ZEIT ONLINE: Naomi Wolf, Sie haben ein sehr umstrittenes, radikales Buch geschrieben. Die Vagina als Tor zum Glück! Was sollen Leute denken, die keine Vagina haben?

Naomi Wolf: Darüber können wir gerne reden. Aber vorher etwas anderes. Ich habe einmal ein Buch über Geburt geschrieben, mit einer fast identischen Argumentation, und es gab überhaupt kein Problem. Feministinnen hatten kein Problem damit, das Buch mit seiner These einer Uterus-Gehirn-Verbindung wurde wohlwollend besprochen. Alles ist ja erforscht und bewiesen. Selbst wenn Sie männliche Erektionsprobleme betrachten in ihrer Auswirkung auf Stimmung und Verhalten, wird man feststellen, dass es eine Verbindung zum Gehirn gibt, und wenn sie die Erektionsprobleme behandeln, werden alle anderen Faktoren auch besser. Ich sage nichts, was nicht wissenschaftlich bestätigt wäre. Ich habe es selbst erfahren: Als ich eine Wirbelsäulenverletzung hatte, war diese Verbindung unterbrochen, und ich wurde sehr depressiv. Man nennt es Glücklosigkeit.

ZEIT ONLINE:  Menschen, die ohne Sexualität leben, können also nicht glücklich sein?

Wolf: Ich glaube, dass jeder so etwas wie Sexualität erfährt. Mönche haben Sexualität, zölibatär lebende Menschen haben Sexualität, Transgender, deren Penis amputiert wurde, haben Sexualität. Sie steckt nicht in den Genitalien, sondern ist Teil des Menschsein. Leider hat unsere Gesellschaft eine sehr enge Definition von Sexualität. Ich würde sagen, ein Kind, das barfuß durchs Gras geht, erfährt auch Sexualität.

ZEIT ONLINE: Aber Ihr Buch fokussiert auf: "Vagina"!

Wolf: Ich finde nicht, dass ich darauf fokussiere. Sie sollten sich mal das letzte Kapitel anschauen…

ZEIT ONLINE:  …in dem Sie in Griechenland Urlaub machen und die Sonne über dem Meer betrachten.

Wolf: Ich behaupte jedenfalls nicht, dass Sie einen Sexualpartner brauchen, um Sexualität zu erleben. Ich sage noch nicht einmal, man brauche regelmäßig Orgasmen. Ich sage nur, dass die medizinische Forschung uns darauf hinweist, dass wir gut beraten wären, wenn Ärzte ihren Patientinnen, die alleine leben, nahelegen würden, zu masturbieren. Weil das eine direkte Auswirkung auf Stimmung und andere Gesundheitsaspekte hat, es ist eine Prävention gegen einige Formen Depression. Frauen wird nie gesagt, sie sollten masturbieren. Keiner redet darüber.

ZEIT ONLINE: Sie übertreiben, wir erleben sogar Vagina-Monologe auf den Theaterbühnen!

Wolf: Und was passierte? Es gab Aufruhr!

ZEIT ONLINE: Ach was. Schon vor zwei Jahrzehnten konnte man sich selbst in Hamburg im St. Pauli Theater anstellen, um einen Blick auf Annie Sprinkles Muttermund zu erhaschen.

Wolf: Reden Sie mal mit Annie Sprinkle! Oder mit Judy Chicago, was mit ihr passierte, als sie die Arbeit Dinner Party veröffentlichte…

ZEIT ONLINE: Ihre vielen kleinen Patchwork-Vulvas waren Kult!

Wolf: Die New York Times schrieb, es sei keine Kunst. Jedes Mal, wenn eine Frau wagt, sich diesem Thema zu nähern oder auch nur "Vagina! Vagina! Vagina!" sagt, verfallen die Leute vor Hysterie in unzusammenhängendes Gestammel. Erica Jong wurde nach ihrem Buch Angst vorm Fliegen als "monströser Schamhügel" beschimpft. Auch deshalb musste ich dieses Buch schreiben.