • cmim
    • 18. April 2013 16:10 Uhr

    mit Nähe zur Posse in Novellenlänge

    via ZEIT ONLINE plus App

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Jesus | Anzeige | Dorf | Körper | Logik | Roman
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