Roman "Clown ohne Ort"Gekotzt wird viel

Thomas Martini widmet sich literarisch der deutschen Kulturszene. Viel mehr als Sex- und Drogenstress hat sein Roman aber nicht zu bieten. von Hans-Peter Kunisch

© Frankfurter Verlagsanstalt

 Das Jahr der Wunder von Rainer Merkel erschien 2001. Es war eines der ersten Bücher der jüngeren deutschsprachigen Literatur, denen es gelang, die Berufswelt der Gegenwart auf der Höhe der Zeit erleben zu lassen. Zehn Jahre später hat Thomas Melle in Sickster ein, den neuen Krisenzeiten angepasstes, etwas grelleres Porträt eines sich ständig überfordernden Durchschnittsherrn aus dem mittleren Management geliefert, der im sagenhaften Berliner Klubleben der Gegenwart dem Wahnsinn nahe kommt. Thomas Martini, 1980 geboren, scheint in seinem Debütroman mit dem schönen Titel Clown ohne Ort jetzt Ähnliches im Sinn zu haben.

Sein junger Held Naïn reüssiert anfangs ganz ordentlich: "Da waren die Assistenz bei einem Bundestagsabgeordneten, die Festanstellung noch während des Studiums, das Angebot, im Europaparlament zu arbeiten, der Stolz seiner Familie, im matten Licht der Sicherheit schimmernde Zukunft." Ein emsiges Karrieremäuschen auf der grauen Hinterbühne der Politik; kein schlechter Ausgangspunkt, die Welt zu beobachten.

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Leider erfährt man davon nichts. Martini beginnt seine eigentliche Geschichte erst, nachdem Naïn mit der grünen Strickmütze der rumänischen Oma bei der Arbeit erschienen ist, und "nach dem zweiten Anfall bald zum Gespött der Kollegen" wurde. Er steigt aus, wie man früher sagte, dümpelt herum, kommt als Praktikant zu einem Berliner "Open Air-Theater", hinter dem man das "Hexenkessel Hoftheater" erkennen kann.

Interessant an diesem Teil des Buchs ist, wie die Anwartschaft auf EU-Fördergelder zynisch-geschickt umgesetzt wird. Der Bruder eines Theatermitglieds arbeitet praktischerweise bei der EU, bringt in Erfahrung, wer den Antrag bearbeitet, ein Persönlichkeitsprofil des Alt-Achtundsechzigers wird erstellt, das verquast politische Gerede des Antrags dem Beamten angepasst: Der Erfolg lässt nicht auf sich warten.

Simulation von Tiefe

Ein ungewöhnlicher Ansatz, sich literarisch der Kulturszene zuzuwenden. Doch leider muss man die Einzelheiten schon aus dem Wust an Wahrnehmungen destillieren, in den Martini nach kurzer Zeit gerät. Anders als Thomas Melle, der die exzentrische Nacht- und Rausch-Welt, zumindest im ersten Teil bilderreich und atmosphärisch genau darzustellen vermag, kommt Martini sprachlich selten über eine wirre stilistische Suchbewegung hinaus. Das wilde Leben, das außerhalb des Romans getobt haben mag, findet zwischen Buchdeckeln keine Form, wird bloß atemlos aneinandergereiht: Tüten, Wodka, multiple Erfolge bei Bübchen und Mädels, am besten gleichzeitig, auf drei verschiedene Arten, dazwischen der regelmäßige Absturz. Gekotzt wird viel. 

So wird dem Leser existenzielle Tiefe simuliert, doch bleibt mit der Zeit der Eindruck, der sensible Junge wäre besser im gemütlicheren badischen Landstrich geblieben, in den es den zehnjährigen Rumäniendeutschen samt Eltern nach der Emigration verschlug, das wäre, im Sinne von Michel Foucaults "Sorge um sich", gesünder gewesen und Leser hätten wenig verpasst.

Das scheint sich nach einer Weile auch Martini selber zu denken. Als der Bruder des Europabeamten genug hat vom Theater, ist es auch für Naïn plötzlich Zeit, die künstlerische Weltverbesserung samt Sex- und Drogenstress einfach zu vergessen. Wie jeder gute Sünder gerät er in eine Phase der Reinheitssuche, die im Buch als poetische Erinnerung an die Liebe zu einem einzigen Blümlein präsentiert wird. Doch leider entwickelt sich die Poesie oft zum biederen Kitsch in der Hand. Alltägliches Glück, von dem man besser leise spräche, wird, mittels mächtigem Anspruch, aufgeblasen.

Mehr als sechzig Seiten sind als Prosagedicht gesetzt, wogegen nichts einzuwenden ist, aber hier liest es sich so:

"Wie wir das erste Mal getrennt waren und uns ein paar Tage später zufällig auf der Hoppetosse trafen. Du hattest was genommen, ich hatte zu viel getrunken. Wir sind auf der Toilette gelandet, besetzten sie mehr als eine Stunde lang. Du standest die ganze Zeit nackt da, ich stand die ganze Zeit nackt da, um uns herum tobte der Wahnsinn und in uns tobte die Leere und die Liebe mit. Wie du mich brüsk nach Hause geschickt hast, in deiner bestimmten Art, wie nur du das kannst, und du akzeptierst dann keine Widerrede, und ich konnte dir nur recht geben, wie du fast immer recht hast. Bin ich erst Mann, wenn ich Fehler mache?"

Der letzte Teil des Romans fällt nach dieser neudeutschen Pennälerpoesie verständlicherweise wieder in die Klubwelt zurück. Da ist wenigstens mehr los. Erfahrung im Leben schult auch den Stil, denkt man sich manchmal, aber hier scheint anderes der Fall. Zu viel Wichtigtuerei, zu wenig Sprache. Oder, wie sich Naïn, mitten im Klub-Leben, einmal angewidert denkt: "zu viel der Berlintouristen, zu viel der eingebildeten Hipsterpornografen, zu viel (…)." Eine genauere Betrachtung der schmutzigen grünen Mütze der Oma und der Kriegsgefangenschaft der Tante (warum gleich fünf Jahre?), hätten wohl ein eigenständigeres Buch ergeben.

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Leserkommentare
  1. In dem Roman gibt es nicht zu wenig Sprache
    wie der Autor des Artikels kritisiert. Vielmehr
    fasziniert mich oftmals die Eloquenz, die Sprachfertigkeit
    Thomas Martinis in Form einer lebendigen poetischen Sprache.
    Ein fast schon philosophischer Roman - nicht nur für Teenager. .

  2. Also nach einer solchen sprachlichen Stammelei (siehe unten)

    "Wie wir das erste Mal getrennt waren und uns ein paar Tage später zufällig auf der Hoppetosse trafen. Du hattest was genommen, ich hatte zu viel getrunken. Wir sind auf der Toilette gelandet, besetzten sie mehr als eine Stunde lang. Du standest die ganze Zeit nackt da, ich stand die ganze Zeit nackt da, um uns herum tobte der Wahnsinn und in uns tobte die Leere und die Liebe mit. Wie du mich brüsk nach Hause geschickt hast, in deiner bestimmten Art, wie nur du das kannst, und du akzeptierst dann keine Widerrede, und ich konnte dir nur recht geben, wie du fast immer recht hast. Bin ich erst Mann, wenn ich Fehler mache?"

    sich dann noch eine so lobhudelnde Kritik wie die von "Georg34" zu Gemüte zu führen, dazu gehört schon eine große Leidensfähigkeit.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Clown | Europaparlament | Rainer Merkel
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