NSA : Affen an Suchmaschinen

Was lehrt uns fantastische Literatur über die Datensammelwut der NSA? Ein Blick in "Die Bibliothek von Babel"

Ob sie bei der NSA in Fort Meade, Maryland, das Infinite Monkey Theorem kennen? Es besagt, dass Affen, die auf Schreibmaschinen herumtippen, irgendwann alle Werke William Shakespeares verfasst haben werden. Man muss ihnen nur genug Zeit geben. Unendlich viel Zeit.

Dass die Spitzelaktion des US-Geheimdienstes "ungeahnte Ausmaße" annehme und dass es unerhört sei, dass auch befreundete Staaten belauscht werden, das hören wir fast täglich. Doch Lesen bildet. Werke ganz unterschiedlicher Provenienz helfen dem staunenden Betrachter, die Datengier ein wenig abgeklärter zu betrachten.

Befreundete Staaten belauschen? Leser der Romane von Ian Fleming, Graham Greene oder John Le Carré winken ab. Ihre Helden, James Bond, Unser Mann in Havanna, Smileys Leute, sie würden sich keine Sekunde wundern. In den Büchern, in denen sie mitspielen, ist das Misstrauen unter Verbündeten eine Konstante.

Alle drei Autoren wussten und wissen, wovon sie schreiben. Fleming war Verbindungsoffizier des britischen Marinenachrichtendienstes, Greene diente unter dem später als Doppelagent enttarnten Kim Philby im MI6, und auch Le Carré arbeitete für den britischen Auslandsgeheimdienst.

Rastlose Wanderer

Beim Versuch, sich die von der NSA gehorteten Datenmengen vorzustellen, landet man allerdings eher bei Jorge Luis Borges. Der große argentinische Fantast beschrieb Die Bibliothek von Babel: ein bewohnbares Magazin aller denkbaren Bücher. Die Idee (die Borges auf Vorläufer bis hin zu Aristoteles zurückführt) ist eine ähnliche wie beim Theorem über die Affen und die Schreibmaschinen: Aus zufälligen Kombinationen eines begrenzten Zeichenvorrats wird in unendlicher Zeit jedes beliebige denkbare Buch entstehen.

Borges nimmt 22 Buchstaben (wohl die des hebräischen Alphabets der Thora), dazu Komma, Punkt und Leerzeichen, und packt sie zwischen unzählige Buchdeckel in sechseckigen Regalzellen. Sein Erzähler, ein Bewohner dieser Welt, schreibt, dass "niemand eine Silbe zu artikulieren vermag, die nicht voller Zärtlichkeit und Schauer ist, die nicht in irgendeiner dieser Sprachen der gewaltige Name eines Gottes wäre".

Borges spinnt die Idee weiter: Rastlose Wanderer durchschreiten die Bibliothek auf der Suche nach Antworten auf alle Fragen, Wissenschaftler versuchen vergeblich, eine Struktur in der zufälligen Anordnung der Bände zu erkennen, Sekten verehren die nicht entzifferbaren Werke als heilige Schriften, andere rufen zur Bücherverbrennung auf. Natürlich würde die Bibliothek auch einen Katalog enthalten, in dem alle Bücher und ihre Fundorte korrekt verzeichnet sind – aber viele, viele mehr, die irreführende Angaben enthalten.

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Kommentare

24 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Falsch positiv

LiebeR TheDoctor,

weder verharmlosen noch ein "lustiger" Feuilletonartikel lagen in meiner Absicht. Ich dachte eigentlich, mit dem Fall El Masri das Thema False Postives selbst angesprochen zu haben? Ich finde das Beispiel für die Auswirkungen "fehlerhafter" Suchroutinen recht eindrucksvoll. Und die Parallele zu Borges hält hier stand: Auch in seinerm Gedankenexperiment sind die Auswirkungen der Bücher der Bibliothek nicht davon abhängig, wie "sinnvoll" sie (nach welchem Maßstab eigentlich?) sind.

Sie haben allerdings Recht: Ich bin von Haus aus Geisteswissenschaftler und auch qua Beruf im Umgang mit Wörtern versierter als in der Behandlung von Formeln.

Auf den Daumen pustend:
Volker Schmidt

DER HERREN EIGNER GEIST

Darf ich, um dem "Hermeneutiker" gerecht zu werden, an Goethe erinnern? Er schrieb 1829: "Die Hauptsache, woran man bei ausschließlicher Anwendung der Analyse nicht zu denken scheint, ist, daß jede Analyse eine Synthese voraussetzt. Ein Sandhaufen läßt sich nicht analysieren; bestünd' er aber aus verschiedenen Teilen, man setze Sand und Gold, so ist das Waschen eine Analyse, wo das Leichte weggeschwemmt und das Schwere zurückgehalten wird. ... Eine große Gefahr, in welche der Analytiker gerät, ist deshalb die: wenn er seine Methode da anwendet, wo keine Synthese zugrunde liegt. Dann ist seine Arbeit ganz eigentlich ein Bemühen der Danaiden; und wir sehen hiervon die traurigsten Beispiele. … Denn im Grunde treibt er doch eigentlich sein Geschäft, um zuletzt wieder zur Synthese zu gelangen. Liegt aber bei dem Gegenstand, den er behandelt, keine zum Grunde, so bemüht er sich vergebens, sie zu entdecken. Alle Beobachtungen werden ihm immer nur hinderlich, je mehr sich ihre Zahl vermehrt. … Einen Argwohn dieser Art geben diejenigen Kapitel des Wissens, mit denen es nicht vorwärts will. In diesem Sinne könnte man über Geologie und Meteorologie gar fruchtbare Betrachtungen anstellen." … und wohl auch über die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher von Herrn Schmidt? „Eine große Gefahr“, die Goethe nicht sah, ist, dass vermeintlich plausible „Synthesen“ schreckliche Ergebnisse zeitigen KÖNNEN, wenn sie von einem mutmaßlichen „Sein“ (Datenprofil) auf ein vermutetes „Wollen“ schließen.

Der eine Ring

LiebeR Doc,

dass Sie die Machenschaften der "Speerspitze der Demokratie" (mit Verlaub: eine reichlich idealistische Einordnung, die sich anhand von US-Regierungstreiben schon in den vergangenen, nuja, 50 Jahren schwerlich erhärten lässt) in der Schwarzen Sprache beschreiben, ist ein schöner Zug. Die USA als Mordor, das wäre auch ein interessanter Vergleich...

Ich räume ein, dass ich mich der Thematik spielerisch angenähert habe, das birgt den Keim der Harmlosigkeit. Angesichts der fruchtbaren Diskussion hier bin ich aber froh, dass ich den Versuch unternommen habe.

Wir sind uns, denke ich, einig: die gesammelten Daten sind nicht nutzlos. Sie können vielen Zwecken dienen und auch nicht zweckgerichtet Schaden anrichten. In manchen Fällen (ja, häufiger als bei den Affen) werden sie sogar ihren Zweck erfüllen, also zum Beispiel dazu beitragen, ein Attentat zu verhindern.

Damals war ich noch jung...

...da hatte ich noch Ideale und glaubte an Helden....

Zitat:
"In manchen Fällen (ja, häufiger als bei den Affen) werden sie sogar ihren Zweck erfüllen, also zum Beispiel dazu beitragen, ein Attentat zu verhindern."

Ja, das kann in der Tat versehentlich geschehen...

Aber nochmal, Ihr Artikel war auch für mich zur Gedankenklärung hilfreich, die zwei Aspekte der Nutzung einer solchen Datenbank wurden mir erst dadurch klar und präsent.

Um nochmal kurz zu den Tolkien-Analogien zu kommen, USA als Mordor trifft es ncht ganz, auch Sauron war ja nur ein Diener, er hat sich aber zum Herren aufgeschwungen, wie das Sicherheitskonglomerat in den USA die Politik usurpiert hat.

Vielleicht trifft es Saruman besser "Der Feind ist unbesiegbar, wir müssen uns ihm anschließen"

Fehler im Gedankenspiel?

Ich habe die Bibliothek von Babel vor Jahren gelesen. Faszinierend, aber stimmt das Gedankenspiel? Muss in einer unendlichen Bibliothek aus den Buchstaben eines Alphabets notwendigerweise jede mögliche Kombination, also auch die Beschreibung des Sinns der Bibliothek (der Welt) auftauchen? Es können sich doch theoretisch allein sinnlose Kombinationen endlos wiederholen.