Antiker RatgeberBesser wahlkämpfen mit Cicero

Ein Ratgeber aus dem alten Rom erscheint rechtzeitig zur Bundestagswahl auf Deutsch. Er könnte Politikern sogar bei ihren Schmutzkampagnen helfen. von 

© Haffmans & Tolkemitt

"Schmeichle den Wählern ungeniert." – "Versprich allen alles." – "Umgib Dich mit den richtigen Leuten." Man könnte meinen, deutsche Politiker hätten das gut 2.000 Jahre alte Büchlein Commentariolum Petitionis  längst verinnerlicht, dabei haben sich bisher fast nur Althistoriker damit befasst. Erst Philip Freeman hat jetzt so lange daran herum gebogen, dass aus fast jedem Satz eine Parallele zu unserer Zeit zu lesen ist: Wie man eine Wahl gewinnt – Der antike Ratgeber von Quintus Tullius Cicero.

Quintus Tullius, das ist nicht der Cicero, über dessen Aussprache (Zizero? Kikero? oder gar Tschitschero?) Lateinlehrer streiten, sondern dessen rund vier Jahre jüngerer Bruder. Der Cicero – Staatsmann, Schriftsteller, Briefeschreiber – hieß Marcus Tullius. Er bewarb sich 64 vor Christus um das Amt des Ersten Konsuls, das höchste, das Senat und Volk von Rom zu vergeben hatten.

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Der Kandidat war damals 42 Jahre alt. Die Brüder, Söhne eines Geschäftsmanns aus Arpinum, gut 100 Kilometer von Rom entfernt, hatten eine gediegene Erziehung genossen. Der ältere absolvierte erfolgreich, was heute "Ochsentour" heißt und in Rom "cursus honorum" genannt wurde: das Beackern kleiner Ämter, um den nötigen Stallgeruch für Höheres zu erwerben. Quästor, Prätor, Prokonsul irgendwo in der Provinz, so hießen im Alten Rom die Gegenstücke zu modernen Stationen wie Stadtrat, Landtag, Ministerpräsident.

Frauen, Sklaven, Migranten blieben der Urne fern

Die Konsuln wählte das Volk. Na gut, nicht das ganze. Frauen schon mal nicht. Auch Sklaven hatten damals ebenso der Urne fern zu bleiben wie heute ihre modernen Nachfahren, die Arbeitsmigranten. Zudem sicherte ein Wahlmänner-System den Begüterten mehr Stimmen als dem Plebs. Und weil in Rom gewählt wurde, die Briefwahl aber noch nicht erfunden war, hatten Bürger von außerhalb der Stadt kaum eine Möglichkeit, ihren Herrscher mitzubestimmen.

Kein Wunder also, dass nur Angehörige der immer gleichen hauptstädtischen Senatorenfamilien Konsuln wurden. Seit Gaius Marius (107 v. Chr.) hatten die Römer keinen "homo novus", keinen Emporkömmling aus dem Ritterstand mehr ins höchste Amt gewählt – schon gar nicht aus so einer Familie von Landeiern wie den Ciceros. Überhaupt, dieser Beiname: "Cicer", "Kichererbse", wer soll denn so einen ernst nehmen. 

Die Tipps vom Bruder konnte der ältere Cicero also gut gebrauchen. Wenn denn der Commentariolum Petitionis (etwa: Kleiner Wahlkampfratgeber) wirklich von diesem stammt. Viele Philologen glauben, dass er erst Jahre später, zur Zeit des Kaiserreichs, als rhetorische Übung verfasst wurde. Philip Freeman, der das Werk als How To Win An Election modernisiert hat, ist immerhin so ehrlich, die Zweifel zu erwähnen.

Und er erklärt auch, wie frei er die Übersetzung gehandhabt hat. Den Stand der "equites" zum Beispiel übersetzt er nicht etwa wörtlich als "Ritter": "Die meisten equites waren Geschäftsleute, daher habe ich diesen Begriff oder etwas Vergleichbares gewählt", schreibt er in seiner Einführung. "Sodalitates" und "Collegia" werden zu "Organisationen" und "Interessengruppen", die "Popularen" zu "Populisten".

Die Übersetzung macht's modern

Dass so vieles in dem schmalen gelben Bändchen so modern anmutet, ist also ein Zirkelschluss: Der Übersetzer zwängt die Welt der Sechziger (v. Chr.) in neuzeitliche Begriffe. Und er destilliert aus den ohnehin kurzen 57 Abschnitten auch noch eine Art Best-of-Zusammenfassung in eigenen, noch moderneren Worten.

Doch auch ohne solche Kunstkniffe steckt viel Wahlkämpfer-Weisheit in dem Bändchen. Wie Niccolò Machiavellis Der Fürst oder Sunzis Kunst des Krieges transportiert der Commentariolum zeitlose Sentenzen.

"Nichts beeindruckt einen durchschnittlichen Wähler so sehr, als wenn ein Kandidat sich seiner erinnert, daher bemühe dich jeden Tag, Namen und Gesichter im Gedächtnis zu behalten." "Du musst immer an deine öffentliche Wirkung denken." "Der wichtigste Teil deines Wahlkampfs besteht darin, in den Menschen Hoffnung zu entzünden und ihr Wohlwollen für dich zu wecken."

Leserkommentare
  1. Tja
    Cicero war eben ebenso wenig der politische Saubermann,
    als der er heute oft gesehen wird, wie Angelika Merkel die nette Mutter der Nation ist (wenn die Umfragen stimmen) !

    4 Leserempfehlungen
  2. Zur richtigen antiken Aussprache von "Cicero" gibt es keineswegs irgendwelche Diskussionen - dazu benötigt man nur die antiken griechischen Umschriften von lateinischen Namen und Begriffen wie sie in griechischer Literatur und griechischen Inschriften zu finden sind.

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  3. Da nennt ein Populist den anderen Populist. Die Medien machen dieses Spiel mit und glauben, sie könnten die Leute hinter die Fichte führen.

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  4. Ja, so war es, und so wird es immer sein. Ob Frauen, Plebs oder Sklaven mitwählen dürfen, ändert auch nichts. Die Schlauen "regieren", heißt: verführen, und die Wähler lassen sich veräppeln. Churchill hatte Recht damit, dass Demokratie eine beschissene Staatsform ist. Dann hat er noch was gesagt, aber das habe ich gerade vergessen...

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  • Schlagworte Angela Merkel | Peer Steinbrück | Cicero | Landtag | MIT | Ratgeber
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