Eigentlich stimmt nichts von dem, was in ihrem Pass steht. Weder der Name noch ihr Alter. Dort, wo die Schriftstellerin aufwuchs, hatten die Menschen kein Recht auf ihre wahre Identität. Als man ihr in der Schule das Diplom der Mittelschule verweigerte, ging ihr Vater auf die Behörde und änderte den Namen seiner Tochter. Rojda hieß nun Yıldız. Aus dem kurdischen Sonnenaufgang wurde der türkische Stern. 

Aber das Kurdischsein blieb. Unauslöschlich, unvergesslich.

Yıldız Çakar trägt am ganzen Körper Narben. Die Täter kamen in der Nacht, durchkämmten das Haus und stachen auf das Mädchen ein. Gefunden wurden sie nie. In Diyarbakır, der heimlichen Hauptstadt der Kurden, kann jeder so eine Geschichte erzählen. Eine gerne verwendete Formulierung lautet: Klopfe an irgendeine Tür und jeder wird dir ein Opfer aus seiner Familie nennen können.

Yıldız brauchte eineinhalb Jahre, bis sich ihr Körper von den inneren Verletzungen erholte. Von den tiefsten Verletzungen aber hat sie sich nicht kuriert. Sie will ihre Identität selber bestimmen, eine Schriftsteller-Identität haben, keine kurdische Opferidentität. Schreiben kann sie nicht darüber, schweigen aber auch nicht.

In welcher Sprache träumst Du denn?

Sie beginnt, Gedichte zu verfassen, kleine Zeitungsstücke, bis ihr jemand im Westen der Türkei begegnet, der sie fragt: Sag mal, bist Du Kurdin? Ja, antwortet sie. Was ist denn das für ein Kurdischsein? Warum, fragt sie zurück? In welcher Sprache träumst Du denn? Auf kurdisch, antwortet sie. Na also, worauf wartest Du?

Diese Begegnung ändert ihr Schreiben, ihr Denken. Das Gespräch mit diesem Menschen war für sie wie ein "Schock", das Erweckungserlebnis. Neuer Name, neue Sprache. Zwar spricht Yıldız kurdisch – genauer gesagt Kurmanci, in der Türkei werden zwei kurdische Sprachen gesprochen, Zaza und Kurmanci – bloß schreiben kann sie ihre Muttersprache nicht. Ihr sind die Grammatikregeln nicht klar. Denn das Kurmanci war lange Zeit keine Schriftsprache, sondern eine Sprechsprache. Je nachdem, wo die Menschen leben, wird es unterschiedlich gesprochen. Durch die Migrationsströme innerhalb der kurdischen Bevölkerung wandern die Wörter hin und her, nehmen innerhalb der Sprachfamilie einen anderen Dialekt an, variieren. Yıldız folgt diesen Worten. Sie sammelt sie. Reist in kurdische Dörfer und Täler und fragt: Wie nennt ihr dieses und jenes? Und schreibt alle Worte auf.

Da Kurdisch bis vor wenigen Jahren eine verbotene Sprache war, für deren Gebrauch man mit Haftstrafen rechnen musste, gab es soundsoviele Bedeutungen für den Wind, die Berge, die Sterne. Yıldız lernt ihre Sprache neu und schreibt Kolumnen, Essays, Gedichte, Romane, Drehbücher.

Doch neben ihrer Arbeit bleibt sie eine reisende Sammlerin. Ihr fiel auf, dass ihre Stadt Diyarbakır in Büchern von Fremden erzählt wird. Sie reist weitere fünf Jahre durch die Dörfer der Umgebung, fragt die Bewohner nach Geschichten aus ihrer Heimat. Daraus entsteht eine Enzyklopädie der Stadt. Sie spürt den Geschichten, Legenden und altem Wissen hinterher. Manchmal existieren drei Varianten einer Legende. Sie veröffentlicht alle drei. Manchmal widersprechen sich die Angaben über Orte. Sie lässt sie nebeneinander stehen. Das Buch ist auf Kurdisch erschienen, wird derzeit auf Türkisch gedruckt, eine englische Übersetzung soll folgen.

Es ist ihr Abschiedswerk. Sie verlässt ihre Heimat. "Ich habe mein kurdisches Land immer von hier aus betrachtet", sagt Yıldız, "aus seinem innerem Kern heraus." Sie geht für einige Jahre nach Dänemark. "Ich will von dort auf meine Stadt schauen. Wie sieht Diyarbakır von dort aus? Wie sieht man uns?" Yıldız Çakar reist und sammelt weiter.