Sachbuch "Motel"Tröstende Neonschilder

Das Motel ist ein Ort für Rastende, Durchreisende, Nomaden und Verirrte. Der französische Philosoph Bruce Bégout hat ihm nun einen Essay gewidmet. von Philipp Goll

Und plötzlich, am Ende eines langen Tages auf staubigen Highways, ein lachender Kaktus mit Cowboyhut. Keine Fata Morgana, hoffentlich. Freundlich blinkend weist dieser Kaktus den Weg auf einen Parkplatz. Was wie die feierliche Begrüßung an einem Ziel nach zermürbender Reise aussieht, wird dennoch nichts weiter sein als ein Zwischenstopp, on the road im Motel. Und selten, das wissen wir seit Alfred Hitchcocks Psycho, läuft es hier so reibungslos, wie uns die auf leichtgängige Funktionalität hin erdachte Architektur verspricht. Der Horror erwartet uns noch am trivialsten aller Orte. Der französische Philosoph Bruce Bégout hat dem Motel einen Essay gewidmet: Motel. Ort ohne Eigenschaften.

Standardisierten Bauten waren einst Unterkünfte für Straßenarbeiter, die in den 1920er Jahren die amerikanischen Weiten erschlossen. Kaum verlassen, wurden sie von den ersten Pionierfamilien angesteuert. Ihre bauliche Ordnung, die sich an Tankstelle und Lagerhalle orientiert sowie ihre Bezeichnung sind untrennbar mit dem Automobil verknüpft. Motel, das bedeutet Motor und Hotel in einem. Seit jeher beherbergt es Menschen auf Durchreise, die niemandem einen Besuch abstatten, sondern vorübergehend Halt machen. Asyl moderner Nomaden, die in den standardisierten Unterkünften Schlaf suchen.

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Bruce Bégout sieht im Motel mehr als ein Versatzstück des American Way of Life. In den prekären Bauwerken an der Peripherie der Städte konkretisieren sich, schreibt Bégout, "neue urbane Lebensformen, die ganz von Mobilität, Umherirren und erlebter Armut überwölbt sind."

Die Identitätslosigkeit der Motels, schreibt er, habe nicht allein Auswirkungen auf die Erfahrung des Aufenthaltes, die – kahl an Reizen – den Einkehrenden gleichsam narkotisiere. Das Franchising des Motels, das seit den 1960er Jahren überwiegt und Familienbetriebe in Ketten verwandelt, habe mithin Auswirkungen auf die Zeitwahrnehmung, da jede Form von Antizipation unterbunden würde. Wenn alles mit Ähnlichkeit geschlagen sei, formuliert Bégout im Windschatten von Horkheimers und Adornos Überlegungen zur Kulturindustrie, gebe es kein Hoffen mehr. Man wisse bereits immer, was sein werde. Nur die Neonreklame kompensiere das dem Motel spezifische Identitätsdefizit durch  eine "kommerzielle Heraldik", seien es blinkende Kakteen oder glühende Feuervögel.

Quasi-Untergrund

Eine zentrale Qualität des Motels, die seine Dialektik verrät, sieht Bégout im Versprechen an die Einkehrenden, beim Check-in einen Neuanfang in absoluter Anonymität zu begehen. Ein Ort wie eine Maske, der zu allerlei devianten Praktiken verführe. Pate steht hier natürlich Michel Foucault, dessen Überlegungen zu heterotopischen Orten auch das Motel einschlossen. Ausgesetzt und zugleich geschützt wird das Motel zur "Zone des Quasi-Untergrunds" und zum Wiedergänger seiner rational-funktionalistischen Idee, schreibt Bégout.

Das Motel ist nicht nur prädestinierter Ort für sich heimlich Liebende. Genauso finden dort finstere Gesellen Unterschlupf, um hier ihren nächsten Coup auszuhecken. Edgar Hoover, geistiger Vater des FBI, nannte die Motels in einem Artikel in The American Magazine 1940 "Hochburgen des Lasters und der Korruption", die Frieden und Sicherheit der amerikanischen Gesellschaft bedrohen. Amerikanische Schriftsteller und Filmemacher konnte dieser unheimliche Nimbus des Motels in ihrer Phantasie nur beflügeln; ihnen verdankt das Motel seine mythische Bedeutung in der amerikanischen Popkultur.

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    • Schlagworte Sachbuch | Michel Foucault | Franchising | USA | Essay | Popkultur
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