Comics für FrauenWir sind zwei perfekte Kleiderständer

Der Carlsen-Verlag veröffentlicht "Graphic Novels für Frauen". Die meisten sind wirklich gut. Die Werbung ist es nicht. von 

Klar, das Klischee sieht den Comicleser als Mann, als jungen, pickligen, blassen Mann gar, mit geringen Sozialkompetenzen, Typ "Nerd". Klar, viele klassische Comics wurden tatsächlich gezielt für Männer gemacht, mit Superhelden, Abenteuern, Gewalt, solchen Dingen. Klar, noch immer ist die Mehrzahl der Comiczeichner und auch der Protagonisten männlich.

 

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Klar also, dass wohl noch mehr Männer als Frauen Comics lesen. Und auch, dass es gewissermaßen eine missionarische Pflicht der Comicverlage sein muss, auch Frauen in die wunderbaren Welten von Comic und Graphic Novel zu führen. Oder zumindest eine wirtschaftliche Notwendigkeit, "Erschließung neuer Zielgruppenpotenziale" und so weiter.

© Carlsen

Aber wie geht man das an? Im Carlsen-Verlag hat man sich entschieden: Wenn Männer auf dem Mars leben, und Frauen auf der Venus, dann muss man die Comics eben auf die Venus bringen. Das ganze ist dann eine kuratierte Reihe, nennt sich Graphic Novels für Frauen – For Ladies Only und nach den ersten drei Bänden im Herbst 2012 sind auch im aktuellen Frühjahrsprogramm zwei Neuerscheinungen mit diesem Label versehen.

Junge Magersüchtige

Die Antwort darauf, warum es solche Graphic Novels braucht, gibt der Pressetext: "ganz einfach: Frauen stehen gar nicht auf Superhelden und krude Zeichnungen!" Na sowas. Deswegen bieten die Comics – zum Inhalt kommen wir gleich – eben "freche und intelligente Unterhaltung von Glamour über Humor bis hin zu sozialen Themen" (interessiert Männer allgemein nicht so) und die Zeichnungen sind "so verspielt und stylish, dass man sich jede einzelne Seite am liebsten gerahmt an die Wand hängen möchte" . Alle fünf Bände "passen in jede Handtasche, haben einen praktischen Gummibandverschluss UND fühlen sich gut an!". Und als Werbemaßnahme gab es im Herbst einige "Ladies Nights" in Thalia-Buchhandlungen, mit Lesung, Sekt, Facelifting und Goodie Bags.

Es ist schade, dass man beim Carlsen-Marketing Frauen offenbar vor allem als zarte Wesen sieht, denen man nicht anders begegnen kann als mit Handtaschen und Styling. Denn diese PR-Soße verdeckt, dass die Bände, die übrigens alle in Paris spielen, durchaus etwas zu bieten haben. Auch für Männer. Also für Menschen halt im Allgemeinen, wie jedes gute Comic.

Besonders Luft und Liebe von Marie Caillou und Hubert, schon im Herbst veröffentlicht, ist ergreifend. Es ist die Geschichte von zwei jungen Magersüchtigen, ein Mann und eine Frau, beides Künstlerexistenzen, beide Body-Mass-Index 16,5, die sich vor dem Haus ihres Therapeuten kennenlernen und zusammenziehen. Die unglaubliche Akribie, mit der die beiden ihr Essverhalten kontrollieren, ja sogar ihre Fressattacken, ist genauso verstörend wie ihr Stolz: "Wir sind superelegant. Zwei perfekte Kleiderständer, zwei pure Skelette, nichts Überflüssiges, weniger ist mehr."

Mit ihren Freunden brechen sie, ihre verzweifelten und trotzdem sorgenden Eltern lassen sie nicht an sie ran. Durch ihre Puppengesichter wirken die Figuren noch fragiler, der ungewöhnliche Computergrafik-Clipart-Stil passt ideal zur sterilen Existenz der Magersüchtigen. Mithilfe von Traumsequenzen, inneren Monologen und Rückblenden wird versucht, die Essstörungen zu ergründen: "Mein erstes Diätbuch hat mir meine Mutter geschenkt. Da war ich zwölf", sagt die Frau. "Ich habe alles unter Kontrolle. Die Disziplin zahlt sich aus. Ich nehme nicht zu. Ich wiege genauso viel wie mit zwölf Jahren."

Ebenfalls lesenswert ist Wie ein leeres Blatt, das im März erschienen ist. Eine junge Frau findet sich auf einer Bank in Paris wieder, sie hat ihr Gedächtnis verloren. Schritt für Schritt dringt sie in ihr früheres Leben ein wie in das einer Fremden. Sie findet heraus, wie sie heißt (Eloise), wo sie wohnt und wo sie arbeitet (Buchhandlung), was sie für Musik mag, wie ihre Katze heißt, wer ihre Freunde waren (Langweiler) und wie ihr Facebook-Passwort lautet. Mit aller Kraft versucht sie dabei, den entscheidenden Auslöser zu finden, der ihr die Erinnerung zurückbringt.

Leserkommentare
    • fudge
    • 15. Mai 2013 9:41 Uhr

    Mal wieder ein typischer Fall von verunfalltem Marketing, das auf die billigsten Stereotype zurückgreift: Männer mögen Superhelden, Frauen (die nicht ausnahmsweise mal Comics lesen und daher nicht zur neu zu erschließenden Zielgruppe gehören) mögen Facelifting, Handtaschen, Styling.
    Gut nur, dass die meisten denkenden Wesen darauf nicht hereinfallen und auch offenbar die Urheber der genannten Graphic Novels nicht in dieses Schema fallen. Hoffentlich merkt Carlsen, dass es keinen Sinn macht, Comics "für Männer" oder "für Frauen" anzubieten, sondern für interessierte, lesende Menschen. Da stimme ich Herrn Brake völlig zu.

    Ein gelungenes Beispiel ist übrigens Guy Delisles "Aufzeichnungen aus Jerusalem", das gleichzeitig eine interessante Gender-Konstellation bietet -- der Gedanke kam mir interessanterweise gerade erst nach der Lektüre dieses Artikels: Es zeigt eine Familie, in der sich der Mann hauptsächlich um die Betreuung der Kinder kümmert (und nebenbei versucht, die Comics zu Papier zu bringen), während seine Frau arbeitet. Ich habe das Comic verschlungen, ohne jedweden Gedanken an irgendwelche Genderfragen oder in der Hoffnung, irgendwelche "Frauenthemen" vorzufinden, mit denen ich mich identifizieren können sollte. Warum auch?

    4 Leserempfehlungen
    • porph
    • 15. Mai 2013 9:47 Uhr

    Eigentlich wäre es bei der Prämisse doch ganz interessant und eventuell auch tatsächlich informativ gewesen, hätte eine Frau diese Rezension verfasst. Naja, man kann nicht alles haben. Ist halt schwer eine Frau zu finden, die tatsächlich Comics liest... :-)

    2 Leserempfehlungen
  1. ". Klar, viele klassische Comics wurden tatsächlich gezielt für Männer gemacht, mit Superhelden, Abenteuern, Gewalt, solchen Dingen. Klar, noch immer ist die Mehrzahl der Comiczeichner und auch der Protagonisten männlich. "

    Zwar sind tatsächlich die meisten Autoren und Zeichner männlich, aber wenn man sich etwa mal die X-Men-Reihe oder generell das Marvel-Universum anschaut, merkt man, dass es genügend weibliche Helden gibt (Sif, X-23, Rogue, Storm, die Unsichtbare, Scarlet Witch, Ms. Marvel, Spiderwomen, Rescue [Pepper Pots], Black Cat, Kitty Pryde, Jean Grey, She-Hulk usw.), die auch teilweise ihre eigenen Reihen hatten.

    Viele Superhelden-Comics sind zwar auch klischeehaft, viele andere aber (vor allem bei den X-Men) sind recht ernst und auch gesellschaftskritisch (Umgang mit Minderheiten, Angst vor dem eigenen Selbst, die Natur des Menschen, Menschlichkeit etc.)

    Ich wage zu bezweifeln, dass (global gesehen) diese Comics primär nur von Männern gelesen werden. Das mag auf Deutschland zutreffen, aber hier ist ohnehin alles etwas anders.

    5 Leserempfehlungen
  2. Warum sind Sachen für Frauen immer mit so viel Gefühl und Gesellschaftszeug? Ich habe immer ganz gerne Comics gelesen- besonders natürlich die mit weiblichen Superheldinnen. Die waren genauso cool wie die Männer: lockere Sprüche, lockere Faust, viel Action. Da war es nicht einmal schlimm, dass sie Riesenbrüste hatten, Mega-Muckis hatten die nämlich auch.

    Aber in "Frauencomics" sind die Frauen wieder zerbrechlich -und laut Marketing auch Prinzesschen. Wer liest das denn? Soll doch Nicholas Sparks ne neue Schnulze schreiben, dann weiß man auch schon vorher was man bekommt - oder vermeiden kann. Aber macht doch den Comic nicht kaputt :(

    4 Leserempfehlungen
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    Schließe mich dem an. Ich bin weiblich und liebe Superhelden(-Comics). Mein herzt schlägt höher wenn ich an Iron Man denke, aber wenn ich ein pinkes Buch mit einem "Women only"-Sticker sehe, dann dreht sich mir der Magen um.

    Und, liebe Marketingexperten, es gibt auch Frauen die Action, Gewalt und derbe Sprüche mögen. Die lieber "Stirb Langsam" als "Pretty Woman" sehen. Macht von mir aus eure Comics, aber kleidet sie und die dazugehörige Werbekampagne in ein neutrales Kostüm und überfallt uns nicht mit all diesem pinken Frauen-Zeugs!

    Die Formulierung weibliche Superheldinnen grenzt schon an Sexismus. Warum sind Sie der Meinung, dass die weibliche Endung nicht ausreicht, um das Geschlecht der Heldinnen zu bezeichnen? "Weibliche Superhelden" zu schreiben wäre sprachlogisch in Ordnung, aber längst nicht so elegant wie "Superheldinnen", außerdem weniger respektvoll.

  3. Schließe mich dem an. Ich bin weiblich und liebe Superhelden(-Comics). Mein herzt schlägt höher wenn ich an Iron Man denke, aber wenn ich ein pinkes Buch mit einem "Women only"-Sticker sehe, dann dreht sich mir der Magen um.

    Und, liebe Marketingexperten, es gibt auch Frauen die Action, Gewalt und derbe Sprüche mögen. Die lieber "Stirb Langsam" als "Pretty Woman" sehen. Macht von mir aus eure Comics, aber kleidet sie und die dazugehörige Werbekampagne in ein neutrales Kostüm und überfallt uns nicht mit all diesem pinken Frauen-Zeugs!

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Baaaah!"
  4. spielen wohl zu gefühlten 99% nur in Paris.
    Gut, Frankreich ist da recht zentralistisch geprägt und alles kommt aus Paris, aber gibts in Frankreich nur Paris und sonst nur Rübenäcker ?
    Deswegen sind die meisten Filme von da auch so stinklangweilig, spielen in Paris und handeln von einer traurigen Dreierbeziehung. GÄÄHN!
    Echte Perlen wie die Sch'tis, beste Freunde oder FIlme mit Belmondo, Richard oder Depardieu mal ausgenommen.

    • W8L
    • 15. Mai 2013 13:36 Uhr

    Weibliche Superhelden sind leider meistens nur Projektionsflächen männlicher Fantasien. In Absatzschuhen und mit Mörderbrüsten in hautengen Latexkostümen die Bösen vermöbeln entspricht nicht dem, was die Durchschnittsfrau für erstrebenswert hält. Daher ist der Ansatz schon nicht verkehrt. Klar wurde mit dem Aufkleber und der übertriebenen Farbgebung arg dick aufgetragen, aber man muss ja auch schauen, welche Frauen in Deutschland Comics lesen. Das sind junge Mädchen, die Shojo-Mangas lesen, also japanische Comics für Mädchen. Und die sind rosarot und mit Sternchen und Blümchen verziert. Wenn man die mit einer solchen Aufmachung dazu bringt, Comics mit ernsthafteren Inhalten zu lesen als nur seichte Liebesgeschichten. Schade nur, dass dazu nicht tatsächlich auf Manga zurück gegriffen werden, denn da gibt es viele tolle Künstlerinnen, die sich z.B. mit dem erwachsen werden aus weiblicher Sicht beschäftigen.
    Und eines noch: Ja, es ist schade, dass man so einen Artikel von einem Mann schreiben lässt. Denn es gibt sie, die Frauen, die über Comics schreiben *mitdemFingeraufsichzeig*

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    Da muss ich aber teilweise widersprechen. Es gibt auch genügend "normal" auftretende Superheldinnen (Jubilee von den X-Men z.B.) und längst nicht alle haben Mörderbrüste.

    Mal davon abgesehen werden Männer genauso übertrieben dargestellt. Alle vollbepackt mit Muskeln, teilweise so sehr, dass es wirklich mehr als unnatürlich und schön wirkt.

    Man muss dazu sagen, dass eine schlanke Figur und ein durchtrainierter Körper auch was mit der Tätigkeit zu tun hat. Ein übergewichtiger Superheld könnte im Fronteinsatz leicht Probleme kriegen (je nachdem, was seine Fähigkeiten sind).

  5. Sind wir nicht gerade dabei in einem anderen Kontext festzustellen, dass es eigentlich keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt?

    Demnach wären diese "Graphic Novels für Frauen" nur ein weiteres Werkzeug der Unterdrückung. In einer Idealen gleichberechtigen Welt werden sich auch Frauen endlich für Superhelden interessieren!

    Eine Leserempfehlung

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  • Schlagworte Body-Mass-Index | Comic | Comics | Paris
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