Büchner-PreisSeitensprünge in den Wahnsinn

Sibylle Lewitscharoffs Bücher sind Wege zur Erleuchtung. Zu Recht hat die Schriftstellerin den Büchner-Preis bekommen. Andrea Hanna Hünniger gratuliert. von 

Es ist wichtig, unzufrieden zu sein, sonst kann man nichts Neues anfangen. Das hat Sibylle Lewitscharoff mal gesagt und das dürfte so langsam schwer werden, also dieses Unzufriedensein, für eine der originellsten Schriftstellerin des Landes. Lewitscharoff ist schon lange in allen Preisrennen der deutschen Literatur dabei. Und zwar, und das denkt man doch selten, völlig zu Recht. Sie gewinnt den Bachmannpreis in Klagenfurt, bekam dann den Leipziger Buchpreis, dann den Kleistpreis und wurde heute mit dem Büchnerpreis ausgezeichnet. Das sind nur die wichtigen Eckpreise.

Was heißt eigentlich ausgezeichnet? Es müssen keine Orden vergeben werden, um zu sehen, dass hier große Geschichten erzählt werden. Erinnern Sie sich an Pong? Nein? Bitte lesen! Nie wurde der Wahnsinn in so eine glanzvolle Sprache gesetzt! Ja im Ernst. 

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Lewitscharoff war schon damals, also 1998, als sie mit einem Ausschnitt aus Pong den Klagenfurter Bachmannpreis gewann, die Chefschriftstellerin. Dass sie damals nicht den Büchnerpreis gleich hinterher bekam, liegt nur daran, dass man für bestimmte Preise einfach ein paar Kilo Buchseiten vorweisen muss. Ihr großes Verdienst: Sibylle Lewitscharoff hat den Wahnsinn wieder in die Literatur geholt.

Sie ist in Stuttgart in einem bürgerlichen Viertel aufgewachsen. Ihr Vater hat sich früh umgebracht. Als Teenager feierte sie Partys auf Ibiza unter Anwesenheit von Bob Marley und der Sängerin Nico, kurz bevor diese starb. Lewitscharoff ist noch ein Teenager, als sie Kommunistin wird und dann Feministin. Sie war es so lange, bis sie Alice Schwarzer live reden hörte.          

Das Übersinnliche!

Das ist alles schon Wahnsinn, aber die Romane, die einem Leben wie dieses abzuringen sind, sind der ultimative Weg zu Erleuchtung. Sie wagt mit ihren Geschichten nämlich den Seitensprung in den Wahnsinn. Da ist also dieser Pong, der im Frühstücksei die Welt erkennt.

Da ist ein Lehrer, der in einem Café von Toten und von Liebe träumt (Consummatus), da ist ein grandioser Roadtrip nach Bulgarien (Apostoloff) und ein komischer Philosoph, der eine Liebesbeziehung zu einem Löwen hat (Blumenberg). Überhaupt sind alle ihre Romane im Grunde Liebesgeschichten von rührender Ehrlichkeit. Schreibe ich gerade Wahnsinn? Nein, ich bin nur ein Fan. 

Das Werk Lewitscharoffs ist das Salz in der deutschen Gegenwartsliteratursuppe. Und zwar gesalzen mit dieser sogenannten "Fantasie". Fantasie, wie die Büchnerpreisjury in ihrer Begründung schreibt, ist aber total untertrieben. Es geht ums Übersinnliche. Um das ungesagte und unsichtbare. Wobei auch übersinnlich unangemessen ist. Aber was soll man sagen.  Steigen jetzt die Naturwissenschaftler aus? Nein, genau das ist Naturwissenschaft.               

Immerhin ist nicht einmal die Frage geklärt, ob Mathematik eine Entdeckung ist oder vielleicht doch eine Erfindung. Und wenn das nicht geklärt ist, dann ist hier und heute gar nichts geklärt. Also kann man natürlich in einem Frühstücksei die Welt erblicken und im Himmel die Engel. Manchmal schießen auch kleine grausame Hass- und Tötungsfantasien dem Leser entgegen.    

Die Welt ist rau wie ein Parkleitsystem, wie viel rauer müsste sie sein, wenn wir nicht glauben könnten, also an Engel, an Schönheit, an Hass und an diese tollen Bücher von Sibylle Lewitscharoff.

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Leserkommentare
  1. ...bekommt Ror Wolf auch 2013 den Büchner-Preis nicht. Schade.

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    Freier Autor

    Und Peter Kurzeck bekommt ihn auch nicht. Auch Ralf Rothmann nicht. Und viele andere auch nicht. Das ist das Spiel.

  2. Freier Autor

    Und Peter Kurzeck bekommt ihn auch nicht. Auch Ralf Rothmann nicht. Und viele andere auch nicht. Das ist das Spiel.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Wie jedes Jahr..."
  3. zeigen Literaturpreise ja nur an, daß ein Buch harmlos genug ist, um allseits Anerkennung zu finden, und daß ein guter Verleger dahinter steht (und jedesmal freut man sich auf die Rezension in der Titanic, um daraufhin froh zu sein, stattdessen etwas anderes gelesen zu haben).

    Dennoch hat dieser schöne Artikel neugierig gemacht, danke dafür. "Pong" ist bestellt, ich bin gespannt.

    • Mari o
    • 05. Juni 2013 7:57 Uhr

    und von mir auch.Jetzt weiss ich nicht ob ich auch schon im Hauptstrom (mainstream) mitschwimme oder warum mir Sibylle Lewitscharoff gefällt.
    Die Frau hat was

  4. ... Fantasie oder Erleuchtung, Wahnsinn oder klare Wahrheit. Worte sollten sinngemäß Verwendung finden, nicht sinnentlerrt oder verdreht. doch wo es um Unterhaltung geht und Marketing ...

    Eine Leserempfehlung
    • hairy
    • 05. Juni 2013 15:31 Uhr

    dass sie sich ihren Dialekt nicht abgewoehnt hat. Unsere heutigen Literaturinstitutsabsolventen dagegen kommen ja fast saemtlich mit Hannoverdeutsch an.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Sibylle Lewitscharoff | Literatur | Buchpreis | Roman | Bulgarien | Ibiza
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