Der türkische Schriftsteller und Nobelpreisträger Orhan Pamuk hat vor einigen Tagen in einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung gefragt, weshalb die westliche Öffentlichkeit auf die Vorgänge in Ägypten so zurückhaltend reagiere.

Pamuk sagte: "Die Armee tötet und tötet, und nicht nur die Regierungen der Vereinigten Staaten und der Europäischen Union, sondern auch die öffentliche Meinung in den westlichen Ländern tut so, als gäbe es da gar keine Verantwortung."

Hat er recht? Wahr ist, dass die intellektuelle Öffentlichkeit schweigt. Von Günter Grass gibt es kein Gedicht, von Bernard-Henri Lévy oder André Glucksmann keinen flammenden Aufruf gegen den Militärputsch. Und auch sonst ist kein Aufschrei hörbar geworden.

Nun ist es ja nicht so, dass die Menschen in Ägypten auf den Protest westlicher Intellektueller dringend gewartet hätten. Und natürlich weiß man nicht, ob er etwas bewirken würde. Wobei die entscheidende Frage lautet: Gegen wen sollte er sich richten? Gegen die Generäle? Gegen die Muslimbrüder?

Pamuk selbst bringt das Dilemma auf den Punkt, wenn er fragt: "Kann der Westen eine Demokratie dulden, in der sich die Wähler für eine nicht westlich gesonnene Partei entscheiden? Um diese Frage ging es ja auch in meinem Roman Schnee."

Dieser wirklich großartige Roman, der 2005 auf Deutsch erschienen ist, schildert den Konflikt zwischen einem laizistischen Staat in der Tradition Atatürks und einer Bevölkerung, die sich mehr und mehr dem Islam zuwendet und dessen religiöse Vorschriften ernst nimmt. Der Konflikt entzündet sich am Kopftuchverbot, das von jungen muslimischen Frauen nicht mehr akzeptiert wird.

Das ist also die Frage: Sollen wir ein demokratisch zustande gekommenes Wahlergebnis akzeptieren, das nicht demokratische Verhältnisse etabliert? Weil es auf diese Frage keine einfache Antwort gibt, schweigen die Intellektuellen.

Man kann sich allerdings daran erinnern, dass in früherer Zeit komplizierte Verhältnisse die Intellektuellen nicht daran gehindert haben, Partei zu ergreifen. Der Krieg in Vietnam, die Notstandsgesetze, die Nachrüstung, die Atomenergie – auch das waren keine einfachen Themen.

Und doch gab es damals eine intellektuelle Öffentlichkeit, die sich leidenschaftlich für einfache Antworten engagierte. Die alte Figur des Intellektuellen, der sich im Auftrag des Weltgeistes für das Gemeinwohl zuständig hält, ist im Aussterben begriffen. Nicht zufällig sind Grass, Lévy oder Glucksmann schon jenseits des Renteneintrittsalters. Und Pamuk, der noch in der ehrwürdigen Tradition des engagierten Schriftstellers denkt, ist über 60.

Es war der ebenfalls nicht mehr junge Jürgen Habermas, der vor fast 30 Jahren den Begriff der "neuen Unübersichtlichkeit" geprägt hat. Und es hat den Anschein, als wäre die Welt seitdem noch unübersichtlicher geworden.

Doch der Anschein trügt. Die Unübersichtlichkeit der Welt ist immer gleich groß. Nur gibt es ab und zu Zeiten –­ sollen wir sie glücklich nennen? –, in denen man glaubt, die Welt mit dem Lichtstrahl der Vernunft erhellen zu können.