Sachbuch : Mit Worten gegen Waffen

Jürgen Grässlin hat unzählige Waffenexportskandale aufgedeckt. In seinem "Schwarzbuch Waffenhandel" klagt er deutsche Politiker an.

Er nennt Angela Merkel eine "Marketenderin der Todeswaffen", Frank-Walter Steinmeier ist für ihn ein "Rekordhalter bei Kleinwaffenexporten", Guido Westerwelle der "Türöffner auch für die deutsche Rüstungswirtschaft", der Heckler-&-Koch-Hauptinvestor Andreas Heeschen ein "Manager der Mortalität". Jürgen Grässlin betreibt keinen Wortwitz, es ist ihm bitter Ernst. In seinem Schwarzbuch Waffenhandel verfasst er "Täterprofile" und klagt an.

Wer das Ja-Aber schätzt, ist bei Grässlin an der falschen Adresse. Der Lehrer und Autor, der bereits mehrere Bücher über die deutsche Rüstungsindustrie verfasst hat, liebt die Provokation. Aber auch gründliche und tiefgreifende Recherche.

Grässlin gehört zu den gefragtesten Rüstungsexperten im Land. Seit Jahrzehnten beobachtet er den deutschen Waffenhandel. Das von ihm gegründete Rüstungsinformationsbüro Freiburg (RIB) ist in Deutschland eine Institution. Er und seine Mitstreiter haben unzählige Exportskandale aufgedeckt und in die Medien gebracht. Für seine unermüdliche Arbeit wurde er unter anderem mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet.

Überparteilich oder gar neutral wollte Grässlin nie sein. Darin unterscheidet er sich von manchem Journalisten, der sich dem Zitat von Hans Joachim Friedrichs verschrieben hat, dass man sich nicht gemein machen soll mit einer Sache, auch nicht mit einer guten. Grässlin lebt das Gegenteil. Er hat Opfer von deutschen Sturmgewehren in Somalia und den Kurdengebieten in der Türkei besucht. Er kennt Geschichten von Massakern und Menschenrechtsverletzungen, die so brutal sind, dass sie in keinem Film gezeigt werden könnten.

Wer den 55-Jährigen in Freiburg auf der Straße trifft und ihn nicht kennt, würde sich vielleicht wundern, dass er ausgerechnet den Waffenhandel zu seinem Lebensthema gemacht hat. Grässlin, hellgraue Haare, dunkelgrauer Vollbart, ist ein lebensfroher Mensch, der gern und viel lacht. Er jubelt mit seinem Sohn dem SC Freiburg bei Fußballspielen zu und schreit sich dabei schon mal heiser. Wenn er nicht in der Schule oder auf Lesereisen unterwegs ist oder auf Podiumsdiskussionen streitet, dann findet man ihn auf Demonstrationen und Protestkundgebungen. Wann er überhaupt noch Zeit findet, mit Acrylfarben auf Leinwand seine zahlreichen Prominentenporträts zu malen, ist selbst seinen Freunden ein Rätsel.

Grässlin hat sich seinen Ruf als versiertester Rüstungsgegner in der Bundesrepublik hart erarbeitet. Gelegentlich wird er für seine krassen Formulierungen kritisiert. So schreibt er, dass durch Heckler-&-Koch-Waffen mindestens zwei Millionen Menschen ums Leben gekommen sind. Eine Zahl, die sich nicht wirklich belegen lässt. Widerlegen können sie seine Gegner aber auch nicht.

Er ist Ansprechpartner für renommierte Friedensforscher und Wissenschaftler, wenn es um deutsche Kleinwaffen geht. Sein neustes Projekt ist die Aktion Aufschrei, mit der er und andere Rüstungsgegner aus ganz Deutschland Waffenexporte verhindern wollen. Margot Käßmann ist das Gesicht der Kampagne, Grässlin ist ihr Motor.

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