Im Mai 2007 starb Jerry Falwell, der vielleicht einflussreichste Anführer der amerikanischen Evangelikalen, an Herzversagen. Falwell war, gelinde gesagt, eine polarisierende Gestalt. Trotzdem hielten sich die Medien im Moment seines Todes brav an die Devise, man dürfe über Tote nichts Schlechtes sagen. Dann war Christopher Hitchens zu Gast bei Fox News und die falsche Pietät hatte ein Ende.

"Der sogenannte Jesus von Nazareth sagte seinen Jüngern, dass man sich ob ihres Glaubens über sie lustig machen würde." So begann Hitchens seine Attacke. "Das gilt für die andachtsvollsten und ernsthaftesten Christen. Aber im Falle eines vulgären Betrügers und Ganoven wie Herrn Falwell ist es geradezu eine Pflicht, zu sagen, was man wirklich von ihm hält." Es war für Hitchens ein eher typischer Fernsehauftritt.

Zwei Jahrzehnte lang war Hitchens, ein gebürtiger Brite, der gefürchtetste Polemiker Amerikas. Mit Stilsicherheit, Humor, und vor allem unvergleichlichem Mut bewaffnet, suchte er sich stets unbequeme Ziele für seine Wut. Er verurteilte Henry Kissinger als Kriegstreiber, Mutter Teresa als Heuchlerin, und Intellektuelle, die den islamistischen Terror verharmlosen, als blinde Ideologen. Selbst vor Gott schreckte Hitchens, dessen Der Herr ist kein Hirte im tiefreligiösen Amerika zu einem großen Bestseller wurde, nicht zurück. Und auch in den wenigen Fällen, in denen er sich verirrte – wie zu Zeiten von George W. Bush, als er lautstark den Irakkrieg befürwortete – blieb er ehrlicher und anständiger als die anderen Irrenden.

Der Tod als Schauprozess

Noch zu Lebzeiten wurde "The Hitch" so zu einem Mythos, einer allzu reellen Märchengestalt, die immer streitbar, aber nie bezwingbar erschien. Dann wachte Hitchens eines Junimorgens auf und fühlte sich "wie der Tod." Er hatte den Eindruck, jemand habe seine Brust "mit langsam hart werdendem Zement ausgegossen."

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Innerhalb weniger Tage stand die Diagnose fest. Speiseröhrenkrebs. Fortgeschrittenes Stadium. Hitchens’ Überlebenschancen waren denkbar schlecht. "Wenn das Leben in irgendeiner Weise ein Wettlauf ist," schrieb er zu jener Zeit, "war ich nun sehr abrupt unter den Finalisten angekommen."

Zum ersten Mal in seinem Leben wurde Hitchens bemitleidet. Manche seiner Feinde frohlockten öffentlich: Gott, so wähnten sie sich sicher, strafe ihn für seinen Irrglauben. Andere waren perfider: Sie beteten für Hitchens. Gesund möge er werden, aber vor allem gläubig! Und so wurde Hitchens’ Krankheitsverlauf, über den er regelmäßig in der Vanity Fair Bericht erstattete, auch zu einer Art Schauprozess. Würde Amerikas härtester Polemiker in seinen letzten Tagen doch noch weich werden?

Endlich. Mein Sterben, eine Sammlung seiner Essays aus jenen Monaten, gibt die Antwort. Es ist ein dünnes Buch geworden, viel Zeit blieb Hitchens nach seiner Diagnose nicht mehr. Das letzte Kapitel konnte er vor seinem Tode nicht mehr vollenden – es besteht aus ein paar fragmentarischen Aufzeichnungen. Aber was dem Buch an Länge fehlt, das macht es an Einsichten wett. Jedes Wort ist so unsentimental und gar kurzsinnig geworden, wie seine Fans es von ihm gewohnt sind.