Roman "O.T." : Mit Wut in die Lektüre

Die Künstlerin U.D. Bauer unterwirft ihre Leser einem Experiment: Ihr Buch"O.T." ist ein schwer bezwingbares Stück Literatur aus montierten Zitaten.
© Die Andere Bibliothek

Es gibt Kunst, die beeindruckt durch die in sie gelegte Mühe, die man als eingeschüchterter Betrachter mit diffuser Ahnung ermisst. Im Zirkus etwa wenn Akrobaten sich verbiegen. Dann stehen die Münder weit auf und die Augen. Zu dieser Art von Kunst gehört das literarische Debüt der bildenden Künstlerin U.D. Bauer, das unter dem Titel O.T. nun in der Anderen Bibliothek erschienen ist. O.T. besteht aus insgesamt 2.857 Zitaten. Das ist für einen Text von knapp 166 Seiten eine schwindelerregende Menge. Man darf applaudieren.

Zehn Jahre lang trug U.D. Bauer die Zitate zusammen, wie sie in einem angehängten Gespräch mit ihrem Sohn, dem Publizisten Maximilian Bauer (besser bekannt als "Max Dax"), berichtet. Die Zitate sind sowohl Reklametexten wie der schönen Literatur entnommen, was zum Beispiel zu Begegnungen zwischen Benzinwerbung und Patricia Highsmith führt: "DA EMPFIEHLT SICH DEM MOTORISIERTEN LESER … A… – das bleifreie Benzol-Gemisch zuverlässig und temperamentvoll zu allen Jahreszeiten und Verkehrssituationen… Und schon fährt Dickensens Wagen vor, ein schwarzer Triumph Coupé, das wieder einmal gewaschen werden sollte." Da kann sich die Kritik kaum halten und fährt mit. Von der Spex bis zur Süddeutschen Zeitung freut man sich über die Einebnung der Unterscheidung von E- und U-Kultur und darüber, dass Rainald Goetz neben Grimms Märchen, neben Ringelnatz, neben Seneca steht.

In O.T., sagt Bauer, seien "alle Motive des klassischen Romans aufgegriffen und verwurstet." Doch wie das so ist mit "Verwurstungen", ist es nicht immer ganz leicht, die Dinge wieder zu entwursten. Mit den Motiven des klassischen Romans scheinen zunächst die Figurenkonstellation gemeint zu sein, die das Ensemble zu einer tragischen Familiengeschichte bereitstellen, jedenfalls geht es um eine Tochter, Mutter und Vater. So genau lässt sich das aber gar nicht sagen, denn – das ist ja der Witz an diesem Buch – es sind lauter Zitate, die erst der Leser zu einem Ganzen zusammensetzt.

O.T. ist insofern ein großes Glück, als es ein selten didaktisches Buch ist, das seine Leser einem Selbstexperiment unterwirft: Hier lässt sich die "Wut des Verstehens" (Friedrich Schleiermacher) in der Praxis erleben, die während des Lektüreaktes danach trachtet, Sinn auf Linie zu bringen, widerspenstige Aussagen zu disziplinieren. 

Der wahre Held

Die typografische Gestaltung unterstützt zwar die aparte Erscheinung der Zitate, die sich wie ausgeschnittene Textzeilen weiß vom eierschalenfarbenen Blatt und scharf voneinander abheben. Aber obwohl die Zitate für sich genommen bloß Fetzen aus der Welt der Texte sind, ist man als Leser unermüdlich damit beschäftigt, einen organischen fiktiven Kosmos zu erschaffen. 

Der wahre Held der Geschichte ist ein Schriftsteller, der immer wieder über den eigenen Schreibprozess reflektiert, darüber, wie er schreibt und wie er liest und wie er schreibt: "Von allem aber, was ich lesen werde, weiß ich, daß ich es unvermeidlich wieder in meine Arbeit einbringen werde."

Diese Dekonstruktion des genialen Schöpfergeistes ist zwar ein sympathischer Zug des Buches. Doch liegt dem nicht auch das Missverständnis zugrunde, dass ein Schöpfergeist für seine eigene Abschaffung anwesend sein muss?


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Kommentare

6 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

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Ein Buch, dass nur aus Zitaten anderer zusammengstöpselt ist, um mal wieder zu verdeutlichen, dass der Autor tot ist?

Dessen "Autorin", "die ja eigentlich gar nicht da ist" (es sich aber trotzdem nicht hat nehmen lassen, ihren Namen auf das Buch zu drucken - konsequent wäre es gewesen, genau diesen komplett wegzulassen - aber man ist ja auch eitel, nicht?) im Nachwort behauptet, der Inhalt sei nicht wichtig?

Und wozu soll das nun gut sein?

Ach ja, ich vergaß: Um darauf hinzuweisen, dass der Autor "selbstherrlich" und "autoritär" ist und dem Leser etwas "aufzudrängt", wenn er mit seinem Schreiben etwas zu vermitteln versucht, was ihm vielleicht wichtig ist.

Deshalb sollte man es wohl eher so machen wie Frau Bauer: Ein bewusst inhaltsleeres Konstrukt zusammenfriemeln, das um sein bloßes Konstruktsein bewundert werden will - wohl weil es, obwohl nur aus Fremdzitaten kompiliert, eine halbwegs stringente Handlung präsentiert.

Schön. Ich bin mir sicher, der Großteil der Germanisten wird sich geifernd darauf stürzen und Seminare ansetzen, weil sie sich in ihren Thesen bestätigt sehen und dabei mit Sicherheit eine Menge selbsterhaltender Redundanzen produzieren.

Leute, die etwas mehr von Literatur erwarten als inhaltsleere Dekonstruktion, wenden sich dann gähnend ab und widmen sich Büchern (und Autoren), die versuchen etwas über die Beschaffenheit der Welt in der wir leben auszudrücken.

Postmodernism won't last forever.

Ich glaube

dass - soweit nur auf dem Artikel und der Leseprobe vom Verlag basierend - sowas doch eher wenig bringt. Sehr wörtlich genommene Dekonstruktion, ein Excercitium, drängt dem Leser auch Auswahl und Montageentscheidungen auf. Ist also auch autoritär. Und das mit dem Tod des Autors war eh eine Verschlagwortung gewesen, die für die Literatur kaum Folgen hatte, weil man schon längst wusste, wiesehr jedes Buch von den Büchern abhängt, die ein Autor gelesen hat.

Kuckuck die Katz'

Als Student der Anglistik im ersten Semester belegte ich einen Kurs "Kreatives Schreiben". Für unsere erste Aufgabe - "Schreibe etwas über dich selbst!" - entschied mich für ein komplett aus verschiedenen Zitaten zusammengeklöppeltes Gedicht, welches zwar an einigen Stellen nicht unbedingt Sinn ergab, dafür aber ein suggestives und in sich stimmiges Ganzes, wie ich fand.

Zurück kam mein der Zeit anscheinend weit voraus gewesene Werk mit der hastig hingekritzelten Bemerkung, "Was ist das!???".

Über alle Maßen empört und zutiefst verletzt blieb ich der Veranstaltung von da an fern.

Und jetzt das. :-(