Das vergangene, das 20. Jahrhundert verlässt uns nur nach und nach. Menschen, mit deren scheinbar immerwährender Anwesenheit wir aufwuchsen und lebten, verabschieden sich leise. Und jedes Mal ist da der Schmerz, wenn eine geht und die momentlange Vorstellung, mit ihrem Gehen verändere sich die ganze Welt. Und sie verändert sich ja auch, die Welt. Aber dann eben auch nicht. Denn unsere Gegenwart ist schon immer geprägt von Abwesenheiten, und indem wir die Abwesenden vermissen, holen wir sie ein Stück weit wieder zurück.  

Sarah Kirsch wird fehlen.

Ihr Rhythmus wird fehlen. Und er ist lange schon Sediment in unserer kulturellen Überlieferung, denn kaum eine andere deutsche Dichterin hatte am Ende des 20. Jahrhunderts ein derart breites Publikum. Sarah Kirsch war populär, und das ist ganz außerordentlich, denn sie kam nicht mit marktschreierischer Geste daher.

Man denkt heute und gerade wegen der Popularität, eine Nachricht verbreite sich aufgrund der neuen Medien notwendigerweise wie ein Lauffeuer. Aber dem ist nicht so. Und auch die Nachricht vom Tod Sarah Kirschs zeigt uns, dass wir der Welt nicht so bedingungslos ausgeliefert sind, wie man uns zuweilen weismachen möchte; wir sind es nicht, wenn wir es nicht wollen. Wir können der Welt unser eigenes Tempo verleihen, bis über den Tod hinaus. Und so verabschiedet sich Sarah Kirsch als Heldin. Fast schon altmodisch scheint ihr Festhalten an konventionellen Subjektivitätskonzepten und Autonomie. Aber letztlich bestimmte sie selbst, sogar über die Nachricht ihres Todes, und das ist außerordentlich. Heute, am frühen Morgen des  22. Mai 1013, erfuhr ich über Facebook, das Sarah Kirsch bereits am 5. Mai im Alter von 78 Jahren gestorben ist.

Sie ist 1935 im thüringischen Limlingerode geboren. Ganz in der Nähe, im Lager Dora, einer Außenstelle des Konzentrationslagers Buchenwald, fertigten Häftlinge ein paar Jahre nach ihrer Geburt V2-Raketen. Diese Korrespondenz der politischen Ereignisse wird Kirschs Leben und Schreiben in einem hohen Maße prägen.  

Sarah Kirsch wurde als Ingrid Bernstein geboren und wechselte ihren Vornamen zu Sarah in Absetzung und Protest gegen die antisemitische Haltung in ihrer Familie. Aufgewachsen ist sie in Halberstadt, der Stadt mit der höchsten Kirchendichte Deutschlands übrigens, in der gerade John Cages Stück As Slow As Possible aufgeführt wird. Diese Aufführung wird circa  500 Jahre dauern. Die  Korrespondenz scheint mir bezeichnend, da auch im Werk Sarah Kirschs ein Einspruch gegen kapitalistische Verwertungszyklen formuliert wird, verbunden mit einer Hinwendung zum Leben. Und zwar ein Leben, das sich nicht in Verfügbarkeit verliert.

Sarah Kirsch bezieht Position nicht nur im platt politischen Sinne, sondern in einem mimetischen, das heißt, sie verleiht dem, was sie bewahren will, Stimme und Form. Die Natur findet sich auf der einen Seite in ihrem Hervorbringen des Lebens und die menschliche Gesellschaft im Hervorbringen von Bedrohung und Vernichtung. Bezeichnend ihr Gedicht Bäume, auch für ihren widerständigen Humor:

Bäume

Früher sollen sie
Wälder gebildet haben und Vögel
Auch Libellen genannt kleine
Huhnähnliche Wesen, die zu
Singen vermochten, schauten herab.

Sie war ein Vorbild im Irren


Sarah Kirschs Weg durch die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts kann man als paradigmatisch beschreiben. Als ein Leben in Absetzbewegung, und in gewisser Weise ging sie mir und meiner Generation, die etwa 30 Jahre später auf die Welt kam, voran. Wie Kirsch hatten auch wir uns aus unserer Gegenwart, die Vergangenheit sein sollte, herausarbeiten. Es war nicht so, dass sie uns die Irrtümer abnahm, die uns prägten, vielmehr war sie uns auch Vorbild im Irren, sahen sie und einige ihrer Kollegen sich eine Zeitlang doch damit beschäftigt, ein anderes besseres Deutschland aufzubauen. Das sollte sich als großer Irrtum herausstellen. Aber vor allem, dass man aus dem Irrtum lernen kann, konnten wir von ihr abschauen. Und dass es keinen Weg aus der Geschichte gibt. Wohl aber aus ihren manifesten Ergebnissen.

Die ersten Begegnungen mit Texten Kirschs hatte ich zur Zeit ihres Weggangs aus der DDR. Von diesem Aderlass der Kultur im Zuge der Biermann-Ausbürgerung sollte sich dieses merkwürdige Land nicht mehr erholen, schnitt es sich doch damit die intellektuelle Lebensader ab. Da ich in einer marxistisch-orthodoxen Familie aufwuchs, sah man die Ausgebürgerten und Weggegangenen in meinem unmittelbaren Umfeld skeptisch, wenn man sie nicht zu Verrätern erklärte. Aber wie dem so ist, entsprang für mich aus gerade dieser Stigmatisierung ein enormer Reiz und ich durchsuchte die Bücherregale meiner Verwandten nach Texten der verfemten, die es ja immer noch zur Genüge gab.  

Gedichte von Sarah Kirsch fand ich unter anderem in einer Anthologie namens Zwiebelmarkt, die im Eulenspiegelverlag erschienen war, und die ich fortan wie meinen Augapfel hütete. Der technische Prozess hatte wahrscheinlich verhindert, dass aus dem Buch die Texte der Dissidenten entfernt worden waren. Und letztlich folgte später ja das ganze Land den Ausgebürgerten in den Westen, der damit ja als Westen zu existieren aufhörte.

Dadurch wurde aus Kirschs Abwesenheit eine dauernde Anwesenheit. Ich finde ihre Bände heute im Bücherregal, ihre Gedichte in den Schulbüchern meiner Töchter, ihren Namen auf Preisträgerlisten. Aber eine persönliche Begegnung mit ihr, die ich nie hatte, wird sich, zumindest im Diesseits wohl nicht mehr ergeben. Und das stimmt mich sehr traurig.

Noch ist Mai, doch möchte ich mit einem Gedicht aus Sarah Kirschs wohl bekanntester Sammlung, Erlkönigs Tochter, schließen:

Nördlicher Juni
Die Nächte haben ihre
Eigenschaften verloren:
Weiße Stufen die
Horizonte mit
Rostroten Tüchern.
Wer hier hinaufspringt
Kann glücklich werden.
Dreimal rufe ich dich aber
Du bist nicht
Auf Erden.


Denn die Gestorbenen haben die Angewohnheit, uns Hinterbliebenen Mut zuzusprechen.