Brockhaus-LexikaDas Projekt Aufklärung geht trotzdem weiter

Der Bertelsmann-Verlag will seine Lexikonsparte schließen. Kein Wunder: Verlässliches Wissen zwischen Buchdeckeln ist eine überholte Illusion. von 

Von Umberto Eco gibt es einen Essay über den Versuch, Eine Karte des Reiches im Maßstab 1:1 (so der Titel) herzustellen. Der Zeichen-Spezialist kommt zu dem Ergebnis, dass eine solche Karte unmöglich ist. Unter anderem wäre sie bei ihrer Fertigstellung schon veraltet. Und sie müsste das Reich zerstören: Sie würde es komplett abdecken und damit ersticken.

Alles Wissen über die Welt zu sammeln, das ist der Traum der Aufklärung. Erkenntnis zwischen Buchdeckeln soll der Menschheit den Ausgang aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit weisen. Das berühmteste Projekt ist die französische Encyclopédie der Gruppe um Denis Diderot, wenige Jahre vor dem Sturm auf die Bastille. Auch die Enyclopædia Britannica atmet diesen Geist.

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Friedrich Arnold Brockhaus ist zwar in erster Linie ein (nicht immer erfolgreicher) Kaufmann, kein aufklärerisch beseelter Wissenssammler. Doch auch er ist ein Kind seiner Zeit, verlegt politische und literaturkritische Werke, berichtet als Journalist unter anderem von der Leipziger Völkerschlacht 1813 und gerät mehrfach mit der Zensur in Konflikt.

Dann kam die CD-Rom

Auf der Leipziger Buchmesse 1808 erwirbt Brockhaus für wenig Geld die Rechte an einem Conversationslexikon mit vorzüglicher Rücksicht auf die gegenwärtigen Zeiten. Renatus Gotthelf Löbel hat es 1796 begonnen, ist aber drei Jahre danach gestorben. Der Verleger Johann Friedrich Herzog, der es fortgeführt hat, ist insolvent. Brockhaus lässt die vorhandenen sechs Bände um zwei erweitern und schreibt ins Vorwort den Anspruch, alles zu liefern, was "ein jeder als gebildeter Mensch wissen muss, wenn er an einer guten Conversation Theil nehmen oder ein Buch lesen will".

Als der Stuttgarter Verleger Carl Erhard einen Billig-Brockhaus als Raubdruck herausbringt, zieht Brockhaus gegen den Plagiator in eine PR-Schlacht. Er legt allen Zeitschriften seines Verlages ein Flugblatt bei, in dem er den Nachdruck als Diebstahl anprangert. Erhard bleibt auf der nächsten Auflage sitzen.

Gegen die heutigen Feinde der gedruckten Enzyklopädie könnte selbst der streitbare Verlagsgründer wenig ausrichten. Schon seit den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts wächst die Konkurrenz digitaler Nachschlagewerke wie der Encarta von Microsoft. Multimediale CD-ROMs und das Internet lassen sich leichter durchsuchen, besser aktualisieren und liefern zum Eintrag über Beethoven die Musik gleich mit. Auch der Brockhaus kommt längst nicht mehr ohne DVD und Online-Zugang aus.

Warum also 30 gewichtige Bände für stolze 3.000 Euro ins Regal wuchten? Dass der Druck-Dinosaurier nicht schon vor zehn, 20 Jahren ausgestorben ist, wird vor allem am "optischen und haptischen Genuss" liegen, mit dem der Verlag ihn bewirbt: dem edlen Eindruck und dem davon erhofften Imagegewinn für den Besitzer. Einst nannte Verleger Brockhaus die "gebildeten Stände" im Untertitel als Zielgruppe. Manche halten den Besitz des Lexikons immer noch für eine Eintrittskarte in diesen Club.

Leserkommentare
    • 2b
    • 14. Juni 2013 14:33 Uhr

    seinen Spezialisten ermöglichen würde, bei Wikipedia deren Expertenwissen und Qualitätskriterien für diese dynamische Wissensarchivierung einzubringen, dann wäre mir das einen Solidaritätsbeitrag wert (auch ohne druck_materialisiertes Erzeugnis)?

    Für die mechanische Auslastung der Druckerpressen finden sich vielleicht neuartige DisplayIdeen auf (Konststoff)Folie???

  1. appelliert Dietmar Bartz in der taz und schlägt vor: "Wenn es Bertelsmann aber auch um den Zugang zu enzyklopädischem Wissen ginge, wäre ein großartiger Abgang denkbar: den Inhalt des Konversationslexikons komplett unter freie Lizenz und damit der Wikipedia zur Verfügung zu stellen."

    Das wär' doch mal was!

    http://www.taz.de/Traditions-Enzyklopaedie-wird-eingestellt/!118016/

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    Aber Sorgfalt mit Quellenangabe dauert halt ein bißchen länger.

  2. Aber Sorgfalt mit Quellenangabe dauert halt ein bißchen länger.

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    • 2b
    • 14. Juni 2013 15:07 Uhr

    welche darin Lebensinn sehen, dachte ich ...
    (wenn man das bei der Taz auch so sieht, freut mich das ... dazu ein faires Konzept oder neuartiges Interaktions-/Ausgleichsmodell???)

    Was fällt Ihnen dazu spontan ein???

    • 2b
    • 14. Juni 2013 15:07 Uhr

    welche darin Lebensinn sehen, dachte ich ...
    (wenn man das bei der Taz auch so sieht, freut mich das ... dazu ein faires Konzept oder neuartiges Interaktions-/Ausgleichsmodell???)

    Was fällt Ihnen dazu spontan ein???

  3. dass die Verantwortlichen bei Brockhaus es versäumt haben, die gedruckte Ausgabe spätestens schon vor zehn Jahren einzustellen, um alle Ressourcen in die elektronische Version zu investieren.

    Habe den Fehler begangen, mir die "Brockhaus Enzyklopädie digital" für nicht wenig Geld anzuschaffen und es bitter bereut. Der Kopierschutz war so gründlich, dass nach einem Windows XP Update das Programm nicht mehr startete (wurde durch einen Patch mühselig behoben, allerdings liefen diverse Zusatzprogramme von nun an nicht mehr) und mit dem Wechsel auf Windows 7 war dann endgültig Schluss: Das Programm lässt sich nicht mehr installieren.

    Fazit: Ein kurzes Vergnügen für einen ziemlichen Batzen Geld!

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    • js.b
    • 14. Juni 2013 16:35 Uhr

    Es mag zwar sein, dass es Stichproben gab, bei denen Wikipedia positiv weggekommen ist, man sollte das ganze allerdings nicht als Online-Ersatz für den Brockhaus begreifen. Dafür ist die Qualität in vielen Artikeln zu schlecht, Darstellungen sind teils nicht neutral und teilweise sogar fachlich falsch. Über die Gründe ist in der Vergangenheit schon viel diskutiert worden.

    In jedem Fall gilt: Wikipedia ist eine großartige Idee, aber als Brockhaus-Ersatz sollte man sie keinesfalls begreifen. Ich finde es manchmal erschreckend, wie blind manche Leute offenbar auf das vertrauen, was sie da lesen.

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    • 2b
    • 14. Juni 2013 16:53 Uhr

    basisdemokratisch?

    Oft nicht aber meistens schon, zumindest was die Aktualität und Verfügbarkeit angeht. Und das reicht für Brockhaus' Todesurteil allemal aus.

    Und wenn man mehrerer Sprachen mächtig ist, kann man bei Wikipedia immer zwecks Überprüfung zu ner anderen Sprache gehen. Mache ich regelmässig und oft genug gibt es da mehr oder gar widersprüchliche Infos.

    • 2b
    • 14. Juni 2013 16:53 Uhr

    basisdemokratisch?

    Antwort auf "Wikipedia kein Ersatz"
    • TDU
    • 14. Juni 2013 17:02 Uhr

    Zit: "Doch die Welt dreht sich weiter, die Artikel veralten, werden überflüssig, wichtige neue fehlen.

    Also pauschal alles nur Mainstream was drin steht? Keine grundlegenden Fakten? Keine historischen Zusammenhänge? Nicht zum Querlesen und niemals Grundlage zum weiter recherchieren?

    Zit.: "Das lederne Lexikon war schon immer nur eine Beruhigungspille gegen die Angst des Bildungsbürgertums vor der rauen Wirklichkeit da draußen. Es erweckt die tröstliche Illusion, die Welt sei beherrschbar." Genau der Brockhausnutzer denkt nicht, und das Bildungsbürgertum hat noch nie was gebracht.

    Wir wissen ja, das humanistische Bildung Mist ist. Alles Austausch, alles kurz und politisch und netzlich verwertbar. Darum gehts.

    Mal abwarten was passiert, wenn das Internet richtig kostenpflichtig wird, und wer dann das Wissen für sich beansprucht. Übrigens geht die Zahl der Wikipedia Mitarbeiter zurück. Was ist heute ein Redakteursleben? Hier ein Thema da ein Thema?

    Die Kritik ist eine nach dem Motto: "Bild" reicht. Der Stuss in den anderen Zeitungen ist überflüssig. Einfach ärgerlich.

    Noch die Print Ausgabe der Zeit lesen? Viel zu lang, viel zu schwer schwarze Finger und morgen durch ersten Kommentar zum Thema schon überholt.

    Wenn unser Wirt früher uns alle pauschal beschimpft hat, haben wir ihm immer einen fröhlichen Konkurs gewünscht. Aber am nächsten Tag waren wieder da und freuten uns doch, dass er nicht pleite war, obwohl wir unser Bier auch anderswo hätten trinken können.

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