Leserartikel

Sarah KirschAnnäherung an ein Anderssein

Demut war für Sarah Kirsch ein großes Wort, Preise nahm sie nicht wichtig. Leser Thomas Beller hat die verstorbene Lyrikerin ein paar Mal getroffen. von Thomas Beller

Es ist immer schwierig und in gewisser Weise anmaßend, über jemanden zu schreiben, der gegangen ist. Die Angst, etwas subjektiv gedeutet zu haben beim Anderen, das ihm vielleicht nicht gerecht wird, in dem er sich gar nicht verstanden sähe, schwingt mit. 

Sarah Kirsch war ein Mensch mit einer im künstlerischen Bereich seltenen Gabe. Sie mochte keine Allüren, weder bei sich selbst, noch bei anderen. Sie brauchte weder die große Geste, noch die intellektuelle Spitze. Auch Bestätigung schien sie kaum zu brauchen, denn bei einem Besuch fand ich den Heinrich-Heine-Preis, vielleicht war es auch ein anderer der ihr verliehenen Preise, als Türstopper auf dem Boden der alten Schule, in der sie lebte. Das heißt nicht, dass sie die Bedeutung eines solchen Preises nicht schätzte, sie brauchte ihn nur nicht für ihre persönliche Aufwertung.

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So kann man vielleicht sagen, dass einer der Schlüssel für ihre Lebensweise in der Einsamkeit der Marschen, die ihre Arbeitsweise bestimmte und bedingte, ihre echte Unabhängigkeit war.

Ein zweiter Schlüssel liegt in dem den meisten Menschen suspekt gewordenen und altmodisch erscheinenden Wort Demut, das sie selbst gern gebrauchte. "Wenn der Wind ungebremst ankommt, stellt sich schnell die nötige Demut ein", schrieb sie.

Diese Demut war ein elementarer Teil ihrer Weltsicht. Sie selbst erwähnt das Wort noch an weiteren Stellen. Sie wollte die Welt oder die Wirklichkeit nicht bewältigen, sie sich nicht aneignen, ja, vielleicht nicht einmal verstehen. Sie wollte einfach ihre Wahrnehmung der Wirklichkeit in Bildern zum Ausdruck bringen. In ihrer Lyrik gibt es keine große Geste, keine intellektuelle Prahlerei, keine Suche nach Bestätigung.

Sie schreibt mit unverdorbener Tinte, wie sie es einmal mit indirektem Bezug über ihren Norden gesagt hat:

Daß ich etwas mit meinem Norden prahle –
Mir scheint es ich sage die Wahrheit
Schreibe mit unverdorbener Tinte.
(Sämtliche Gedichte)

Mir schrieb sie, als ich ihr nach vorheriger Begegnung ein paar zu sehr gewollte Gedichte zur Ansicht gesandt hatte, einmal zurück: "Sie schreiben noch zu sehr mit dem Hirn, es sollte um innere Welten gehen, Bilder, keine Vorträge."

Gerade dies demütige sich einlassen auf die inneren Bilder in der gewählten Abgeschiedenheit war ihre große Stärke. Wer könnte das heute? Ihre Demut war in gewisser Weise auch Hingabe an die Lyrik, war ihre Art der Offenheit für die Wirklichkeit vor ihrer Haustür.

Diese beschreibt sie manchmal mit Zaubersprüchen, mit einer Magie, die nie gewollt ist, sondern die durch Einfachheit der Sprache und durch genaues Benennen zustande kommt.

Als ich sie einmal nach der Einsamkeit fragte, in der sie lebte, antwortete sie ohne Zögern, sie habe doch alle ihre Freunde immer dabei. Diese Freunde waren ihre Bücher.

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Leserkommentare
    • raflix
    • 25. Mai 2013 15:53 Uhr

    nicht "sich einlassen". Substantiviertes Verb. Ansonsten schöner Artikel!

    2 Leserempfehlungen

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  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Sarah Kirsch | Gedicht | Lyrik | Offenheit | Schule | Sprache
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