Der Schriftsteller Benjamin Maack © Benne Ochs

ZEIT ONLINE: Herr Maack, Sie lesen am Samstag im Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis. Wie war Ihre Zeit in Klagenfurt bis jetzt?

Benjamin Maack: Die Eröffnungsrede von Michael Köhlmeier hat mich sehr inspiriert. Weil sie uns daran erinnert hat, radikal zu sein und an Grenzen zu gehen. Das darf ich als Autor nie vergessen. Ich weiß, das klingt ganz schön pathetisch, ein bisschen wie ein bockiger Teenager, aber es ist richtig. In Wahrheit ist es ja ohnehin völlig dysfunktional, dreieinhalb Jahre an einem Buch zu schreiben, das am Ende vielleicht 2.000 Leute lesen. Man muss den Leuten erzählen, was jenseits dieses Funktionierens ist. Das Menschsein.

ZEIT ONLINE: In Ihrem letzten Erzählband Monster geht es doch auch um das Ende des Funktionierens.

Maack: Es geht viel um einen Status Quo, der mehr oder weniger strapaziert wird. Die Figuren verlieren den Kampf ums Funktionieren ja nicht wirklich. Ich schreib diese Geschichten natürlich auch, um solche Situationen auszuprobieren und vielleicht selbst was zu lernen. Durch das Schreiben von Geschichten verstehe ich besser, wie Dinge funktionieren. Besser als durch einen erklärenden Satz oder ein philosophisches Traktat.

ZEIT ONLINE: Traktate wären doch eine Möglichkeit.

Maack: Kann sein. Ich kann die Welt aber nicht einfach so wegordnen. Je mehr ich versuche, über sie nachzudenken, desto mehr zerfällt und zerrinnt sie. In Geschichten kann ich Motive nehmen, sie so lange miteinander arbeiten lassen, bis sie so etwas wie eine Weisheit produzieren.

ZEIT ONLINE: Viele Ihrer Geschichten lesen sich wie subtile Horrorgeschichten. 

Maack: Aber vieles ist ja auch wirklich gruselig. Ich habe zum Beispiel große Probleme mit Kellern.

ZEIT ONLINE: Sie haben Angst, in den Keller zu gehen?

Maack: Ja, ich kann nicht ein mal sagen, was ich glaube, das dort auf mich wartet. Keller, dunkle Parks, Räume bei Nacht, in denen sich das Zimmer in der Scheibe spiegelt, statt mir zu zeigen, was draußen vor sich geht. Meine Fantasie dreht an solchen Orten einfach komplett durch.

ZEIT ONLINE: In aufgeräumten Kellern? Wo Skier und Fahrräder rumstehen?

Maack: Dunkle Stellen. Vielleicht verbirgt sich darin die Vorstellung, dass plötzlich das Leben kommt und ein mal mit der flachen Hand alles, was man für selbstverständlich gehalten hat, vom Tisch räumt. Aber ich will gar nicht zu viel darüber nachdenken und das Ungeheuerliche bannen, in dem ich es benenne. Ich finde es interessanter, wenn diese Dinge wachsen und unterschiedliche Formen annehmen.

ZEIT ONLINE: Ist es die Angst vor dem Bösen in der Welt?

Maack: Vor dem Zufall. Nicht vor dem Bösen. Ich nehme den Zufall sehr persönlich.

ZEIT ONLINE: Statistisch gesehen aber wäre ein deutscher Keller einer der sichersten Orte.

Maack: Letztlich ist es wohl mein Glaube an Poesie, der mich so wütend auf den Zufall macht. Man möchte doch, dass das Leben eine schöne Geschichte ergibt, die man gern erzählt. Dass der Zufall jederzeit all unsere Bemühungen kaputt machen kann, ist doch schrecklich. Vielleicht sind meine Geschichten ja eine persönliche Rückversicherung. Dass im Chaos und im Schlimmen auch eine Schönheit liegen kann, aus der man etwas lernen kann.

ZEIT ONLINE: Das Chaos hat unterschiedliche Formen bei Ihnen. Mal kommt es als Krankheit, mal ist es aber auch nur ein Hund oder eine tote Katze.

Maack: Weil es manchmal schon Kleinigkeiten sind, die Schreckliches anrichten können. Je nach Verfassung des Menschen. Man denkt immer, man sei so kompakt. Aber die Membran zwischen Ordnung und Chaos ist dünn.

ZEIT ONLINE: Wollen Sie dem Leser manchmal Angst machen? Ihm sagen: "Sieh', wie klein Du bist"?

Maack: Nein. Vielleicht kann Literatur auch einen Menschen daran gewöhnen. Sie muss ja nicht brachial sagen: Obacht, so zerbrechlich und winzig ist der Mensch. Sie könnte auch sagen: Ist halt so, und das ist gar nicht so schlimm, weil darin auch die Schönheit des Menschseins steckt. Wenn alle Menschen Götter wären, wo wäre denn da die Poesie? Selbst Superhelden funktionieren ja immer über ihre zerbrechlichen Momente.