Vor wenigen Wochen erst, im März dieses Jahres als Walter Jens 90 wurde, sagte seine Frau Inge in einem Interview: "Was lebt, will leben. Und er will ganz offensichtlich noch leben. Denn Möglichkeiten zu sterben hätte er im letzten Vierteljahr genügend gehabt. Er ist ein paar Mal sehr schwer krank gewesen, hat sich aber ohne viel Zutun immer wieder erholt." Die Lebenskraft war da noch nicht ganz, aber fast schon aufgezehrt. Nun ist der emeritierte Rhetorik-Professor und Altphilologe, Schriftsteller und Übersetzer, Aufklärer und Aufrüttler, Kritiker und Fußballfan Walter Jens verstorben, der seit fast zehn Jahren an Demenz litt und wie – ehedem Hölderlin in seinem Turm – im Souterrain seines Tübinger Hauses vor sich hindämmerte. 

Über Jahrzehnte hinweg war Walter Jens eine Figur des öffentlichen Lebens. Selbst noch wer in den achtziger Jahren aufwuchs und sich für Kultur und Gesellschaft zu interessieren begann, kam an ihm nicht vorbei. Man sah ihn an der Seite von Heinrich Böll oder Erhard Eppler in Mutlangen gegen die Nachrüstungspolitik und die Stationierung von Pershing-Raketen protestieren; er brillierte in Talkshows und bekannte sich dazu, während des Zweiten Golfkriegs amerikanische Deserteure in seinem Haus verborgen zu haben; er diskutierte mit seinem Freund Otto Rehhagel über den Zustand des deutschen Fußballs und mit Hans Küng über das Thema Sterbehilfe. Walter Jens mischte sich ein.

Der schlaksige Körper, die immer zu groß wirkenden Anzüge, die ausladenden Gesten – das war ein Nachhall der direkten Nachkriegszeit, eine intellektuelle Gestalt, die von Vergangenem sprach und zugleich zu allem Gegenwärtigen etwas zu sagen hatte. 1923 in Hamburg geboren, teilte er das Schicksal seines Jahrgangs nicht. Eine schwere Asthmaerkrankung, die ihn wie Thomas Manns Hans Castorp zum Sanatoriumsdauergast machte (auch wenn sein Vorbild aus dem Zauberberg der Zivilisationsliterat Settembrini war), bewahrte ihn zugleich davor, an einer der Fronten der nationalsozialistischen Kriegswut aufgerieben zu werden. Er war froh, sagte er später, nie in die Verlegenheit gekommen zu sein, eine Waffe in die Hand nehmen und im Gleichschritt marschieren zu müssen. 

Er studierte, um dieses Privileg wissend, umso strebsamer seine beiden Fächer Germanistik und Klassische Philologie, zunächst in Hamburg, dann in Freiburg, unter anderem hörte er dort Martin Heidegger. Bereits 1944 wurde er mit einer Arbeit über die sophokleische Tragödie promoviert, im Alter von 26 legte er seine Habilitationsschrift über Tacitus und die Freiheit vor.

Walter Jens' intellektuelle Biografie ist beeindruckend und freilich auch vor ihrem Zeithintergrund zu betrachten: Die Nazizeit riss alles mit sich in den Abgrund; eine andere Perspektive als die der Schlachtfelder Europas schien es für diese Alterskohorte nicht zu geben. Als dann unerwartet doch eine Zukunft anbrach, wollte man im Zeitraffer nachholen, was einem vorenthalten worden war und etwas gutmachen, nicht nur Teil einer neuen Gesellschaft sein, sondern sie mitprägen.

Walter Jens fand schnell Anschluss an die intellektuellen Kreise der Zeit. 1950 veröffentlichte er seinen ersten Roman Nein. Die Welt der Angeklagten, der sehr wohlwollend aufgenommen und auch in anderen Ländern rezipiert wurde. Im selben Jahr stieß er zur Gruppe 47, die sich nach und nach zu dem zentralen Ort des literarischen Lebens entwickelte. In der Gruppe 47 bildeten sich neue Diskurse heraus. Es war der Ort, an dem demokratische Formen ausprobiert werden konnten, wie Helmut Böttiger kürzlich in seiner Studie über die Gruppe herausgearbeitet hat. Was als Autorenwerkstatt begann, wurde aber zunehmend zur Bühne für Kritiker. 

Hans Mayer, Walter Höllerer, Joachim Kaiser, Marcel Reich-Ranicki und eben auch Walter Jens waren die Stars, die hier ihren Marktwert steigern, rhetorisch glänzen, Karrieren stiften oder blockieren konnten. In seinem Brief an einen ganz jungen Autor aus dem Jahr 1962 liefert Martin Walser eine wunderbar persiflierende Innensicht der Diskussionen bei der Gruppe 47. Er beschreibt die einzelnen Charaktere, überspitzt und treffend zugleich: