So wie viele New York nicht besucht haben, aber ahnen, wie es dort ist (Manhattan laut und hoch, Brooklyn cool, Bronx besser nicht), so ähnlich ist es mit Franz Kafkas Die Verwandlung. Man weiß selbst ohne die Lektüre seiner wohl berühmtesten Erzählung ungefähr Bescheid: Dass sie von einem gewissen Gregor Samsa handelt, der eines Morgens als Ungeziefer aufwacht. Ferner, dass er mit Äpfeln beworfen wird, und dass es im Allgemeinen trübselig und verstörend surreal zugeht, ganz so, wie es Journalisten meinen, wann immer sie die Phrase "kafkaesk" bemühen. Über die Interpretation des Werks herrscht in Kritik und Wissenschaft herrliche Uneinigkeit. Einigkeit existiert da aber soweit, dass es eines der wichtigsten Werke der deutschen Literatur ist. Zeitlos und unbedingt aktuell.

Was sich vom Feldmarschallhügel des Kritikers leicht dahersagen lässt, versucht ein Magazin nun zu beweisen. Hundert Jahre nach Vollendung der Erzählung widmet sich die erste Ausgabe von Das Buch als Magazin (Preis 12 Euro) ganz ihrer Gegenwartsanbindung, auf edlem Papier und mit einigem gestalterischen Aufwand. Hälfte eins gehört dem Originaltext mit heiteren, aufschlussreichen Randbemerkungen. In Hälfte zwei schreiben Autoren "Geschichten, die aus dem Alltag dazu passen". Unter anderem Elke Heidenreich und den amerikanischen Schriftsteller Joey Goebel konnten die Herausgeber des Magazins dazu ermuntern.

Manche Geschichten handeln von Insektenexperten (wegen der Käfer) und dem Verlust der Mutter, eine äußerst komische Fotoserie zeigt "die unterschätzte Gefährlichkeit von Gemüse und Obst" (wegen der Äpfel), also Rettichraketen und Bomben aus Melonen. In einem Interview wird ein schwieriges Vater-Sohn-Verhältnis auf dem Bauernhof geschildert (wegen Vater und Sohn in der Wohnung), ein Physiotherapeut erzählt vom Elend der Rückenschmerzen (wegen des unruhigen Schlafs) und Elke Heidenreich davon, was ihr bei Kafkas Text so alles einfällt. Nämlich ein Plädoyer gegen das Verrotten. Bildlich überwiegt die Insektenthematik, die anderen Beiträge entspringen dem größeren Motivkreis von Kafkas Text: Entfremdung, Geld, Isolation, Eltern. Obwohl die Bezüge teilweise recht großzügig ausgelegt werden, mancher Beitrag etwas angestrengt wirkt: Die hinassoziierten Verbindungen zu Kafka sind eine hübsche Idee.

Sie sollen Die Verwandlung nicht auf eine gültige aktuelle Deutung zurechtbiegen oder manches noch immer Rätselhaftes der Erzählung ein für alle Mal lösen. Der Zugang ist spielerisch und verblüffend luftig, gemessen an der Beklommenheit, die von der Erzählung ausgeht. Das Verdienst der Herausgeber ist es überdies, dass ihr Magazin an keiner Stelle in gottesdienstliche Andacht verfällt, mit der es Klassiker oft auf die Deckel kriegen. Trotzdem bleibt das Magazin alles in allem eine Liebhaberei. Keine aus papierkultischen Motiven, sondern aus literarischem Vergnügen. Wer jetzt abschließend kulturkämpferisch gestimmt ist, könnte anmerken, dass ja eine digitale Version vielleicht bessere Vernetzungen zwischen Kafka und der Gegenwart ermöglicht hätte. Kann man aber auch lassen.