Johanna AdorjánMit Anlauf in die Feuilleton-Depression

Alles nur eine Fata Morgana der Bedeutsamkeit: Die Journalistin Johanna Adorján holt in "Meine 500 besten Freunde" zu einer Breitseite gegen den Berliner Kulturbetrieb aus.

Die Journalistin und Schriftstellerin Johanna Adorján

Die Journalistin und Schriftstellerin Johanna Adorján

Im Mikrokosmos des Berliner Kulturbetriebs kennt jeder jeden. Die Älteren begegnen einander in den immer gleichen Restaurants, Galerien und Konzerthallen. Die Jungen oder die, die sich noch dafür halten, treffen sich bei allem, was sich “independent” nennt oder nach Subkultur anfühlt. Sie lassen keine Gelegenheit aus, sich zu zeigen und Herzlichkeit vorzutäuschen. Die Hauptstadt gerät dabei zur Provinz voller erbarmungslos vertrauter Gesichter.

Die FAS-Feuilletonistin Johanna Adorján beleuchtet in ihrem Erzählband Meine 500 besten Freunde den Kulturbetrieb von seiner trivialsten Seite. Ihre Figuren tragen altbackene Namen wie Theodor oder Luise und hecheln von Veranstaltung zu Veranstaltung, immer der Fata Morgana Bedeutsamkeit hinterher. Die Männer hegen eine Vorliebe für gediegene Jacketts und haben wenig Substanzielles zu sagen. Ihre Geduld lässt sich guten Gewissens auch als Phlegma bezeichnen und die Zuneigung zu ihren Frauen als Blindheit: "Liebst du mich? fragt er sie... Nach einem Augenblick, der lange genug wäre, seinen vollen Namen auszusprechen, schüttelt sie beinahe unmerklich den Kopf und schenkt ihm einen der spöttischsten Blicke, mit dem sie ihn überhaupt jemals angesehen hat. Dankbar ergreift er ihre Hand."

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Die Frauen in Meine 500 besten Freunde sind Katzenfrauen mit vordergründigem Lächeln und immer angriffsbereiten Krallen. Sie werden über Sex und Weltekel charakterisiert: Sei es Angie, die sich in jedem neuen Praktikum eine neue Identität zulegen will – zur Arbeit im Kulturteil etwa gehört, Stanislawski zu lesen und sich Schamhaare stehen lassen – und am Ende doch nur mit Redakteuren schläft, die dafür ihre schlechten Texte umschreiben. Sei es Ayumi, in der trotz täglichem Yoga Hass auf alles und jeden tobt, besonders auf ihre Schüler: "'Nimm das andere Bein näher zum Körper', flüsterte sie. 'Ich kann das nicht', sagte er. Stimmt. 'Doch, du kannst das.' Dankbar sah er zu ihr auf. Stirb doch einfach, wenn dir das alles hier zu anstrengend ist, du hässlicher fetter Arsch."

Eine Fußnote über die Zeitung

Wie Abziehbilder taumeln sie durch ihr Leben, diese Männer mit ihren identischen Intellektuellenbrillen, mit ihrer Vorliebe für Füllfederhalter und andere teure Phallussymbole. Und diese Frauen, deren Gedanken um ihr eigenes Gewicht und das der anderen kreisen. Die Berliner Selbstreferenzialität wird hier überdeutlich, aber Adorján nimmt sich nicht die Zeit, ihre Protagonisten jenseits von deren Berlinozentrismus plastisch werden zu lassen. Dreizehn Geschichten lang schubst sie immer neue Figuren in die Szenerie, listet gehetzt Partygäste und kursierende Gerüchte auf.

Im Versuch, nicht nur die Akteure des Kulturbetriebs, sondern auch seine Inhalte zu dekonstruieren, lässt die Autorin ihre Ich-Erzählerinnen aus zeitlicher Distanz heraus sprechen: Sie schauen auf ein Damals zurück, das sich ohne größere Anstrengung als Jetztzeit identifizieren lässt. Sie sparen dabei nicht mit Hohn für Jungautoren, die um die krasseste Innenansicht einer kaputten Jugend konkurrierten, für Praktikantinnen, "die sich für ihre sinnlose Arbeit herausputzten, als rechneten sie mit Fotografen" und vor allem für den Journalismus: In einer Fußnote etwa wird dem Leser aus der Zukunft erklärt, dass eine Zeitung ein Druckerzeugnis war, "das die Ereignisse des gestrigen, oft vorgestrigen Tages noch einmal zusammenfasste" und dass in den Redaktionen Menschen regierten, die "in allem, was auf der Welt geschah, genau das erkannten, was sie eben kannten... Nüchtern war das alles eigentlich nicht zu ertragen".

Die Erzählperspektive in die Zukunft zu verlagern, reicht nicht aus, um überlegen zu wirken oder Distanz zum Erzählgegenstand einhalten zu können. Der Versuch einer Breitseite gegen den Berliner Kulturbetrieb erschöpft sich in einem Überangebot an kalten Frauen und begriffsstutzigen Pantoffelhelden. Johanna Adorján will als Literatin die Vogelperspektive einnehmen, um eine Lebenswelt bloßzustellen, in der sie als Feuilletonjournalistin mit einem Bein noch fest steckt.

 
Leser-Kommentare
    • raflix
    • 03.04.2013 um 14:21 Uhr

    Frauen, die sich hochschlafen, und Männer, die sich über Statussymbole definieren. Klingt nicht nach einem revolutionär neuen Roman. Hat die Autorin denn noch etwas anderes zu bieten als Klischees?

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    • hairy
    • 03.04.2013 um 15:03 Uhr

    das Klischee immernoch und auch in den Kulturkreisen sein Fuenkchen Wahrheit findet.

    • hairy
    • 03.04.2013 um 15:03 Uhr

    das Klischee immernoch und auch in den Kulturkreisen sein Fuenkchen Wahrheit findet.

  1. bzw. um eine weitere Ansicht erweitern mit dem Buch von K.Knall: Berlin zum Abkacken. Und finster ward`s in der Hauptstadt der Ideologen, Mafianetzwerker, Steuerhinterzieher und Regierer. Einfach nur: "Schöne Neue Welt". Widerlich !

  2. Als ob die oben beschriebenen Charaktere (und deren Verhaltensmuster) eine rein berlinerische Geschichte wären....
    Ist doch in jeder größeren Stadt die gleiche Mischpoke, die sich für den Nabel der kulturellen Welt hält und genauso agiert, wie von Frau Adorján beschrieben.
    Ob man sowas ernst nimmt, sich darüber ereifert oder einfach darüber schmunzelt....das bleibt ja jedem selbst überlassen ;-)

    Eine Leser-Empfehlung
    • hairy
    • 03.04.2013 um 15:03 Uhr

    das Klischee immernoch und auch in den Kulturkreisen sein Fuenkchen Wahrheit findet.

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "Nun ja."
    • Mikoss
    • 03.04.2013 um 15:22 Uhr

    Spricht nichts dagegen, einen Roman über den laufenden Berliner Kulturbetrieb zu schreiben.
    Spricht nichts dafür, den Roman zu lesen.
    Die Kategorie des Journalisten-Romans ist bekannt, ja berüchtigt dafür, dass sie scheitert.
    Ich weiß nicht genau, woran das liegt. Ich vermute, das rührt daher, dass es leichter ist, über Kunst zu schreiben, als Kunst zu schreiben.
    Die verführerische Idee, einen Kurzschluss herzustellen, wie ein Kind, das mit Elektrik rumspielt, bringt uns dazu zu glauben,
    es könnte gut gehen...

    2 Leser-Empfehlungen
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    • hairy
    • 03.04.2013 um 16:12 Uhr

    "Die Kategorie des Journalisten-Romans ist bekannt, ja berüchtigt dafür, dass sie scheitert."

    Ich wuerde eher sagen, die scheitert NICHT wirklich, genau WEIL Journalisten eher keine Kunst schreiben. Daher einfacher konsumierbar, daher eher Verlag zur Stelle usw.

    • hairy
    • 03.04.2013 um 16:12 Uhr

    "Die Kategorie des Journalisten-Romans ist bekannt, ja berüchtigt dafür, dass sie scheitert."

    Ich wuerde eher sagen, die scheitert NICHT wirklich, genau WEIL Journalisten eher keine Kunst schreiben. Daher einfacher konsumierbar, daher eher Verlag zur Stelle usw.

    • Chrina
    • 03.04.2013 um 15:23 Uhr

    Hinweise an den Leser aus der Zukunft (oder, auch gern gesehen, an die Jugend), was X einmal war, sind dermaßen ausgelutschte kulturpessimistische Klischees, dass ich allein deshalb keine Lust habe, dieses Buch (was war das noch mal? ach so, das Ding mit den Papierblättern, auf denen etwas steht...) zu lesen.

    • hairy
    • 03.04.2013 um 16:12 Uhr

    "Die Kategorie des Journalisten-Romans ist bekannt, ja berüchtigt dafür, dass sie scheitert."

    Ich wuerde eher sagen, die scheitert NICHT wirklich, genau WEIL Journalisten eher keine Kunst schreiben. Daher einfacher konsumierbar, daher eher Verlag zur Stelle usw.

    Antwort auf "Spricht nichts dagegen"
  3. Wie oft geht mir genau das durch den Kopf! Mir hat der Artikel Lust auf mehr gemacht...

    Eine Leser-Empfehlung

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