Warum sollte es Friedrich Kittler anders ergangen sein als all den Gelehrten vor ihm? Natürlich bekam auch er seine Rolle in der Komödie des verrückten Professors. Sein schlohweißer Schopf und der üppige Schnauzer waren die stets bemühten Belege für die angebliche Weltabgewandtheit der Denkenden. Dabei ist mit Blick auf Friedrich Kittler nichts falscher als dieser Allgemeinplatz der Gelehrtensatire. Kittler war kein Thales, der, wie wir wissen, während astronomischer Beobachtungen in einen Brunnen fiel und Spott dafür erntete, dass er bloß Augen für die Dinge am Himmel habe, nicht aber für das, was vor seinen Füßen liege. Kittler richtete seine Aufmerksamkeit genau darauf, was dem Denken im Wege steht. Genauer: was das Denken überhaupt erst präsent macht.

Einmal mehr zeigen das zwei Bücher, die nun erschienen sind: Die Wahrheit der technischen Welt ist ein Sammelband betitelt, der verstreute Aufsätze des 2011 verstorbenen Medienwissenschaftlers zusammenbringt; Flaschenpost an die Zukunft das andere, das ein kurz vor seinem Tod aufgezeichnetes Gespräch zwischen Kittler und dem Autor und Künstler Till Nikolaus von Heiseler enthält. Letzteres entwirft ein Szenario, in dem sämtliche Schriften Kittlers verloren sind. Diese gilt es nun in einem Dialog in vier Akten zu vergegenwärtigen. Und es ist zu wünschen, dass Flaschenpost an die Zukunft den Weg auf eine Bühne findet, lieber noch ins Proseminar Medienwissenschaft, da es Kittler denkend zeigt und nicht zeigt, wie Kittler denkt. 

Während der Seminare seines Philosophie- und Literaturstudium in Freiburg Ende der sechziger Jahre störte ihn, dass das Denken recht "ätherisch" daherkam. Und die fabrizierten Texte "schwebten am Himmel und nahmen überhaupt keine Rücksicht auf Kontext und historische Präzision". Aber die Gedanken, meinte der Student, brauchen Wörter, Wörter brauchen Buchstaben, Buchstaben brauchen Medien, in denen sie erscheinen. Dergestalt entwickelte Kittler eine materialistische Medientheorie, die auf Kulturtechniken setzt. Medien, so Kittlers These, schreiben mit an unserem Denken.   

Technik im Fokus

Die Geschichte der abendländischen Philosophie etwa beginnt also nicht mit philosophierenden Seelen, sie beginnt mit der Indienstnahme von Wachstafeln, wie sie in der Antike zum Notieren in Gebrauch waren. Wohl kaum ein Zufall, dass genau die Wachstafeln schließlich als Metapher für die Seele herhalten sollten. Es waren die ganz konkreten Begegnungen mit modernen elektronischen Medien wie Grammophon, Film, Typewriter, wie ein Buch von 1986 heißt und mit denen er seine "ganze Freizeit verbracht" habe, die ihn die Technik in den Fokus rücken ließ.

Diese Besessenheit brachte ihm den Vorwurf des Technikdeterminismus ein. Seine Kritiker sahen sich in dem sprichwörtlich gewordenen Titel des von ihm verantworteten Sammelbandes Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften (1980) bestätigt. Kittler selbst sah sich darin stets missverstanden. Weniger die Fokussierung auf die technische Basis der Kultur sei es, mehr der Import des französischen Poststrukturalismus in die Bundesrepublik hatte er damit einleiten wollen. Jacques Lacans psychoanalytische Entthronung des Subjekts etwa und Michel Foucaults Diskursanalyse, nach der jeder Rede eine historische und politische Bedingung vorausgeht. Doch wurde die Wissensarchäologie bei Kittler zur Medienarchäologie, die eben die materiellen Grundlagen freilegte. Die Austreibung des einen Geistes war lediglich gegen den Monotheismus einer subjektzentrierten Religion gerichtet und kein Plädoyer für Atheismus.