Roman "Wölfe der Nacht"Jungs tun schreckliche Dinge

Benjamin Percys Roman "Wölfe der Nacht" erzählt von einer verwilderten Vater-Sohn-Beziehung in Amerika. Ein bilderreicher, gekonnter Roman. von 

© Luchterhand Literaturverlag

Das einzige, das Justin und Karen noch verbindet, ist Frustration. Justin arbeitet als Lehrer an der High School und verträumt so viel Unterrichtszeit wie möglich. Im Beruf wird er unterfordert und im Eheleben auf die Reservebank geschoben: Karen hat eine Fehlgeburt nicht verkraftet und verbringt ihre Tage damit, sich die Seele aus dem dünnen Leib zu rennen und immer neue Bücher über biologische Ernährung zu lesen. Ihr zwölfjähriger Sohn Graham droht unterdessen in die Fänge von Justins Vater Paul zu geraten.

 

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Paul ist ein Hüne mit moosigem Bart, ein Primat erster Güte, der sich von Fleisch und Bier ernährt. Wenn er ein Lebensziel hat, dann, kein Weichei zu sein. Sein Haus riecht nach Waffenöl und ist mit Bärenfellen und Geweihen vollgestopft. Justin hat immer noch Albträume davon, dass sein Vater ihn als Kind zwang, einen jungen Bären zu töten, als nur eine von Pauls vielen Abhärtungsmaßnahmen. Das Rot des Bärenbluts hat sich in Justins Gedächtnis festgesetzt; nicht von ungefähr ist Rot in diesem Buch omnipräsenter Vergleichswert. Die Rinde von Goldkiefern: getrocknetes Blut. Magma: roter Porridge. Brennende Augen: rote Milben auf Pilzen. Der Mund einer Blondine: eine blutende Wunde.

Bier für den Sohn

Benjamin Percys Metaphern sind martialisch und so testosterongetränkt, dass man sich den Autor wie einen Cowboy vorstellt, der breitbeinig mitten im Geschehen steht und mit Zigarette im Mundwinkel seine kurzen Sätze murmelt. Diese kurzen Sätze aber haben es in sich.

Paul überredet Justin und Graham zu einem Jagdausflug im Echo Canyon, außerhalb aller Zivilisation. Justin sieht hilflos zu, wie sein Vater seinem zwölfjährigen Sohn mal Bier, mal ein Gewehr in die Hand drückt. Graham lernt schnell und erlegt einen Hirsch, der sich zum Sterben vor eine Felswand voller alter Indianermalereien legt. Inspiriert nutzen die drei Jäger das frische Hirschblut, um eigene Malereien hinzu zu fügen, und Paul bekommt schließlich den Männerausflug, den er sich gewünscht hat:

"Justin nimmt sich eine Handvoll Blut und klatscht sie seinem Vater ins Gesicht, wie man es mit einer Sahnetorte machen würde. Blut tropft Paul in den Mund, und er spuckt es wieder aus. Dann greift er in den Eingeweidehaufen und bewirft Justin mit einem Lungenflügel, der ihm die Kappe vom Kopf reißt. Und eine Weile sind sie einander so nahe, wie sein Vater sie immer haben wollte, auf diese altmodische Art, wie die Männer in Western."

Leserkommentare
    • topjob
    • 29. Juni 2013 9:29 Uhr

    Wieder einer dieser Artikel, der sich in der Romantisierung des angeblich Natürlichen ergeht weil die Auseinandersetzung mit der Kultur zu anstrengend geworden ist.

    Die Ironie des Romans geht dabei leider unter. Dabei wäre sie so einfach zu sehen, denn er Benjamin Percy selbst führt die Absurdität solcher Klischees vor: statt anderen Männern das Blut selbst erlegter Tiere ins Gesicht zu klatschen, unterrichtet er kreatives Schreiben an einer Universität und ist Romanautor.

    Fiktion dient der (ganz bewusst nicht-realen) Erkundung von Wunsch und Abscheu, von Fantasie und Traum(a). Es geht in der Literatur gerade darum, dass sie nicht die Realität abbildet oder die Umsetzung des Fiktiven fordert. Würde sie dies, wäre jeder Krimileser entweder Kommissar oder Verbrecher.

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  • Schlagworte Bier | Western | USA | Oregon
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