Roman "Monsieur"Lolita aus Langeweile

Emma Becker inszeniert ihre Heldin als kindliche Femme Fatale. Der Roman "Monsieur" ist ein bemühtes, gestelztes Nabokov-Sequel. von 

Das Cover spricht Bände: Eine nackte Frau in Rückenansicht, das Gesicht auf eine Rosentapete gerichtet. Emma Becker, deren Leben, wie der Verlag es formuliert, Vorlage für ihren Debütroman Monsieur war, erzählt von Ellie Becker, die am Wochenende ein paar Stunden im Blumenladen arbeitet und sich dort gern an Rosendornen sticht, weil sie sich dann so lebendig fühlt. 

Seit sie ihr Studium abgebrochen hat, leidet die Zwanzigjährige unter der Woche an schrecklicher Langeweile. Sonnenbäder und Masturbation schaffen nur kurzfristig Abhilfe. Ihre Familie weiß mit Ellies Nöten und Bedürfnissen nicht umzugehen: Ihr Vater schafft es nicht, im Sommerhaus in der Normandie für ein abwechslungsreiches Ferienprogramm zu sorgen, ihre Mutter macht sich über die erotischen Romane lustig, die Ellie verschlingt, und ihr Onkel, der Schönheitschirurg, weigert sich, ihr Oberschenkelfett abzusaugen.

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Es hat beinahe etwas von Salonliteratur des neunzehnten Jahrhunderts: Die bürgerliche Gesellschaft, die keine tiefgreifenden Sorgen kennt und außer Verliebtheiten nur wenig erlebt, flüchtet sich in die Literatur. Romane waren ein Weg, sich in Abenteuer hineinzuträumen; gern gelesen wurden Geschichten rund um Prinzessinnen, und Ellie Becker geht durchaus als Prinzessin durch, die im Schoß ihrer gut situierten Familie lebt und Langeweile als Lifestyle etabliert.

Ein Baby bei Facebook

Eine gelegene Abwechslung von Ellies gleichförmigem Alltag scheint Monsieur zu sein, ein Kollege ihres Onkels, Mitte vierzig, verheiratet und Liebhaber erotischer Literatur. Ellie bombardiert Monsieur mittels Facebook mit zweideutigen Nachrichten, bis er einwilligt, sich mit ihr zu treffen. Im Roman werden alle, wirklich alle Nachrichten wiedergegeben, die Emma/Ellie Monsieur je geschrieben hat; die Autorin sagte in Interviews, dass sie aufzeigen wolle, welche Rolle Facebook heutzutage in zwischenmenschlicher Kommunikation spielt.

Ellie Becker nutzt den Austausch mit Monsieur, um sich in unterschiedlichste Rollen hineinzudenken. Der Schönheitschirurg hat Ellie zuletzt als Kleinkind erlebt, ein Motiv, das sie begeistert aufnimmt: "Stellen Sie sich die unerträgliche Erotik dieser Situation vor. Sie besaßen dieselben Augen wie heute, denselben Mund, dieselben Hände … ich lag vor Ihnen und war in meiner unmöglichen Aufmachung unmöglich zu erkennen … ich war nur ein Baby. Und das Ergebnis: in knapp zwei Tagen werden Sie tief in mir vergraben sein."

Die Begegnungen mit Monsieur stellen einen Bildhintergrund dar, vor dem Ellie sich neu erfahren kann. Stundenlang posiert sie nackt vor Monsieur, plappert vor sich hin und begutachtet sich dabei im Spiegel. Dass der Schönheitschirurg ihr kaum zuhört und immer wieder unvermittelt in sie eindringt, stört sie kaum.   

Die ausgiebig geschilderten Sexszenen sollen wahrscheinlich Spannung erzeugen, sind allerdings eher irritierend. Ellie spricht ehrfürchtig von Patrizierhaut und schneeweißen Raubtierzähnen, von der Bürde, die das gesellschaftliche Überangebot an Lolitas für ältere Männer darstellt und vom heldenhaften Mut, den Monsieur mit seiner geheimen Affäre beweist. Dass er keine Kondome benutzt, sieht sie als Ehre. Immerhin nimmt er so das Risiko auf sich, seiner Frau Ellies Tripper anzuhängen.

Leserkommentare
  1. Dieser Roman scheint mir mit Nabokovs Klassiker Lolita doch extrem wenig zu tun zu haben. Ansonsten finde ich die Rezension gut geschrieben. Wobei man vielleicht relativierend sagen muss, dass es verdammt schwer ist, erotische Literatur zu schreiben, ohne in Kitsch abzugleiten.

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  • Schlagworte Literatur | Facebook | Kondom | Roman | Erotik | Normandie
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