VerlagsbrancheAmazons Pläne für den Buchmarkt

Der Konzern investiert verstärkt ins Verlagswesen: In Deutschland vor allem im Bereich Selfpublishing, in den USA werden Backlisten von Verlagen aufgekauft. von Astrid Herbold

Emily Bold spart nicht mit Lob: "Amazon has changed my life", schreibt die 33-Jährige aus Mittelfranken auf ihrer Website. Tatsächlich ist Emily Bold, die im echten Leben anders heißt, eine der Buchmarkt-Gewinnerinnen des vergangenen Jahres. Einen Verlag hatte die Hobbyautorin lange vergeblich gesucht, niemand glaubte an das Potenzial ihrer romantischen Historienromane. Im Jahr 2011 nahm sie die Veröffentlichung selbst in die Hand, mithilfe von Kindle Direct Publishing (KDP), eine an den Kindle-Shop angegliederte Plattform für Selfpublishing.

Mittlerweile sind zehn E-Books von Bold erschienen, mit klingenden Titeln wie Vergessene Küsse, Verborgene Tränen oder In den Armen des Piraten. Weil die E-Book-Verkaufszahlen hervorragend sind, lässt die Autorin neuerdings auch gedruckte Bücher produzieren und zwar über das Amazon Programm "CreateSpace Independent Publishing" als Books-on-Demand. Bold hat die Buchrechte für den englischsprachigen Markt an "Amazon Publishing" abgetreten, die US-amerikanische Verlagsgruppe des Unternehmens. Auch in den USA gibt es jetzt Emily Bold Taschenbücher zu kaufen. Entdeckt auf Amazon, übersetzt, gedruckt, vertrieben von Amazon.

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Es ist eine Erfolgsgeschichte, eine, die die Amazon-Pressestelle in München deshalb gerne erzählt. Trotzdem lässt sich an ihr mehr ablesen als die zweifelhafte literarische Vorliebe von e-Reader-Besitzern. Bolds Beispiel zeigt auch, wie und auf welchen Wegen der Internethändler Amazon in den letzten zwei Jahren in die Geschäftsfelder der Verlagsbranche vorgedrungen ist. 

Preis oft unter vier Euro

In Deutschland liegt der Schwerpunkt dabei vor allem auf dem 2011 gelaunchten KDP-Portal. "Hunderttausende Bücher", lässt Amazon wissen, seien in den letzten Jahren weltweit von Selfpublishern hochgeladen worden. Über genaue Verkaufszahlen schweigt man sich zwar aus, aber regelmäßig schaffen es diese selbstproduzierten E-Books ohne Verlag im Hintergrund bereits an die Spitze der Kindle-Bestsellerlisten. Von den zehn meistverkauften deutschsprachigen Kindle-Büchern 2012 stammen laut Aussage des Unternehmens fünf von KPD-Autoren.  

Einer der Gründe für die guten Absatzzahlen ist – neben den schwärmerischen oder anderweitig gefälligen Inhalten – sicher der Preis. Selten kosten KDP-Titel mehr als drei oder vier Euro, oft sind es sogar weniger als zwei Euro. Damit liegen die Bücher preislich deutlich unter den E-Books, die von Verlagen produziert werden. Deren Preise sind zum einen an die der Printausgaben angelehnt, zum anderen unterliegen sie der Buchpreisbindung. KDP-Autoren dagegen können jederzeit eigenmächtig gegensteuern, können ihre Erstlingswerke auch für 99 Cent anbieten oder, bei steigender Nachfrage, die Preise nach Belieben anziehen.

Für Amazon wiederum, das an jedem verkauften KDP-E-Book mitverdient, lohnt sich der Boom der selbstpublizierten Bücher in mehrfacher Hinsicht: Die KDP-Autoren sorgen nicht nur für ständig neue und unschlagbar günstige Kindle-Inhalte, im besten Fall lassen sie ihre Bücher später außerdem über die Amazon-Tochter CreateSpace drucken und vertreiben. Beim hauseigenen Book-on-Demand Geschäft kassiert Amazon dabei bis zu 70 Prozent vom Verkaufspreis.

Ein professionelles Lektoren-Team gibt es trotzdem nicht, jedenfalls nicht in Europa. Das Lektorat übernimmt eine Software. Sie überprüft jedes eingereichte KDP-Buch auf grammatische und orthografische Fehler, auf unzulässige Themen oder Begriffe (pornografische oder extremistische Inhalte sind beispielsweise nicht erlaubt), und auch ein automatisierter Plagiatscheck wird durchgeführt. Findet die Software Auffälligkeiten, dann erhalten die angehenden Autoren Post von Amazon. Das seien allerdings "vorgefertigte Anschreiben", sagt eine Sprecherin, keine persönlichen Briefe eines konkreten Ansprechpartners.

 

Leserkommentare
    • 15thMD
    • 23. April 2013 12:21 Uhr

    Die klassischen Verlage müssen wirklich keine Angst vor der Zukunft haben. Das Internet ist ja ganz klar eine Modeerscheinung!

    Also ich halte das, was amazon da macht absolut für das Zukunftsmodell. Es wird sicher auch in Zukunft noch kleine "Verlage" oder Zusammenschlüsse von Autoren geben, aber für den Verkauf von Büchern an sich werden die großen Verleger einfach nicht mehr gebraucht.

    • jeany
    • 23. April 2013 12:59 Uhr

    Das nenne ich Liebe für‘s Produkt und Respekt vor der Arbeit des Autors.

    Eine Software korrigiert das Skript. Das Ergebnis einer solchen "Qualitätskontrolle" kann jeder selbst bei sich zu Hause am PC überprüfen. Die Inhalte bleiben davon jedenfalls unberührt.

    Und darüber hinaus wären dann tatsächlich noch die Auflagenzahlen interessant. Denn selbst wenn jemand viel veröffentlicht heißt es noch lange nicht, dass er auch viel verdient.

    Wenn z.B. bei 1.000 Downloads a 99 Cent 70% des Gewinns an Amazon gehen, sieht man wem diese Art zu publizieren wirklich nützt. Und was Amazon seinen Autoren dafür im Gegenzug bietet. Keine Qualitätskontrolle, keine Beratung, kein Marketing und geringe Verdienstaussichten.

    Schöne Zukunft.

    2 Leserempfehlungen
  1. Der Buchmarkt verändert sich - das wird wohl auch so bleiben.
    Man kann als Verlag entweder hoffen, dass alles so weitergeht wie bisher und die Menschen die Bücher weiterhin brav als Taschenbuch oder Hardcover kaufen. Oder man reagiert und versucht, sein Angebot umzustellen bzw. zu erweitern. Der Artikel selbst gibt eine mögliche Richtung vor:

    "Opulente Bildbände, Sachbücher, gesellschaftliche Analysen, politische Debattenbücher, Belletristik, Wissenschaft, Lyrik sucht man vergeblich."

    Warum nicht diese Sparten ausbauen und besonders pfleglich behandeln? Mit pfleglich meine ich: Kein Leser wird einen insolventen Verlag als Verlust erleben, wenn ich (als Vielleser) inzwischen in vielen Büchern Rechtschreibfehler oder Ungereimtheiten in der Handlung finde. Wie kann es sein, das in einem Buch in der 54. Auflage noch Trennstriche mitten im Wort auftauchen?

    Amazon bzw. "das Internet" wird zukünftig den Mainstream-Markt mit all seiner schlechten und mittelmäßigen Literatur beherrschen. Verlage können aber mit hoher Qualität punkten, Nischen besetzen und besondere Wünsche erfüllen. Klasse statt Masse.

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    • fudge
    • 26. April 2013 11:29 Uhr

    ... trifft den Nagel auf den Kopf.

    Ein bisschen sind die neuen Erfolge im eBook-Bereich in den Genres à la fifty shades of grey wie der Groschenroman 2.0...

    • gojko
    • 23. April 2013 13:09 Uhr

    " Opulente Bildbände, Sachbücher, gesellschaftliche Analysen, politische Debattenbücher, Belletristik, Wissenschaft, Lyrik sucht man vergeblich."

    Mit Ausnahme von Sach- und wissenschaftlichen Büchern geht das meiner Meinung nach auch völlig in Ordnung.

    Besonders Lyrik liest doch außer einigen Eigenbrödlern und/oder Feuilletonisten kein Mensch. Zur Belletristik dagegen zählt strenggenommen auch das im Artikel genannte "In den Armen des Piraten". Amazon nimmt sich also schon dieses Genres an.

    Was durch Amazon beendet wird, ist die Quersubventionierung von Büchern, die die Verlagspersonal lesen will durch Bücher, die sich gut verkaufen, aber intellektuell "pfui gacks" sind. Freut mich sehr, wenn durch Amazon die Fraktion der Schöngeister auf den Boden der Tatsachen geholt werden.

    Gruß, Gojko.

  2. Wenn ich das richtig verstehe, geht es trotzdem in erster Linie um easy reading-Literatur, um das mal freundliche auszudrücken. Selbst James Bond Romane sind ja nicht unbedingt bedrohtes Kulturgut.
    Was ist also so schlimm daran, wenn diesen Bereich nun Amazon übernimmt? Was ist denn bei Bastei-Lübbe und ähnlicher Bahnhofsliteratur soviel anders? Ich glaube nicht, dass sich dort ein freundlicher Lektor persönlich und hingebungsvoll um seine AutorInnen kümmert, oder irre ich mich?
    Ich finde es auch ganz ok, wenn das nur on demand produziert wird. Und dass Bücher wie "50 shades of gray" dann ein Millionseller wird - naja, solche zivilisatorischen Unfälle können auch ohne Internet passieren.

    Eine Leserempfehlung
  3. "Damit liegen die Bücher preislich deutlich unter den E-Books, die von Verlagen produziert werden. Deren Preise sind zum einen an die der Printausgaben angelehnt, zum anderen unterliegen sie der Buchpreisbindung."

    Alle Bücher die über einer gewissen Schwelle unterliegen der Buchpreisbindung! Auch die Selfpublisher auf Amazon!! Und nein, es besteht kein Zwang das eBook an das Printbuch preislich anzulehnen. Und da jedes eBook bei Verlagen eine eigene ISBN hat, ist es für Verlag sehr einfach möglich theoretisch ebenfalls solche Preise anzubieten.

    Buchpreisbindung bedeutet hingegen:

    1. Der Verlag legt den Preis fest. Nicht der Verkäufer oder sonst wer!
    2. Der Preis ist überall gleich! Nicht 2,99 bei Amazon und 3,99 bei Weltbild.
    3. Der Verlag kann den Preis bei eBooks jederzeit ändern wenn der Markt es erfordert (Bei Printbüchern ist das etwas schwieriger ... da muss es in der Gelben Beilage ein paar Wochen vorher angekündigt werden)

  4. Man kann ja, sicherlich teils auch zurecht, einen Kulturverfall via amazon (und Marktmacht und Konzern und und...) beklagen. M.E. gäbe es aber so manche Möglichkeit für Verlage und Buchhändler, selbst wieder erfolgreicher zu werden:

    * Lieferoption für bestellte Bücher. Das Schöne an amazon ist: ein paar Klicks, und das Buch kommt in die Packstation, ich kann es abholen, wann ich will. Buchladen besucht, Buch nicht da, Buchladen: "Wir können es Ihnen bestellen!" Ich: "Liefern Sie es mir auch nach Hause?" Buchladen: "????" -> nicht gut.

    * 2 in 1: Wer ein traditionelles Buch auf Papier kauft, bekommt umsonst oder für 1 Euro das E-Book dazu. Dies noch kombiniert z.B. mit Aktionen rund um Tolino, und schon braucht man kein amazon mehr.

    Müsste man in der Branche nur a) wollen, b) sich darauf auch tatsächlich verständigen, c) es kompetent umsetzen. Schaunmermal...

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    • fudge
    • 26. April 2013 11:26 Uhr

    Das ist die eine Seite des Arguments. Aber sind Sie den ganzen Tag zu Hause, um ggf. größere Päckchen anzunehmen, die nicht in den Briefkasten passen?
    Ich bestelle mittlerweile alle Papierbücher bei dem nächsten Buchladen. Das geht bequem per Internet und im Normalfall sind die Bücher am nächsten Tag ab 10 Uhr abholbereit. So schnell ist Amazon nicht. Wenn ich dann das nächste Mal auf dem Weg zum Einkaufen am Buchladen vorbeikomme, hole ich die Bestellung ab. Ich kann einen Blick auf die Neuerscheinungen werfen und bekomme noch eine nette und kompetente Beratung. Für mich unbezahlbar.

  5. Amazon ist noch ein marktbeherrschender Vertriebsweg, am Ende steht ein marktbeherrschender Verlag mit eigener Produktion und eigenem Vertriebsweg – ein Lehrbuchbeispiel für vertikale Monopole und Gewinnmaximierung.
    Für Minderperformer gibt es die alten Groschenromane mit automatisiertem Lektorat und für ein anspruchsvolleres Marktsegment (so es sich finanziell lohnt) vielleicht ein persönliches. – so wie es jeder Hersteller von Kloschüsseln, Kaffee, Fertigprodukten, Einzelhändler, Verleger... auch mit Premiummarken macht. Wie viele self publisher es später noch auf die Plattform schaffen werden, werden wir sehen. Sobald zu viel Müll die Geldmaschine verstopft und den Blick auf geldwerte Titel verstellt, wird gegengesteuert.
    Buchpreisbindung wird obsolet, wenn die Mehrzahl so wie so auf der eigenen Plattform kauft. Konkurrenten zwingt man Marktmacht über niedrige Preise oder Lieferengpässe in die Knie. Mehr Kunden kommen und der Kreis schließt sich.
    Das Urheberrecht wird bis aufs Messer verteidigt, es geht schließlich um Maximierung des Return on invest.. Beim nächsten Kindle-update löscht man dann schnellt. Schöne neue Welt - wie die alte nur schlimmer, aber manche glauben ja noch an den Weihnachtsmann.
    Es wird wie mit Fertiglasagne sein: die einen mampfen Pferd mit bunten Bildern, die anderen legen Wert auf Qualität und suchen lange nach den Zutaten.

    Gojko: es ist das gute Recht jedes Unternehmers quer zu subventionieren

    Eine Leserempfehlung

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