Renate von MangoldtDichter, Buchlawinen, Labyrinthe

Eine Fotografin und ihr Lebenswerk. Die Bilder von Renate von Mangoldt zeichnen eine Chronik des Literarischen Lebens der vergangenen 50 Jahre. von Insa Wilke

Unter Fotografen kursiert folgende Anekdote: Ein bekannter Porträtkünstler pflegte seine Kunden vertraglich zu verpflichten, ihm drei volle Stunden ganz und gar zur Verfügung zu stehen. Wenn sie sein Studio betraten, klebte er ein Viereck ab, stellte sie hinein, drückte ohne hinzuschauen auf den Auslöser. Er setzte sich an die Seite, um schweigend zu rauchen. Und zu rauchen. Und zu rauchen. Nach zwei Stunden bebten die meisten vor Wut. Dann fing der Fotograf mit seiner Arbeit an.

Renate von Mangoldt hat dasselbe Ziel wie er, wenn sie Schriftsteller fotografiert: eine Wahrheit ans Licht zu bringen. Aber sie geht anders vor. Ihre Methoden heißen Diskretion und ehrliches Interesse. Ein halbes Jahrhundert hat sie Autorinnen und Autoren fotografiert und ihr Lebenswerk nun in einem imposanten Bildband dokumentiert. Er ist das Geschenk einer Leserin, die nicht nur den Büchern, sondern auch denjenigen, die sie schreiben, zugeneigt ist. Und wir sind die Beschenkten. Renate von Mangoldt hat mit Autoren. Fotografien 1963-2012 nicht nur eine Chronik des Literarischen Lebens vorgelegt, sondern auch ein Buch, das von Freundschaft und Distanz, von Wünschen, enttäuschten Hoffnungen und Zurichtungen erzählt.

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Von der Entstehungsgeschichte berichtet das erste Bild. Von Mangoldt hat es im Juli 1963 beim Studententheaterfestival in Erlangen aufgenommen. Zu sehen ist ein attraktiver Mann, dessen Blick sich konzentriert und zugleich gelassen in die Ferne richtet: Walter Höllerer.

Der Schriftsteller war zu dieser Zeit bereits eine Zentralfigur des bundesrepublikanischen Literaturbetriebs. Auf ihn gehen unter anderem die Gründungen der Literaturzeitschriften Akzente und Sprache im technischen Zeitalter zurück, vor allem aber die Erfindung eines der wichtigsten Orte des Literarischen Lebens in Deutschland, das Literarische Colloquium Berlin (LCB). Renate von Mangoldt wurde die Hausfotografin des LCB, Walter Höllerer später ihr Mann.

Ihre berühmte Unschärfe

Schon diese erste Aufnahme charakterisiert von Mangoldts Blick. Er lässt die Personen vor der Kamera unversehrt. Er drängt sich nicht auf, sondern hält vorsichtig Abstand und wird wohl deswegen in einen privaten Raum eingelassen, den sonst Posen und Verkrampfungen schützen. Durch diesen Blick gelingt von Mangoldt noch etwas anderes: Wir Betrachter werden nicht zu Voyeuren. Auch wir bewahren unsere Würde.


Am Anfang ihrer Laufbahn wurde diese Diskretion eher aus der Not geboren, erzählt von Mangoldt in dem einführenden Gespräch mit Felicitas Hoppe und in ihrem Nachwort. Sie sei zu schüchtern gewesen, um den Stars der Branche auf den Leib zu rücken. Wohl aus diesem Grund versammelt das erste Kapitel – der Band ist nach Jahrzehnten geordnet – eher szenische Fotografien, die einen starken Eindruck der intellektuellen, vor allem durch Männer geprägten Atmosphäre der sechziger Jahre vermitteln. Von Mangoldt zeigt Dichter in Aktion: die berühmten Bilder der in Rauchschwaden tagenden Gruppe 47, Johnson im Gespräch, Pasolini auf der Bühne, Hubert Fichte gestikulierend, Hans Magnus Enzensberger die Zeitung studierend, und immer wieder den Kollegen zuhörend: Jürgen Becker, Helga M. Novak, F. C. Delius.

Die Unschärfe, von Mangoldts Markenzeichen, zeichnet die Bilder weich und bekennt: Was wir von den Menschen sehen können, ist immer schon vage. Mit Glück – und Mangoldt ist begabt für dieses Glück – gelingt ein Schnappschuss, der eine Tür aufstößt: Max Frisch als froh paddelnder Seehund im Wasser, Günter Grass und Martin Walser so jung und unbeschwert und ohne Großdichtergeste, dass man sie kaum erkennt. Und sich auch immer wieder wundert: Denn was haben diese Menschen schon erlebt.

In den siebziger Jahren wird von Mangoldt sichtlich selbstbewusster, vielleicht aber verändert auch die Szene sich: mehr Porträts, die Dichter rücken näher, die Situationen werden ungezwungener, und es entsteht die bekannte Serie der Stuhlfotos, aus der von Mangoldt für diesen Band Aufnahmen ausgewählt hat, bei denen die Arbeitssituation sichtbar bleibt. Die Kulissen spielen nun eine wichtigere Rolle. Ein Kunstwerk für sich ist zum Beispiel ein Bild von Italo Calvino in seinem Haus: der Dichter in seinem Labyrinth von Ein- und Ausblicken. Die Vorstellung des Literarischen Lebens als Idyll zerstören die Interieurs, in denen Katja Lange-Müller und Ulrich Peltzer sich gegenüberstehen oder auch die Buchlawinen, die in den Arbeitszimmern von Walter Höllerer und Friederike Mayröcker das Leben zu ersticken drohen.

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