Spoken WordGefängniszelle statt Elfenbeinturm

Wegen versuchten Mordes saß Kosal Khiev 14 Jahre in amerikanischen Gefängnissen. Heute hält er Vorträge an Universitäten und liest seine Texte auf Literaturfestivals. von 

"Poet, Tattoo-Künstler und Überlebender des amerikanischen Gefängnissystems" nennt sich Kosal Khiev.

"Poet, Tattoo-Künstler und Überlebender des amerikanischen Gefängnissystems" nennt sich Kosal Khiev.  |  © gezett.de

Bei mancher Lebensgeschichte lässt sich der Stift zücken und mitschreiben, das Hollywood-Drehbuch füllt sich von allein. Wie bei der von Kosal Khiev: Flucht vor den Roten Khmer in die USA, Sklavenarbeit als Holzfäller, versuchter Mord und 14 Jahre Gefängnis, schließlich die Abschiebung nach Kambodscha. Zu viel für ein gut 30 Jahre währendes Leben.

Nun sitzt er da, ein schmächtiger Mann, Jahrgang 1980. Vor der Berliner Akademie der Künste genießt er die Frühlingssonne. Das Poesiefestival hat ihn eingeladen, an einem Gespräch über "Spoken Word" teilzunehmen, diesem literarischen Genre auf halber Strecke zwischen Lyrik und Rap. Auch eigene Texte wird Khiev vortragen.

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Er veröffentlicht sie auf seiner Website, sie heißen Momente zwischen den Nächten oder Der Klang zerbrochener Ketten. Es geht darin um Sklaverei und Armut, um den Kampf für Freiheit und die Liebe Gottes. Um Khievs Lebensthemen. Metaphern von Feuer und Wölfen, die Verse sprechen eine weihevolle, mitunter martialische Sprache: "Mein Kreuz ist gebrochen. Vom Gewicht der Welt", schreibt er in seinem dreiaktigen Epos Cry Along With Me.

Schon im vergangenen Herbst war Khiev zu Besuch. Er gewann den Preis für die beste Performance beim Poetry Film Festival für den Kurzfilm Why I Write. Ein formal reduziertes Video voller Wucht. Gefilmt 2011, im Jahr der Haftentlassung. Ein improvisierter Boxring in der Nacht, vier Scheinwerfer und Khiev. Er verzieht das Gesicht vor Entschlossenheit und Verzweiflung, dirigiert seine Worte. "Ich will die Welt entzünden und in ihrer Asche wiedergeboren werden", ruft er. "Für den süßen Geschmack von Mangos", möchte er schreiben, "für die Essenz der Seele" und "die Knochen in einem Land, das ich Heimat nenne". Das sich steigernde Sprechtempo, die Rhythmik der Worte, manchmal gedoppelt in zwei übereinandergelegten Tonspuren: Spoken Word ist Musik ohne Instrumente, nur mit den Mitteln der Sprachmelodie.

Acht Monate später, zurück in Berlin. Khiev erzählt von Gaspistolen und Gummigeschossen, mit denen seine Mithäftlinge in den USA beschossen wurden. Von einem quälenden Jahr des Wartens in der Abschiebehaft. Vom Neustart in einem fremden Land, Kambodscha, ohne Familie, fast ohne Freunde. Und davon, wie die Literatur sein Leben gerettet hat. Er sitzt da, im Kapuzenpullover, die Arme von bunten Tattoos übersät. Eines davon nennt ihn "abandoned", herrenlos. Kosals Wesen sagt etwas anderes über ihn, er ist ausgenommen höflich. Berichtet ruhig und ausführlich von seinem Schicksal und lächelt immerzu.

Feierlichkeit in der Stimme

Wenn Khiev erzählt, klingt es, als trage er Literatur vor. Da ist eine Melodie in seiner Stimme, ein Singsang. Eine Feierlichkeit, die eher zu poetischen Texten passen würde als zu den Geschichten einer verkorksten Jugend. Man möchte ihm lange zuhören, Schmerz und Ärger fehlen völlig in seinen Worten. In der Geschichte, die er aus seinem Leben gemacht hat, ist jedes Ereignis ein zwangsläufiger Teil des großen Ganzen. Und alles für irgendetwas gut.  

Die Geburt in einem thailändischen Flüchtlingslager an der Grenze zu Kambodscha. Die Flucht der Mutter, der Großmutter, der drei Schwestern und drei Brüder mit ihm in die USA. Die vielen Umzüge in Kalifornien, Santa Ana, Riverside, und die falschen Freunde.

Die Umstände waren widrig, trotzdem erwachte in Khiev das Interesse für Literatur. Wohl gerade wegen des Mangels an Poesie im Alltag. Im Englischunterricht las er Edgar Allan Poes Kurzgeschichte Das verräterische Herz, ihn faszinierte ihre Düsternis. Khiev begann mit 13, selbst zu schreiben. Auch seine Gedichte waren düster. Als die Schwester sie zufällig fand und las, war sie entsetzt: "Was ist los mit dir? Fühlst du das wirklich?" Aus Scham gab er das Schreiben wieder auf.

Mit 15 wurde Khiev in ein Heim in Louisiana geschickt, ein Jahr lang fällte er Bäume auf einer Plantage. Schläge, Missbrauch, all das habe es dort gegeben. Erst später wurde ihm klar, dass er Kinderarbeit verrichtete. Dass die Aufseher nichts anderes waren als Sklaventreiber. Khiev lacht, wenn er es heute erzählt. Als habe er alles nur in einem Buch gelesen.

Leserkommentare
  1. ...dass in den USA 2008 relativ zur Bevölkerungsgröße fast soviele Menschen in Gefängnissen saßen, wie in der UdSSR vor dem 2. Weltkrieg, dem grausamen Höhepunkt von Stalins Diktatur:
    https://en.wikipedia.org/...
    Und dieses Land soll angeblich die "freie Welt" repräsentieren...

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  • Schlagworte Kambodscha | USA | Festival | Gefängnis | Khmer | Mango
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