Seit dem Beginn der New Economy in den Neunzigern versprachen Netz-Utopisten wirtschaftliche Chancen durch Digitalisierung: Mehr ungehindertes Unternehmertum, fernab der verkrusteten Giganten der Old Economy. Dieses Versprechen hat sich nicht erfüllt. Tatsächlich hat sich der Reichtum während der letzten zwanzig Jahre erheblich konzentriert, gerade in den Ländern, die am stärksten vernetzt sind.

Besonders in der Digitalwirtschaft haben sich gefährliche Monopole gebildet, wie Google, Amazon, Microsoft, Apple, eine The-Winner-Takes-it-all-Ökonomie. Nach mehr als hundert Jahren sozialdemokratischer Emanzipation der Mittelklasse sind wir wieder in der Ära der Krupps, Rockefellers und Carnegies angelangt.

In der US-amerikanischen Netztheorie wird deswegen momentan verstärkt der Frage nach einer angemessenen regulativen Wirtschaftspolitik im Zeitalter des Internets nachgegangen. Gestellt wird sie allen voran in Jaron Laniers gespannt erwartetem neuen Buch Who Owns the Future?. Lanier ist der geistige Vater des Konzepts der Virtual Reality und heute einer der Superstars der Netzkritik. Auch der Kommunikationsökonom Robert McChesney hat Anfang des Jahres ein Buch zum Thema veröffentlicht.

Laniers These ist einfach, aber einleuchtend. Die wirtschaftliche Konzentration auf dem digitalen Sektor funktioniere genau so wie die in anderen Bereichen, nur dass sie wesentlich schneller und daher gefährlicher sei. An einer besonders polemischen Stelle schreibt er: "Es gibt keinen Unterschied, ob sich Konzentration auf dem Sektor sozialer Netzwerke, auf dem von Versicherungen, im Derivatehandel oder im E-Commerce abspielt. Was immer die ursprüngliche Absicht war, heute richtet sich digitale Technologie gegen die Mittelklasse."

Lanier zufolge wird die Mittelklasse systematisch ausgebeutet, indem man sie während der Nutzung von Umsonst-Angeboten ihrer persönlichen Daten enteignet. Das kommt einigen wenigen Netzunternehmen zugute, die aus Kundendaten gezieltere Werbung und effizientere Algorithmen entwickeln.

Ironischerweise sei das Publikum gerade mit seiner Ausbeutung zufrieden, weil die Konzentration von Reichtum in den letzten Jahren die Mittelklasse so sehr geschröpft habe. Das Internet habe etwa Mittelklasse-Musiker, Journalisten, Plattenläden, Buchläden, Verlage, Reisebüros, Videotheken, praktisch die gesamte Fotoindustrie ruiniert. Ohne die Umsonst-Produkte der digitalen Großunternehmen könnten heute viele nicht mehr leben. Gehe diese Ausbeutung weiter, prophezeit Lanier, komme bald ein Punkt, an dem wir Trinkwasser nicht mehr bezahlen können, aber unser Facebook umsonst ist.

Als Alternative fordert er eine konsequente Monetarisierung der digitalen Ökonomie. Alle Daten, die über einen Nutzer gesammelt werden, sollen in dessen Eigentum übergehen. Jedes Mal, wenn eine Firma persönliche Daten benutzt, sollen "Nanopayments" fällig werden, die der Mittelklasse zugute kommen. Auf Privatsphäre und Persönlichkeitsrechte möchte er in dem Zusammenhang lieber verzichten. Denn je mehr Daten gesammelt werden, desto mehr Geld gibt es für die Nutzer.

Laniers Thesen sind zwar in dem gewöhnungsbedürftigen, bisweilen unerträglichen Stil des bekennenden Autodidakten dargelegt, aber inhaltlich überzeugend. Selbst in seiner vernichtenden Kritik des Buchs konnte der Netzkritiker Evgeny Morozov nur ein einziges stichhaltiges Argument vorbringen: dass die "Nanopayments" wahrscheinlich nicht ausreichen werden, um all jene zu bezahlen, die in nächster Zukunft ihre Jobs durch Robotisierung verlieren werden. Als weitergehende Lösung bleibt allerdings nur eine Form des Sozialismus.