Über das öde Land, querfeldein, marschiert in der Dunkelheit einer – betrunken muss er sein, verloren oder verwirrt, sonst ginge er nicht unbeirrt und zu Fuß allein, schlief' er bereits oder suchte zumindest Schutz abseits der Nacht.

Die Tiere sind wach.

Und es ist die Nacht, die vor dem Wanderer Schutz will und dort hält still, wohin jener schreitet, wissend, auf so einen bist du nie vorbereitet mit seinem Gepäck voll Allerlei: Tricks, Wunder, Zauberei.

Die Tiere ahnen noch nichts. Die Hunde bellen, der Fuchs fürchtet nicht die Salmonellen. Das Wildschwein übt an unsren Bio-Tomaten Rache für den Wildschweinbraten. Der Hamster tritt zur ewigen ersten Runde an, und wir nehmen uns schon wieder vor, das Rad morgen zu ölen.

Der Wanderer steigt hinunter zur Havel und die Havel sagt:

"Ist ja geil, du hier! Alter, Mann! Wie geil ist das denn!"

Wir verschwinden, die Tiere kehren zurück. Der Wolf kehrt zurück. Der Wolf hockt auf dem Truppenübungsplatz und sieht auf das Dorf. Der Wolf lauert. Im Rücken deutscher Mischwald. Darin ahnen wir sein Rudel. Wir denken uns das Rudel. Wir sagen "lauern", um uns fürchten zu dürfen.

Die Tankstelle hat dichtgemacht. Wir haben keine Tankstelle mehr. Zum Tanken musst du nach Beelitz. Das hat auch sein Gutes. Wir fahren weniger im Kreis durch das Dorf. Lada, den man Lada nennt, weil er noch nie einen Lada gefahren ist, hat zum dritten Mal binnen drei Jahren in der Havel geparkt. Diesmal ist es, dachten wir, vorbei mit dem Lada.

Der Wolf hat zugeguckt. Die Havel hat geblubbert. Focke, Zinke und Der Stumme Suzi haben es unter der Brücke erst lustig, dann nicht mehr lustig gefunden. Eine Minute ist vergangen. Der Stumme Suzi hat sein Stirnband ausgezogen und ist in die Havel gesprungen und war der schlechteste Schwimmer von den Dreien. Hat Lada am besten leiden können. Umsonst. Lada ist von alleine aufgetaucht. Die Kippe zwischen den Lippen. Musste Den Stummen Suzi ein bisschen mitretten.

Flerch an der Havel. Einwohnerzahl: ungerade. Ein bisschen was zu unseren Jahreszeiten: Unsere Jahreszeiten sind Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Der Herbst ist zweigeteilt in frühen Herbst und späten Herbst. Der Frühling geht ordnungsgemäß ab, ist also nichts für Allergiker. Der Winter leise wie Museum ohne Museumsführung. Der Sommer hat die Nase klar vorn. Der Sommer fällt kaum schlechter aus als am Mittelmeer. Statt des Mittelmeers haben wir die Havel. Hunderttausend Mückeneier pro Quadratmeter Sumpf.

Die Tiere kehren zurück.

Lada, Alter, erzähl! Und Lada hat erzählt. Wie er vor der Brücke schön aufs Pedal gestiegen ist, damit wie eh und je über die Brücke geflogen werden kann. Wie vor der Brücke aus dem Wald ein Asozialer auf die Straße gelaufen ist. Mit Bart, mit Ratte auf der Schulter, mit Käfig oder so was in der Hand. Das ganze Programm. Ist es ein Reh, gibst du Gummi. War aber kein Reh, sondern Asozialer. Gummi geben wäre nur mittelgut gekommen.

"Und sowieso: Es läuft grad Hand of Doom von Manowar, und die Havel kennt mich und mag mich, und so war's dann auch: Mutter Havel nimmt ihren Sohn zärtlich in den Arm."

So einer war Lada. So hat er erzählt. Hat neulich an einem Poesie-Wettkampf zum Thema "Birken" mit Erfolg teilgenommen. Er ist auf einer "Short-List". Da ist er drauf. Vielleicht gewinnt er das Ding. Und dann?

Und es hat so lange gedauert, bis er aus dem Wagen raus war, weil er das Lied zu Ende hören wollte.

Auch der Wolf hat erzählt. Seinem Rudel vom Lada. In seiner Geschichte hat Lada mehr Muskel, als Lada Muskel hat, obwohl Lada auch so ganz gut Muskel hat. Lada ist vom Stahl umgeben schneller als jeder Wolf. Er ist ein Held. Er ist barmherzig, verschont einen anderen Menschen und bringt sich selbst in Lebensgefahr. Der schnelle Stahl wird im Gewässer zu einer Falle. Aber Lada befreit sich.

Ladas Rudel zählt weitere Drei. Es ist klug, schön, kräftig. Einer ist hervorragender Schwimmer.

Der Wolf übertreibt, weil das Rudel das Fürchten vergessen hat. Es kennt nicht die Wahrheiten über die Mordlust der Menschen, nicht die Legenden über die Mordlust der Wölfe. Menschen unterscheiden das eine vom anderen nicht. Legenden über Wölfe sind Legenden über Angst. Und was ihm Angst macht, das glaubt der Mensch. Legende oder nicht. Das glaubt er, und das will er weg machen.

Ist heute aber nicht mehr so leicht. Heute gibt es den Tierschutz. Der Tierschutz schafft Legenden ab. Menschen dürfen die alten Ängste nicht mehr pflegen. Mordlust geht jetzt nur, wenn vorgesehen. Der Tierschutz hilft den Wölfen. Es sei denn, er sitzt in seinem Stahl, dann überfährt er den Wolf auch schon mal, siehe Bundesförster Fritz mit Jeep im Lehniner Forst.

Auch lässt das Rudel Wild links liegen. Es hat sich Zugang zu einer riesigen menschlichen Schweinefalle verschafft mit hunderten todessehnsüchtigen, depressiven, gut genährten Schweinen. Ja, sind wir denn Geier, oder was?!

Der vorliegende Text ist erschienen in: "Acht Betrachtungen" (mit Beiträgen von Helene Hegemann, Thomas Pletzinger, Leif Randt, Judith Schalansky u.a.). Henrich Editionen, Frankfurt am Main 2013; 172 S., 19,80 € © Literaturhaus Frankfurt

Die Wölfe sind ein Problem. Das Reißen der Schweine im "SAB Flerch I" ist ein Problem. Das Reißen der Lämmer. Die Tierhalter essen Hartwurst, beraten.

Der Tierschutz empfiehlt den Tierhaltern, Elektrozäune hochzuziehen und mehr Hunde anzuschaffen, gibt auch Fördermittel vom Land.

Die Tierhalter empfehlen dem Tierschutz ein Hineinstecken der Elektrozäune, und wenn es passt, und es passt sicher, auch der Hunde, in den Tierschutz-Hintern.

Das Geschrei der Schweine ist ein Problem. Wenn sie geschlachtet werden in der Sommerhitze, die alle Geräusche lauter macht. Weil, nachdem die Schreie verstummt sind, hörst du noch die letzten kleinen Herzschläge kilometerweit den Fluss hinauf und hinab. Der Havelschifffahrt ist das unangenehm. Die Touristen essen trockenen Marmorkuchen. Der Kaffee schmeckt angebrannt. Da will man nicht auch noch dem Sterben der Schweine zuhören. Es gibt auf der Welt nichts Trockeneres als trockenen Marmorkuchen.

Die sterbenden Schweine sind ein unlösbares Problem, die sterbenden Schweine sind Industrie.

"Die Ratten, wenn Sie gestatten, sind ein lösbares Problem", sagt der Fallensteller, aber die Pilstrinker in Ullis Garage glauben ihm nicht. Wir trinken in der Garage, weil nirgends sonst Stühle und Tische und Lügen und eine Dartscheibe so zusammenkommen, dass es für die Männer miteinander und mit Alkohol schön ist. Nirgends, wo nicht Zuhause ist, gibt es überdacht und in Laufdistanz Pils und Sky Bundesliga. Die letzte Kneipe hat '96 pleite gemacht. Und ohne die Tankstelle gibt es nicht mal mehr ein Kühles auf die Pfote.

Ulli hat Stühle und Tische aufgestellt und einen Vorhang aus rot-gelbem Tüll vor das einzige Fenster gehängt und einen Kalender schönster Töchter von polnischen Werkstattbesitzern an die Wand genagelt, und das rechnen ihm alle hoch an, Hut ab, Ulli. Aber eins möchten wir an dieser Stelle sagen, dass ihr euch alle so wegen Geburtenrückgang und Schulensterben bei uns wundert. Ja, Herrgott! Wenn doch die Kneipen sterben! Weniger Kneipen – weniger Kinder, so einfach ist das.

Ullis Garage riecht lieblich nach Motoröl.

Niemand glaubt dem Fallensteller, weil niemand den Fallensteller kennt. Der Fallensteller – Knollennase, Zopf hinten, vorne Glatze – ist keiner von uns. Er hat sich ins Garagentor gestellt, der hohe Kragen wie ein Jahrhundert, in dem es auch Ritter gegeben hat. Hinter ihm Sonnenuntergang oder -aufgang, so genau hat das die Garage gar nicht mehr richtig einschätzen können.

"Wochen vergehen ohne Applaus"

"Ich bin der Fallensteller, ich stelle Fallen her, Käfige, Eisenteller, es geht noch spezieller, denn das Überlistete seh’ ich in allen Dingen, und habt ihr ein Problem mit Schmetterlingen, so mag's mir gelingen, die schöne Plage am selben Tage noch in Ketten zu legen und euch die Kunst gar darzulegen", hat der Fallensteller, von der Garagenskepsis unbeirrt, seinen Werbespruch aufgesagt.

"Wat?", hat die Garage geantwortet.

Wir meinen, aus dem "Wat?" Hoffnung gehört zu haben. Der Fremde im Garagentor wollte kein Wettbüro aufmachen und keinen Goldankauf. Aus seinem, 1001 Recherchereise alten Köfferchen hat er eine Kirche geholt, so lang wie sein Unterarm, Spielzeugkirche, rot wie Backstein unserer Kirchen. Er hat die Kirche in die Runde gehalten wie ein Zauberer den Zylinderhut vor dem Trick.

"Dies wird langen", hat er mit der Stimme eines Zirkusses gerufen, "die Ratte zu fangen!"

Da hat Ulli – nicht ohne Aggro – die Arme vor der Brust verschränkt: "'Ne Ratte? Gibt’s hier nicht. Und wenn: Wie soll’n das damit überhaupt gehen?"

"Kannst du’s dir vorstellen, so kannst du’s auch verstehen", hat der Fallensteller gesagt und die Kirche auf dem Boden abgestellt.

Jene, welche noch stehen konnten, sind aufgestanden.

Jene, die ihre blutunterlaufenen Augen aufreißen konnten, haben sie aufgerissen. Alle wollten die Zirkusnummer besser sehen, denn um nichts anderes als Zirkus kann sich gehandelt haben, dass von hinter den Reifen entlang der Wand eine Ratte gekommen ist, schnurstracks den Raum durchquert hat, in die Kirche getreten und nicht mehr ausgetreten ist.

Der alte Binnecke hat später geschworen, Glockengeläut in der Ferne gehört zu haben.

Wir sehen den Alten beim Kapitulieren vorm Fensterputzen zu. Gelegentlich kommt jemand von außerhalb vorbei und leistet ihnen beruflich Gesellschaft: 60 Minuten.

Wochen vergehen ohne Applaus.

Dem Fallensteller wurde applaudiert. Die Männer waren froh. Weil du froh bist, wenn du Zeuge von Freiheitsraub wirst. Ulli hat dem Fallensteller ein Pils ausgeben wollen, aber da war der mit seiner Kirche schon wieder verschwunden.

Dass später keiner mit Sicherheit sagen konnte, was mit der Ratte geschehen war, versteht sich von allein. Was im Kirchenschiff geschieht, bleibt im Kirchenschiff.

Der alte Binnecke hat sich eine Hostie vorgestellt. Und wie die Ratte der Versuchung nicht widerstehen konnte. Und dann dem Gift nicht. Giertod. Besser, hat er gedacht, als Biertod.

Ulli hat seiner Eva von einem ausgeklügelten Mechanismus erzählt, den die Ratte kirchenintern mit ihrem Gewicht ausgelöst haben musste. Sich selbst Täter, Opfer, Falle, Urteil und Henker in einem. Evangelischer geht's nicht.

"Ausgeklügelt" hat Ulli gesagt, "ausgeklügelt." Weil das so ein schönes Wort ist, auf das er seit dem Untergang der DDR kaum je zurückgreifen konnte.

Einige fanden es verdächtig, dass der Rattenfänger keinen Lohn für den Fang verlangt hatte.

Andere wollten keine Ratte gesehen haben und keinen Rattenfänger.

Unter ihnen ist der Lada gesessen. Der Lada hat nichts gesagt und er hat nicht applaudiert. Der Lada hat den Fallensteller ja schon gekannt. Und die Ratte hat er auch gekannt. Vor der Brücke hat die noch auf der Schulter von eben jenem gelungert. Damit, hat Lada gedacht, lässt sich doch vielleicht was machen.

Und dann hat er noch ein bisschen an Einstein gedacht, was er oft tat, wenn ihm wohl zu Mute war. Lada war aus Caputh und in Caputh hatte Einstein sein Sommerhaus. Mit eigenem Landungssteg und eigenem Segelboot und eigenen Birken. Wie Lada war auch Einstein in der Havel baden. Lada kann dir genau die Stellen zeigen, wo, und es ist doch gut, so was zu wissen. Heute hat sich Lada vorgestellt, wie Einstein auf den Havelseen segelt. Er hat ihn klar gesehen: An Deck, ganz in Weiß und ohne Mütze, weil wenn es überhaupt etwas gegeben hat, was bei Einstein nicht funktioniert hat, dann sind das Mützen gewesen.

Und durch die nächtlichen Straßen von Flerch ist das Rudel gestreift. Trotz Warnung des Wolfs. Trotz Gewissheit, dass ihm das alles niemals gehören kann. Das Rudel hat das Hauschwein von Fockes Mutti reißen wollen, das im Vorgarten anmaßend nach Seife roch. Das Schwein hieß "Timberlake II" und war um den Hals beglöckchent. Als nicht mal mehr Zaun zwischen Fangzahn und Mahlzeit stand, hat das Rudel den Fallensteller gewittert und eine Gefahr, unehrlicher als alle Geschichten und alle Legenden. Da hat es nur eines beschämten Grunzens von Timberlake II bedurft, damit das Rudel die Flucht ergreift, heimwärts in die optimale Dunkelheit des Lehniner Forsts.

Der Fallensteller hat auf dem Gehöft von Angela Zieschke von der Sparkasse in Werder das Zimmer nach hinten raus gemietet, und Frau Zieschke hat den Fallensteller sofort ins Herz geschlossen, obwohl es nach zehn war, als er bei ihr geklingelt hat, weil so ist das, wenn einer "Verzeihung" sagt, statt "Entschuldigung."

Am Morgen hat Angela Zieschke vom Bäcker Becker erfahren, was für ein Kunststück ihr Untermieter in Ullis Garage aufgeführt hatte. Zum Mittag wusste es das ganze Dorf. Das Feuilleton hat darüber geschrieben, aber die FAZ hatte in Flerch niemand abonniert.

Angela Zieschke hat in der Sparkasse angerufen und Dagmar Düve gebeten, am Schalter für sie einzuspringen, sie verspäte sich heute. Weil, Angela Zieschke sind die Mäuse eingefallen. Seit Lada Hartz IV kriegt, um mehr Zeit für Poesie und Autos zu haben, und Günter sich nicht damit abfinden kann, ein Bein weniger zu haben als andere Männer, und statt Kette zu rauchen, den ganzen Tag Elektrokippen pafft und Karl May liest in der Gartenschaukel, sind die beiden so gut wie unbrauchbar und Angela Zischke so gut wie allein mit dem Gehöft.

Sie hat den Untermieter in der Schaukel vorgefunden, die sonst immer so quietschte, jetzt aber nicht quietschte mit dem Untermieter im Schwung. Sie wollte wissen, ob die Gerüchte wahr sind, ob es sich bei ihm um einen Rattenfänger handelt, ob er es auch mit anderen Tieren drauf hat, konkret Mäusen, das sind ja quasi Ratten in mini, und schließlich, ob er erschwinglich ist.

Der Fallensteller verneinte alles. Er sei kein Rattenfänger, überhaupt habe er mit Tieren nichts am Hut, sondern mit Baustoffen, und teuer sei er schon, bloß sei es nicht Geld, das er als Bezahlung verlange.

Angela Zieschke hörte nicht zu, oder es war ihr egal. Angela Zieschke hatte ein Mäuseproblem. Die ganze Gegend hatte ein Mäuseproblem. In den verlassenen Höfen haben sie sich ausgebreitet. Ernähren sich von zurückgelassenen Ideen. Fressen den Schatten der Treuhand aus der Hand. Seit kurzem bedrohen sie auch die nicht Verlassenen. Vermehren sich unter unserem Schlaf. Graben. Tick-tick-tick-tick-tick über die alten Dielen. Verschrecken Investoren. Vermiesen den Zugezogenen den Blick auf die Havel. Endlich waren die Löcher gestopft und der Asbest beseitigt, jetzt wollte man dazu übergehen, Apfelsaft für den Eigenbedarf herzustellen, und dann so was: Nager.

Angela Zieschke hat dem Fallensteller von der zarten Elisa aus Ulm erzählt. Elisas Vater, ein Traktorreifenmogul, hat das barocke Landschlösschen in Planebruch saniert, mit Hausteich. Jeden Morgen geht Elisa im Hausteich schwimmen, behutsam, um die Rohrdommel nicht zu traumatisieren. Und die Mäuse klauen Elisas Tiara, als sie sich im Schatten des Kirschbaums ausruht. Von Elisas schönem Kopf, von Elisas schönem Kopf.

 Angela Zieschke kam in Fahrt, war drauf und dran, die Bibel richtig zu zitieren. Der Fallensteller hat das, Gott sei Dank, unterbunden. Aus einer barock geschmückten Holzkiste hat er einen Käfig geholt und ihn unter die – seit er aufgestanden war – sachte quietschende Schaukel gestellt. Die Gitterkuppel fußte auf Holz, oben und seitlich gab es Öffnungen, die sich nach innen verjüngten und Angela Zieschke ungefragt vermuten ließen, dass die Maus – so sie sich einmal hineingezwängt hätte, um zum Käse zu gelangen, nach dem der Fallensteller sie jetzt fragte – aufgrund der Verjüngung und der spitzen Drähte nur schwerlich heraus gelangen könnte.

"Hat der Fallensteller ein Herz, ist es weich"

Angela Zieschke bringt dem Fallensteller den Käse. Es ist Manchego aus dem Alnatura in Werder. 29,50 das Kilo.

Der Fallensteller und Angela Zieschke sitzen im Sparkassen-Pausenraum und erzählen einander Jugendgeheimnisse und essen Manchego auf Eiweiß-Abendbrot von Edeka, und der Fallensteller erzählt kein einziges Geheimnis, er sagt: "Ist man ein Geheimnisbeichter, überlistet dich das Leben leichter."

Angela Zieschke versteht nicht ganz, und das gefällt ihr. Angela Zieschke verzichtet seit Monaten auf Kohlenhydrate, außer auf Nougat-Creme-Schnitten. Es geht ihr nicht gut. Sie hat Schwindelanfälle, sie verliebt sich zu schnell.

Sie muss sich schnäuzen. Ihre goldenen Haarsträhnchen vibrieren.

"Shhh", shhht der Fallensteller. Angela Zieschke wünscht sich, dass er damit ihre Tränen meint. Er meint aber die Fliege, die sich auf Angelas Schulter das Näschen putzt. Es ist unschön, wenn eine Fliege jemanden, der weint, imitiert.

Angela Zieschke fragt den Fallensteller, ob er sich ein Leben mit ihr vorstellen kann. Er kann es sich nicht vorstellen. Er legt eine Streichholzschachtel vorsichtig neben die Fliege auf Angelas Schulter. Die Schachtel steht gerade so weit offen, dass die Fliege hinein passt.

Angela Zieschke und der Fallensteller beobachten die Fliege im Sparkassen-Pausenraum der Sparkasse Werder und denken nach über den Tod. 

 An dem Tag waren schon viele Tage vergangen, seit der Ankunft des Fallenstellers bei uns in Flerch. Seit sich auch die Mausefalle in Zieschkes Garten herumgesprochen hatte, kam täglich jemand aus dem Dorf vorbei und hat dem Fallensteller seine Sorgen mitgeteilt. Lange schon hatten wir niemanden, der Sorgen beseitigt hat. Kamen Fremde, wurde es hinterher meistens nur noch mehr Arschkarte.

Dabei hat die Mausefalle die Mäuse gar nicht interessiert. Lada hat die Tierchen unter der Schaukel huschen sehen, muntere Geschöpfe paaren sich romantisch unter Mutters Rosen. Wurde der Käse schimmlig, hat der Fallensteller ein neues Stück hineingelegt und die Falle wieder fängisch gestellt.

Die Mausefalle hat die Menschen interessiert. Angela Zieschke ist um die Falle geschlichen wie die Katze um die Maus. Günter Zieschke hat die Falle und seine Angela wehmütig aus der Gartenschaukel beäugt, gedankenverloren seinen Beinstummel liebkosend. Lada hat die Finger durch die Öffnung nach dem Manchego gestreckt. Er wollte, dass etwas zuschnappt, obwohl nichts zuschnappen konnte.

Aus seinem Zimmer im zweiten Stock konnte Lada den Fallensteller im Garten beobachten, wie er an den Fallen bastelte. Den Trickser. Den Betrüger. Lada dachte geduldig nach, was er aus dessen Geheimnis gewinnen könnte. Schotter war kaum zu holen. Der wollte für die Fallen nichts, und das, was die Leute trotzdem da ließen, reichte wohl nicht mal für gescheite Klamotten.  

Wer war der Typ? Was wollte er von uns? Die Antworten würde Lada nicht am Fenster im zweiten Stock finden. Also ist er runter und hat den Fallensteller gefragt, wie er ihm helfen kann.

Einige, die den Fallensteller um eine Falle gebeten haben, wollten nicht beseitigen, sondern besitzen. Bäcker Becker wurde mit seinem Sohn, Bruno, vorstellig. Bruno war in seiner Gesamterscheinung derart feucht von Verlusttränen, dass du geglaubt hast, Sturmfront.

Hugo war in die Kornfelder abgehauen. Allen, außer Bruno, war klar, dass Hugo in den Kornfeldern längst seinen Tod gefunden hatte. Vater Becker hat permanent auf Sohn Becker eingeredet, vergiss das Viech, ich kauf dir drei Kampfhunde.

Hat der Fallensteller ein Herz, ist es weich. Er hat Bruno eine Hamsterfalle mitgegeben. Mit integriertem Hamsterrad. Lief das Tierchen in die Falle, konnte es glatt weiterlaufen im Rad. Einen Köder gab es nicht. Also hat Bruno Hoffnung in die Falle gelegt und die Falle ins Kornfeld, und es hat ihn ziemlich gefreut, Hoffnung zu haben, über die elegant der bedrohte Seeadler gekreist ist.

Sonntag war es wie immer für die meisten, als eines Dienstags auch Der Stumme Suzi zum Fallensteller gekommen ist. Lada hat Den Stummen Suzi begrüßt, wie Männer sich begrüßen. Der Stumme Suzi hat ihm das Zeichen gegeben, ihn zu übersetzen. Lada konnte Suzis Sprache ein bisschen. Eigentlich konnte er sie kein bisschen, aber er kannte Den Stummen Suzi halt seit immer.

Der Stumme Suzi hat um sein Leben gern geangelt. Bist du stumm geboren, bist du fürs Angeln irgendwie auch prädestiniert. Heute ist es ihm wohl um die Elritze gegangen.

"Die Elritze ist ein Fisch, für den empfindet Der Stumme Suzi", hat Lada halb geraten, halb erfunden, "richtig Schönheit. Ästhetik. Vom Körper her. Aber auch wie schlau die ist. Der Einstein unter den Fischen. Jetzt möchte Der Stumme Suzi wissen, wie man eine Elritze locken und stressfrei und schmerzfrei fängt. Der Stumme Suzi will nämlich eine Elritze", hier hat Lada eine Pause gemacht, "sein eigen nennen. Wie andere einen Goldfisch oder eine Thailänderin."

Der Fallensteller hat die Stirn in Falten gelegt. Etwas schien ihm nicht ganz geheuer.

"Elritze", sagte er, "macht ihr Witze?"

Aber Dem Stummen Suzi war es ernst und der Stumme Suzi seufzte wie es in Geschichten Verliebte tun.

Auch die Wildschweine am Truppenübungsplatz sind ein Problem. Der Bundesförster Fritz erzählt. Wie sie aus dem Wald kommen und der Bundeswehr beim Häuserkampf zugucken. Ein ganzes Rudel hockt da wie im Kino. Die kleinen Wildschweinaugen ruhen auf den Soldaten. Und als Soldat merkst du Augen. Als Soldat kannst du dich wegen Augen nicht konzentrieren. Kriegst du Angst, Posttrauma, so was. Oder Lust. Aber schießen darfst du eben nur aufeinander, nicht auf die Schweine. 

"Sie wissen, was ich meine", hat Bundesförster Fritz gesagt und gegrinst, aber der Fallensteller hat es nicht gewusst.

Lada kannte das Spiel. Bei jedem Auftrag tat der Fallensteller so, als gehe ihn das alles nichts an. Dann legte er sich aber doch ins Zeug und baute die Falle.

So war es auch diesmal. Allerdings: Großauftrag. Der Fallensteller hat Nadelholzlatten gebraucht, Unmengen Draht, Nägel, Werkzeug, Mais. Günter Zieschke hat ihm das Werkzeug geliehen. Hat selber Hand angelegt. Angela Zieschke hat Honigstullen und Saftschorlen für die Männer hergestellt.

Der Fallensteller hat positiv auf Günter Zieschke abgefärbt. Mit seinem Tatendrang. Seinem Fehlen von ostdeutschen Beschwerdepronomen. Das ist so weit gegangen, dass Lada seinen Vater allein heute zwei Mal schon hat schwärmen hören. Einmal für die Beschaffenheit der Drahtspindel. Einmal für die Beschaffenheit der Saftschorle.

"Ich bin labil", hat Günter Zieschke in einer ruhigen Minute dem Fallensteller verraten, obwohl das gar nicht stimmte.

Das Wildschweingehege war riesig. 3x6x10 Meter. Es musste mit einem LKW transportiert werden. Das Dorf hat geduscht. Wenn schon mal was groß genug ist, um mit dem LKW transportiert zu werden, dann will man gut riechen, wenn es verladen wird. Heimliche Hoffnung, dass etwas schief geht. Schnaken feiern das blutige Fest.

Seit einem Monat lebt der Fallensteller jetzt bei uns. Wir sehen die Tiere überall trotzdem. Lada sieht die Tiere überall trotzdem. Die Mäuse auf dem Gehöft. Den Fuchs, der dem alten Binnecke die Hühner gerissen hat, und für den sich der Fallensteller eine brutale Vorrichtung ausgedacht hat. Stichworte: Haken und Aufspießen und Walzmetallbänder und Schweinsohr.

Die Kakerlaken in der Metzgerei: Im Kühllager zwischen den Saukadavern hängt ein altes Sofa von der Decke, es soll die Kakerlake zerdrücken, wenn mal eine drunter huscht.

Keiner kann behaupten, dass in den Fallen je etwas gestellt, gefangen, gerettet, getötet worden ist. Das nicht. Wir beschweren uns nicht. Es geht uns gut. Wir spazieren an der Havel zwischen Insektenfallen, bunter als Blumen. Im Erlenbruch machen wir Picknick bei der Dohlenhaube. Wollen nachsehen, ob sie den Vogel des Jahres 2012 überlistet hat. Wir spähen unter die Teerpappe, aber da ist immer kein Vogel des Jahres 2012. Die Trockenpflaume noch trockener.

Ulli stellt sich unter die Haube. Er sieht aus, als trage er einen fünf Meter Radius zu großen Hut. Wir lachen. Der Hagemeister Karl malt Ulli und die Haube in Öl. Ulli streichelt den Schnappmechanismus. "Ausgeklügelt", flüstert Ulli.

Eine außergewöhnlich gute Laune schwimmt an den Badestellen. Es wird in Grüppchen gegrillt. Grüppchen sind zu begrüßen, unsere Fleisch fest wie gesetzlicher Feiertag. Sogar die Ernte-Rumänen lassen sich blicken. Einige kommen jede Erntesaison, man müsste glauben, Freundschaften seien entstanden mit uns. Heiraten ginge zu weit.

"Der Fallensteller ist traurig"

Die Rumänen sprechen mit dem Fallensteller. Er versteht sie nicht. Lada sagt: "Sie wollen dir zeigen, was los ist."

Auf einer spätglazial aufgewehten Düne bei Oberflerch stehen ihre Wohncontainer. Ährengelb, sechs Betten, Herdplatte, Fenster gen Süden mit Blick über ihren Arbeitsplatz. Rauchen verboten, alle rauchen. Auch Fallensteller und Lada rauchen.

Die Nazis sind ein Problem. Am Wochenende kamen sie hier zusammen, frohes Miteinander bei Deutschrock, Tanz und Vergnügen mit den wackeligen Kästen. "Rumänen raus" steht jetzt in Weiß gesprayt auf voller Containerlänge. Irgendwie leise, weil weiß auf gelb und weil das Ausrufezeichen fehlt. Auch wenn du kein Deutsch verstehst, dieses Deutsch verstehst du.

Zum ersten Mal sieht Lada den Fallensteller ratlos. Seine erste Verlegenheitsgeste: ein Packen, sich in den Nacken.

"Die wollen vielleicht eine Nazi-Falle", schlägt Lada vor.

Der Fallensteller senkt den Kopf.

Der Fallensteller ist traurig, hilft den Rumänen bei der Ernte.

Und am nächsten Morgen steigt ein verschlafener Rumäne aus dem Container, "Rumänen raus", flüstert er, holt Tesa-Film und Toilettenpapier und macht aus dem "r" in "raus" ein großes "H". Auf dem Treppchen vor dem Container isst der Rumäne ein Brot. Ein fein behaarter Mann mit einem Tattoo am Unterarm – einem Herz, darin die Buchstaben "B" und "D" – sitzt in der Sonne und frühstückt.

Lada fährt den LKW mit der Wildschweinfalle. Der Fallensteller auf dem Beifahrersitz in seinem schäbigen Anzug mit hohem Kragen. Vor der Brücke, wo er den Fallensteller zum ersten Mal gesehen hat, bringt Lada den LKW zum Halten. Der Sommer quillt über. Der Fallensteller schwitzt nicht.

"Hier", sagt Lada, mit dem Standgas spielend, "hab ich dich das erste Mal fast umgenietet. Und jetzt fahren wir zusammen das Riesenteil da raus, und die Wildschweine werden sich kaputtlachen –"

Der Fallensteller räuspert sich, unterbricht Lada.

"Lada, möchtest du mir endlich sagen, was dir lang schon liegt im Magen: Dass ich betrüge? Die Leute belüge? Das wäre naiv. Was ich biete, ist definitiv keine Niete, mein Lohn nicht der Hohn, aber zu einem Scheck sag' ich nicht: Geh weg, Scheck. Ich bau' jede Falle beflissen, mein Gewissen ist rein. Nicht mehr als der Fallensteller kann ich sein."

"Ja, und jetzt stell dir vor, jedes Versprechen wäre so."

"Kein Tischler kann garantieren, dass Familien auf seinem Tisch königlich dinieren."

Lada lacht. "Du, eigentlich wollt ich dir bloß was beibringen. Als Flercher musst du vor dieser Brücke Gas geben. Das ehrt die Brücke. Du bist so was wie ein Flercher geworden, oder? Der Buckel ist die Startrampe. Herr Fallensteller, festhalten, wir fliegen jetzt. Aber wie das so ist: Ich kann nicht garantieren, dass wir nicht abschmieren."

Lada gibt Gas. Der LKW hebt ab. Hinten scheppert das Gehege.

"Holla, die Waldfee", sagt der Fallensteller, und das ist das erste Mal, dass Lada ihn nicht reimen hört.

Am Rand der Gefechtssimulationsanlage für Urbane Operationen stellt der Fallensteller mit Hilfe von Lada und Bundesförster Fritz die Wildschweinfalle fängisch. Es gibt Kaffee und Brezel mit der Bundeswehr. Der Häuserkampf soll überraschend beginnen, aber alle wissen, wann, und setzen schon mal die Helme auf.

Drei Wildschweine treten aus dem Wald, hocken sich hin.

Auch das Wolfsrudel ist da. Das Rudel interessiert sich für den Fallensteller. Es fürchtet sich, will weg. Dichtung und Wahrheit kommen zusammen. Der Wolf sagt: Furcht ist gut. Wir bleiben.

Ein Gebäudebrand. Rauch. Schreiende Zivilisten in Fenstern für 22 Euro die Stunde. Soldaten setzen die Gasmasken zärtlich auf. Die Lautsprecheranlage zur Geräuschsimulation simuliert realistische Geräusche vom Häuserkampf. Soldaten gehen hinter der Wildschweinfalle in Deckung. In der Wildschweinfalle: Mais und Rinderhack aus dem Edeka-Fleischsortiment.

Fallschirmjäger landen vor der Simulation einer Schule. Auf wessen Seite die auch immer sind, die Seite gewinnt sofort.

Die Wildschweine gucken verliebt auf die Fallschirmjäger.

Oberst Zimmermann sagt: "Die Fallschirmjäger sind ein Problem. Ihre Ausbildung ist zu gut. Sie üben unter Ernstfall-Bedingungen, aber auch Ernstfall-Bedingungen sind ja bloß Bedingungen. Jeder Sprung gelingt perfekt. Wie soll man je was lernen, wenn man schon alles weiß? Früher haben wir gesoffen. Bist du besoffen, ist jeder Sprung Ernstfall. Heute ist die Hälfte der Truppe Vegetarier. Haben Sie was, Herr Fallensteller, haben Sie was gegen meine Fallschirmjäger?"

Der Fallensteller stapelt drei Telefonbücher. Legt eine leere Milchpackung drauf. Und auf die Milchpackung die Zielscheibe für Fallschirmspringer. Die List ist dem Oberst sofort sympathisch. Er will das gleich ausprobieren. Aber die Soldaten waschen sich alle schon in der Versorgungsbaracke die Hände zum Gesang von Norah Jones.

Der Wolf macht das Rudel auf die Wildschweine aufmerksam. Die Wildschweine starren wie hypnotisiert auf die Panzerabwehr oder auf das Edeka-Rinderhack, dem Wolf ist es egal, worauf die Wildschweine starren. Er duckt sich. Und das Rudel folgt. Das Rudel tut, was Rudel tun.

Wir sind froh. Ladas Sonettenkranz "Birken in Einsteins Wirken unten an der Havel" hat den dritten Platz bei dem Poesie-Wettkampf gemacht. Er ist zur Lesung nach Frankfurt eingeladen, und zwar nicht in das an der Oder.

Lada und der Fallensteller sitzen in Ullis Garage und trinken. Lada erzählt von der Einladung. Die Lesung findet in einem Museum statt. Focke und Zinke und Der Stumme Suzi kommen mit. Das Museum zahlt die Fahrtkosten. Noch nie hat jemand für Lada Fahrtkosten bezahlt.

Der Fallensteller gratuliert Lada.

"Du kommst eh mit", sagt Lada. Der Fallensteller versteht nicht und nickt.

Die Jungs laden die Bierpaletten in den Kofferraum, der Fallensteller packt mit an. Günter Zieschke lehnt an Angela, die schon vor Stunden zu winken begonnen hat.

Zinke sagt: "Alter", sagt Zinke, "deine Schildkrötenfalle, die Tonne, die ist der Hammer."

"Hat nix erwischt, oder?", sagt Lada.

"Eine ist mal rein und wieder raus", sagt Focke. "Das Geniale ist ja nicht die Falle, sondern wie das Teil da liegt. Knallrot, weißt du. Mit 'nem halbrunden Loch wie ein Schildkrötenpanzer – ich find das ziemlich witzig."

"Ich auch", sagt der Fallensteller ernst, "ich halte mir vor Lachen den Bauch."

Der Stumme Suzi verspätet sich, man fährt ohne ihn los. Der Fallensteller hat ihm am Morgen die Elritzenfalle gegeben, ein Einmachglas mit ein paar Löchern, und aufgeschrieben, wo er die versenken soll, in einem kleinen Teich am Rand von Flerch.

Der Stumme Suzi zieht sein Hemd aus und legt das Einmachglas ins Wasser. Der Teich summt, als verdaue er die Hitze. Der Stumme Suzi wartet. Elisa sitzt in der Nähe im Gras und tut so, als lese sie Hugo von Hofmannsthal. Aber viel lieber ist ihr Suzis Unterhemd. Der Stumme Suzi blinzelt in die Sonne. Die Havel lässt eine Elritze springen. Der Stumme Suzi lächelt. Im Schilf glitzert etwas. Es ist Elisas Tiara. Der Stumme Suzi gibt Elisa die Tiara zurück. Elisa liest ihm vor. Er fühlt ihren Blick auf sich, auf seinem Hemd, auf seinen Händen, auf den Wangen und den Schläfen. Er schließt bisweilen die Augen, um ihn auch auf den Lidern zu spüren.

Wir sind aufgeregt, Lada kommt auf die Bühne. Weißes Hemd, schwarzer Kapuzenpulli. Der Fallensteller und die Jungs sitzen hinten, angenehm angetrunken, es gibt Wein für Umme. Vor Lada hat eine sehr gut aussehende Rothaarige fünf Birken-Gedichte rausgehauen, die Jungs waren hypnotisiert wie die Wildschweine vorm Artilleriefeuer.

Lada räuspert sich. Das Mikro quietscht. "Ja, hallo. Eigentlich sollte ich Birken-Gedichte lesen. Aber ich find die nicht mehr so geil. In einem von ihnen reime ich Einstein mit Rammstein. Vielleicht hat die Jury gedacht, das ist ironisch. Ist es aber nicht. Ich mag Birken. Und Einstein. Und Rammstein. Doch, das geht.

Ich will stattdessen Prosa lesen, die habe ich in den letzten Wochen geschrieben. Der Text heißt: "Die Falle muss mit einem Köder aus Hartwurst versehen sein." Für die Lyrikfans sei aber angemerkt, es wird auch gereimt. Er handelt davon, wie das geht, einen Fallensteller zu verstehen. Es geht gut mit Literatur.

Ich fange jetzt an. Das fängt so an:

Über das öde Land, querfeldein, marschiert in der Dunkelheit einer – betrunken muss er sein, verloren oder verwirrt, sonst ginge er nicht unbeirrt und zu Fuß allein, schlief' er bereits oder suchte zumindest Schutz abseits der Nacht.

Die Tiere sind wach.

Und es ist die Nacht, die vor dem Wanderer Schutz will und dort hält still, wohin jener schreitet, wissend, auf so einen bist du nie vorbereitet mit seinem Gepäck voll Allerlei: Tricks, Kunst, Zauberei.