Der Philologe und Schriftsteller Walter Jens ist tot. Er sei am Sonntagabend im Alter von 90 Jahren in Tübingen gestorben, sagte sein Sohn Tilman Jens. Der Rhetorikprofessor und ehemalige Präsident der Berliner Akademie der Künste litt seit vielen Jahren an schwerer Demenz.

Jens war als kämpferischer Wächter der Demokratie hervorgetreten und hatte wie kaum ein anderer die Streitkultur in der Bundesrepublik geprägt. Manche nannten ihn auch in Anlehnung an den streitbaren Geist im Frankreich des 18. Jahrhunderts einen "Voltaire der Bundesrepublik". Viele sahen in Jens eine "moralische Instanz" und einen engagierten Demokraten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel ließ ihre Trauer um den Tod Jens' ausdrücken. Er sei einer der "bedeutenden Intellektuellen in unserem Land" gewesen und habe das Wort Streitkultur jahrelang verkörpert, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. "Seine Stimme war über Jahrzehnte richtungsweisend in den großen Geistesdebatten, auch den großen politischen Debatten unseres Landes."

Seine Frau Inge Jens hatte in den vergangenen Jahren sehr offen über seine Krankheit gesprochen, um die Gesellschaft für die Probleme der Demenz zu sensibilisieren. Jens war seit Längerem demenzkrank, konnte schon seit Jahren nicht mehr reden und nicht mehr schreiben.

Mitglied der Gruppe 47

Intellektuelle müssten sich einmischen und warnen, lautete sein Credo. Er demonstrierte gegen die Nachrüstung in der Bundesrepublik ebenso wie gegen den Irak-Krieg, meldete sich auch zur Rechtschreibreform und zur deutschen Einheit zu Wort. 

Seit 1947 schrieb Jens Romane, Essays, Dramen und Hörspiele. Er gehörte der Schriftsteller-Gruppe 47 an. Jens erzählte die Odyssee nach, übersetzte den Römerbrief des Neuen Testaments, widmete sich dem Fall Judas und schrieb zuletzt zusammen mit seiner Frau Inge, die auch die Tagebücher von Thomas Mann edierte, die Bücher Frau Thomas Mann und Katias Mutter, die Bestseller wurden. Zu seinen bedeutendsten Werken zählen Juden und Christen in Deutschland und Feldzüge eines Republikaners

Der leidenschaftliche Fußballfan war zeitweise auch als Fernsehkritiker Momos in der ZEIT tätig. Ein Schatten fiel auf seine Vita, als 2003 seine NSDAP-Mitgliedschaft bekannt wurde, an die er sich nach eigener Aussage nicht mehr erinnern konnte.

Von 1963 bis 1988 hatte Jens den bundesweit ersten Lehrstuhl für Allgemeine Rhetorik an der Eberhard-Karls-Universität-Tübingen inne. Von 1976 bis 1982 war er Präsident des PEN-Zentrums der Bundesrepublik und von 1989 bis 1997 Präsident der Berliner Akademie der Künste, deren Ehrenpräsident er wurde.