Es gibt Ereignisse, die sich sowohl in das kollektive Gedächtnis einer Nation als auch in die individuelle Erinnerung tief eingegraben haben. Wenn man herumfragt: Was hast Du getan, als dieses oder jenes geschah, werden die meisten umgehend eine Antwort parat haben. Also: In jenen Augusttagen des Jahres 1988, um die es hier geht, war der Verfasser dieses Artikels 14 Jahre alt und mit seinen Eltern in Südtirol im Urlaub. In dem Hotel hatte nicht jedes Zimmer einen Fernseher; man versammelte sich nach dem Abendessen im Fernsehraum, um gemeinsam die Tagesschau anzugucken, so war das nun einmal.

Man sah die Bilder dessen, was bis heute nur noch Das Geiseldrama von Gladbeck heißt, man sah die Gesichter von Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski, ihre Posen vor den Kameras, jene Szene, in der Rösner sich die Pistole in den Mund schob, um zu zeigen, dass ihm alles egal ist, auch das eigene Leben; man sah Interviews, die Fernsehjournalisten mit den Geiselnehmern führten, in einem Bus, in einer Fußgängerzone.

Und man sah die Gesichtszüge der bei der späteren Befreiungsaktion getöteten Silke Bischoff, einer attraktiven jungen Frau im schwarzen Pullover; Gesichtszüge, die so viel ausstrahlten: Angst, Verwirrung, Fassungslosigkeit. In Südtirol, im Fernsehraum des Hotels, fragten die Menschen die deutschen Touristen: "Seid Ihr da in Deutschland eigentlich verrückt geworden?" Noch heute, ziemlich genau 25 Jahre nach der Gladbecker Geiselnahme, muss die Antwort darauf noch immer lauten: Ja.

Drei Tage lang rasten Rösner und Degowski durch das Land, von Gladbeck nach Bremen, von dort in die Niederlande, zurück nach Köln, verfolgt von einem wachsenden Tross außer Rand und Band geratener Journalisten, bis sie schließlich auf der A 3 in der Nähe von Bad Honnef von einem Polizeifahrzeug abgedrängt und festgenommen wurden. Dabei starb Silke Bischoff durch einen Schuss aus Rösners Waffe. 

Ein ganzer Ring an Figuren

Wie kann und warum sollte man über diese drei Tage im August 1988 einen Roman schreiben? Peter Henning beantwortet mit Ein deutscher Sommer beide Fragen. Henning zieht einen ganzen Ring von Figuren rund um Rösner und Degowski; Menschen, die in manchem Fall mehr, in anderem Fall weniger direkt mit den Gladbecker Geschehnissen zu tun haben.

Mal sind sie direkt involviert, wie der Polizist Rolf Kirchner, der in der Kölner Fußgängerzone kurz vor einem Zugriff steht und dann zurückgepfiffen wird; der Journalist Thomas Brenner, dessen frühgeborenes Kind in der Klinik gegen den Tod kämpft und der zugleich von seinem Chef zu einem möglichst reißerischen Aufmacher genötigt wird; der Fotograf Peter Ahrens, der am Bremer Busbahnhof für kurze Zeit zum Vermittler zwischen den Entführern und der Polizei wird, oder auch der Busfahrer Adam Jalowy.

Für sie alle existieren reale Vorbilder, deren Namen Henning fiktionalisiert hat. Andere, wie der junge Marc Steiner, der fernab des Geschehens in Hanau (wo auch Peter Henning selbst geboren wurde) wohnt, erleben die Geiselnahme lediglich als mediale Inszenierung und müssen trotzdem konstatieren, wie die Bilder etwas mit ihnen machen, etwas in ihnen auslösen.