Bücher, die ich lesen möchte? Als öffentliche Liste, in meinem Facebook-Profil? Die Rubrik ist neu – zusammen mit Filmen, "die ich sehen will" und Musik "zum später anhören". Seit Jahren spähen Apps und Netzwerke, wo ich bin, was ich tue, wie ich mich fühle. Seit Neuestem aber fragen penetrante Daten-Bettler wie Facebook, wohin ich will. Was mir noch fehlt.

Wir haben Social Media verraten, wer wir sind. Jetzt wollen Google, Apple, Amazon berechnen, wen wir aus uns machen sollen. Kataloge, Listen, Protokolle, ein Mitschreiben der eigenen medialen Routen, sind vielen Nutzern ein willkommener Dienst.

Social Cataloging hat viele Reize: Bisher war ein "Lese-Netzwerk" wie Goodreads der beste Knotenpunkt, um Bücher zu verwalten, Empfehlungen zu tauschen. Ein Lagerfeuer für Autoren, Bibliothekare, Literatur-Streber und Fans, mit überraschend klugen Urteilen und einem Ton, nüchterner als bei Amazon. Würde Goodreads gar Profile aller Menschen zeigen, die meine Wertungen bzw. Bücher teilen, es wäre meine perfekte Dating- und Freundes-Plattform: Hier sprechen Liebhaber und Experten miteinander. Jedes Bewertungssternchen zählt.

Es geht nicht mehr um Lektüre

Schon seit 2011 aber verändert sich die Seite: Schreiend grüne "möchte ich lesen"-Buttons hängen hinter jedem Buch. Ein persönlicher "Empfehlungs"-Dienst spuckt Hunderte neuer Titel aus. Die "to read"-Wunschzettel meiner Freunde sind auf die drei- bis zehnfache Größe ihrer "gelesen"-Regale angeschwollen. Ein aktueller Mainstream-Titel wie Meg Wolitzers The Interestings wird von 96 Nutzern bewertet – aber von über 3.000 "gewollt".

Im Mittelpunkt steht nicht mehr die Lektüre. Es geht um Wünsche, Vorsätze, Hype und Konsum-Absichten: Das Social Web fragt nicht mehr nach dem Jetzt. Sondern nach einer Zukunft, getaktet durch Kaufen, Abhaken, Mehrwollen. Was wir heute lesen, interessiert vor allem, weil es entscheidet, was wir uns morgen verkaufen lassen: Im Dreisprung Wünschen-Kaufen-Werten werden unsere Hoffnungen berechenbar. Fürs kommerzielle Netz zählen keine Kritiker. Sondern Zielgruppen und Verbraucher.

Facebook bereitet die Graph Search vor – eine semantische Suche, die User-Profile nach Kombinationen staffelt wie "junge, gebildete Frauen, die Vogue lesen" oder "arbeitslose Rassisten, die Rotwein trinken". Ein guter Zeitpunkt also, möglichst prononciert zu fragen: Welches Auto könntest du kaufen? In welche Länder willst du reisen? Welche 50 oder 500 TV-Serien musst du unbedingt sehen?

Das Leben wird zur To-do-Liste

Seit die Big-Data-Erhebungen alle Lese-, Kauf-, TV-, Konsum-Gegenwart erfasst und weitgehend ausgewertet hat, schwenken große Websites auf unsere Einkaufszukunft: Netflix bietet US-Zuschauern persönliche Empfehlungsqueues – immer neue Filme und Serien, sortiert als möglichst end- und reibungslose Wohlfühlparade. iTunes und Amazon feuern nach jedem Kauf neue, bessere Vorschläge. Plattformen wie Longreads, Programme wie Pocket schieben Texte auf die lange Bank.

Im Jahr 2010 führte YouTube das "später ansehen"-Feature ein. Facebook testete 2012 den "Want!"-Button, Pinterest hat ihn bereits. Google Now will Suchanfragen beantworten, bevor sie gestellt wurden. Der Browser wird zum Schaufenster und Katalog. Das Leben zur To-do-Liste. Statt Überraschungen: Gefälligkeiten und Gefiltertes. Derselbe Kram, den alle mögen, die mögen, was wir mögen.

Vergangene Woche sagte Otis Chandler, der 35-jährige Entwickler von Goodreads, dass sein Netzwerk künftig "zur Amazon-Familie" gehört. Seitdem fürchten Rezensenten Gängelei und Werbung. Buchhändler beklagen ein Monopol, Verdrängung durch bevorzugte Links auf Amazons Kindle-Store. Über Nacht spielen alle Goodreads-Nutzer mit ihren Wertungen und Vorlieben einem Konzern in die Hände: "Amazon bekommt den Zugriff auf die Database of Intentions im Bereich Bücher", schrieb der Blogger Nico Lumma. "Es wird ihnen helfen, noch mehr Bücher zu verkaufen und die Kunden noch besser zu binden."

Zu viel kaufen, zu viel wegwerfen

Die Kaufabsichten und neue Feedback-Flut, die wir als Leser oft ungefragt und ungewollt an Auswerter wie Amazon zurückspielen, könnte eine Chance sein: Es war nie leichter für Verleger, Verkäufer, Autoren, herauszufinden, was Leser wünschen. Oder: zu wünschen glauben. Oft heißt es, die Unterhaltungsformate, die seit Jahrzehnten sehr genau auf ihre Fans und Kunden hören, können rasch und flexibel auf Wünsche reagieren: Groschenhefte, Seifenopern, Comics.

Allerdings führt so eine Feedback-Schleife selten zu künstlerischen Höhenflügen. Sondern zu Unsinn wie 15 verschiedenen monatlichen Batman-Comics; Geschichten, die verdreht, Autoren, die gefeuert werden, sobald das Publikum für einen Moment irritiert oder überfordert ist: Hier geht's um den kleinsten gemeinsame Nenner. Durch Goodreads erfährt Amazon, welche Bücher wir zu wünschen glauben, doch nie kaufen. Welche Bücher wir kaufen, aber nie lesen.

Lebensmittelkonzerne erziehen sich Verbraucher, die zu viel kaufen und viel wegwerfen. Die Daten auf Goodreads helfen Amazon, bei Lesern diese ungesunden Fress-Impulse zu kultivieren. Die neue Dauerfrage der sozialen Netzwerke – "Was noch? Was jetzt? Was fehlt dir?" – macht uns nicht satter. Nur hungriger.

Disclaimer: Der Autor Stefan Mesch ist selbst Nutzer der Plattform Goodreads.