Die Schriftstellerin Sabine Scholl © www.literaturfoto.net

Die goldenen, altertümlich verschlungenen Lettern, in denen der Titel auf dem Cover prangt, sind sicher eine beabsichtigte Irreführung: Wir sind die Früchte des Zorns ist zwar eine Familiengeschichte, aber nichts daran ist opulent und episch ausgebreitet erzählt. Mit einem traditionellen Familienroman, wie er in den letzten Jahren hierzulande gerne geschrieben und auch preisgekrönt wird, hat der vierte Roman der 1959 geborenen, österreichischen Autorin Sabine Scholl wenig gemein.

Schon ein Blick ins Inhaltsverzeichnis legt das nahe. In über 50 Abschnitte ist das Buch gegliedert, ihre Titel suggerieren einen fast protokollarischen Charakter: Odette (Schwiegermutter), Hanna (Großmutter I) oder Absprung II.

Wir sind die Früchte des Zorns ist eine Spurensuche – gesucht und analysiert werden die Mütter der Familie, Ausgangspunkt ist die Gegenwart der Ich-Erzählerin.

Sie habe, sagte Sabine Scholl in einem Radiointerview, die "unsichtbar gemachte Arbeit der Frauen" sichtbar machen, diese "unbeschriebenen Flecken" mit Geschichten besetzen und somit auch wertschätzen wollen. Entstanden ist so eine Art feministisches Gegenstück zur klassischen Familiengeschichte. Der Bezug zu John Steinbecks berühmten Roman mit ähnlichem Titel ließe sich genau darüber herstellen: dass dieser als ein sehr männliches Buch zu lesen ist.

Die Ich-Erzählerin hadert mit ihrem Muttersein

Das aber hat nichts mit der Idee einer originär anderen weiblichen Ästhetik oder Schreibweise zu tun. Und es geht nicht nur um einen Rückblick – schon gar nicht von der Position der nun emanzipierten Ich-Erzählerin aus. Denn diese hadert sehr mit sich, ihren Verhaltensmustern und Ängsten – und insbesondere mit ihrem Muttersein. Sie geht den Spuren ihrer Großmütter, der Schwiegermutter und nicht zuletzt denen der eigenen Mutter nach, um sich, ihre Gegenwart besser zu verstehen.

Der Roman führt zurück bis an den Beginn des 20. Jahrhunderts: Hannah, die Großmutter väterlicherseits, und Martha, die Großmutter mütterlicherseits, werden in den zwanziger Jahren geboren. Hannah in ärmlichen bäuerlichen Verhältnissen und früh zu harter Arbeit gezwungen; Martha hat "Glück" und wird adoptiert. Mit den Männern hat sie keines. Der eine lässt sie schwanger sitzen, der zweite fällt im Krieg: der Vater von Erika, der Mutter der Ich-Erzählerin.    

Martha vermag es nicht, ihre Tochter um ihrer selbst willen zu lieben, sie empfindet sie vielmehr als eine Last in ohnehin schweren Zeiten. 1939 geboren, wird Erikas Wert "nach ihrem Beitrag zum Hungerstillen bemessen: Je mehr Pilze, desto nützlicher war sie der Mutter".  Als Verkörperung der Beziehung zum Ehemann verliert Erika "weiter an Wert, als ihr Vater fällt".

Es ist eine Prägung: eine Mutter, die verschwinden möchte, ganz. Und das Gefühl der Ich-Erzählerin, ihr durch ihre Existenz das Leben versaut zu haben: "Ich bin Schuld, dass Erika Mutter geworden ist, und Erika ist Schuld, dass ihre Mutter Mutter geworden ist. Das ist die Erbschuld der Frauen. Hätte sie mich nicht, wäre sie frei, zu tun und zu lassen, was sie will. Hat Erika mir erklärt."