Ägypten Orhan Pamuks Zwischenruf

Warum schweigen die Intellektuellen zur ägyptischen Katastrophe? Sollen wir ein demokratisches Wahlergebnis akzeptieren, das nicht demokratische Verhältnisse etabliert? von 

Ulrich Greiner, 67, ist Herausgeber des Magazins ZEITLiteratur. Von 1998 bis 2009 war er verantwortlicher Redakteur des Ressorts Literatur bei der ZEIT; davor ihr Feuilletonchef.

Ulrich Greiner, 67, ist Herausgeber des Magazins ZEITLiteratur. Von 1998 bis 2009 war er verantwortlicher Redakteur des Ressorts Literatur bei der ZEIT; davor ihr Feuilletonchef.  |  © Vera Tammen

Der türkische Schriftsteller und Nobelpreisträger Orhan Pamuk hat vor einigen Tagen in einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung gefragt, weshalb die westliche Öffentlichkeit auf die Vorgänge in Ägypten so zurückhaltend reagiere.

Pamuk sagte: "Die Armee tötet und tötet, und nicht nur die Regierungen der Vereinigten Staaten und der Europäischen Union, sondern auch die öffentliche Meinung in den westlichen Ländern tut so, als gäbe es da gar keine Verantwortung."

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Hat er recht? Wahr ist, dass die intellektuelle Öffentlichkeit schweigt. Von Günter Grass gibt es kein Gedicht, von Bernard-Henri Lévy oder André Glucksmann keinen flammenden Aufruf gegen den Militärputsch. Und auch sonst ist kein Aufschrei hörbar geworden.

Nun ist es ja nicht so, dass die Menschen in Ägypten auf den Protest westlicher Intellektueller dringend gewartet hätten. Und natürlich weiß man nicht, ob er etwas bewirken würde. Wobei die entscheidende Frage lautet: Gegen wen sollte er sich richten? Gegen die Generäle? Gegen die Muslimbrüder?

Pamuk selbst bringt das Dilemma auf den Punkt, wenn er fragt: "Kann der Westen eine Demokratie dulden, in der sich die Wähler für eine nicht westlich gesonnene Partei entscheiden? Um diese Frage ging es ja auch in meinem Roman Schnee."

Dieser wirklich großartige Roman, der 2005 auf Deutsch erschienen ist, schildert den Konflikt zwischen einem laizistischen Staat in der Tradition Atatürks und einer Bevölkerung, die sich mehr und mehr dem Islam zuwendet und dessen religiöse Vorschriften ernst nimmt. Der Konflikt entzündet sich am Kopftuchverbot, das von jungen muslimischen Frauen nicht mehr akzeptiert wird.

Das ist also die Frage: Sollen wir ein demokratisch zustande gekommenes Wahlergebnis akzeptieren, das nicht demokratische Verhältnisse etabliert? Weil es auf diese Frage keine einfache Antwort gibt, schweigen die Intellektuellen.

Man kann sich allerdings daran erinnern, dass in früherer Zeit komplizierte Verhältnisse die Intellektuellen nicht daran gehindert haben, Partei zu ergreifen. Der Krieg in Vietnam, die Notstandsgesetze, die Nachrüstung, die Atomenergie – auch das waren keine einfachen Themen.

Und doch gab es damals eine intellektuelle Öffentlichkeit, die sich leidenschaftlich für einfache Antworten engagierte. Die alte Figur des Intellektuellen, der sich im Auftrag des Weltgeistes für das Gemeinwohl zuständig hält, ist im Aussterben begriffen. Nicht zufällig sind Grass, Lévy oder Glucksmann schon jenseits des Renteneintrittsalters. Und Pamuk, der noch in der ehrwürdigen Tradition des engagierten Schriftstellers denkt, ist über 60.

Es war der ebenfalls nicht mehr junge Jürgen Habermas, der vor fast 30 Jahren den Begriff der "neuen Unübersichtlichkeit" geprägt hat. Und es hat den Anschein, als wäre die Welt seitdem noch unübersichtlicher geworden.

Doch der Anschein trügt. Die Unübersichtlichkeit der Welt ist immer gleich groß. Nur gibt es ab und zu Zeiten –­ sollen wir sie glücklich nennen? –, in denen man glaubt, die Welt mit dem Lichtstrahl der Vernunft erhellen zu können.

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Leserkommentare
  1. sollte man auch vernunft haben.
    gerade die ist aber in den stets strikt nach westliche grundsätzen geführten diskussionen über den idealzustand der welt längst verschwunden.

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    Eine erste Beurteilung des vorläufigen Verfassungsentwurfs von Zaid Al-Ali vom „International Institut for Democracy and Electoral Assistence“ (IDEA) in Stockholm!

    Der Autor:
    http://www.verfassungsblo...

    IDEA:
    http://www.idea.int/about...

    Verfassungsentwurf in Kurzform:
    http://t.co/XMSoOt6Pg1

    Der Artikel:
    http://t.co/ywULoesOF0

    Der Verfassungsentwurf enttäuscht, weil er nur der ägyptischen Verfassungstradition folgt. Er ist konservativ, religiös orientiert, wenig pluralistisch und nicht besonders demokratisch. Parteien und Bürger spielen kaum eine Rolle. Details im Artikel.

    Weder die Politiker 2012, noch die Juristen erwägen einen demokratischen Rahmen, der Entwicklungen in anderen (afrikanischen) Ländern berücksichtigt.

    Es gibt die Gleichstellung aller Menschen in Artikel 38. Frauen und andere Religionen werden durch die Scharia eingeschränkt. Ein Konflikt IN der Verfassung!

    Menschenrechte werden erwähnt, aber durch einfache geregelt. So können sie ausgehebelt werden, was eine Erwähnung obsolet machen würde. Eine Verfassung müsste die zulässigen Ausnahmen beschränken!

    Niemand fragte sich, wie man institutionell eine zukünftige Diktatur verhindern kann. Eher sichern die alten Institutionen ihre Freiräume.

    Manche erforderliche Änderung kostet die Unterstützung der Salafisten, welches erst die Vollversammlung in zwei Monaten riskieren kann!

    Die Rettungsfront meldete aber schon Widerspruch an!

  2. Es ist nicht ganz nachzuvollziehen dass es keine Kommentare gäbe. Die Seiten der Magazine sind doch voll von Kritik am Vorgehen gegen die Muslimbrüder.

    Nebenbei ermüdet diese endlose Schelte "des Westens", egal was in Europa oder den USA gesagt und getan wird. Das ist geradezu infantil da "der Westen" ja kein großer allmächtiger Bruder ist, und auch kein homogener Block. der nur eine Meinung äußern muss um auf wundersame Weise alles was Leute anderswo verbocken wieder gerade zu rücken.

    Im Westen gibt es ja eben, weil er demokratisch ist, unterschiedliche Standpunkte.
    Ausserdem sollten die Völker immer noch selbst die Verantwortung für ihr Tun und Lassen übernehmen. Aber die sind eben auch nicht homogen, und haben oft eine Kultur der Gewalt, für die der Westen übrigens auch nicht verantwortlich ist. Außer, haha, weil es bis vor 100 Jahren da und dort Kolonialismus gab, der scheinbar nun für das Versagen von Generationen dort, den moralischen Freifahrtschein bildet.
    Ein verehrter Schreiber hier, Namen leider vergessen, schrieb jüngst Vergleiche der Muslimbrüder mit den Nazis seien "völliger Unsinn". So überzeugt, dass nicht mal zu begründen war. Dabei sind die Parallelen zur Machtergreifung gleich mehrfach nahe liegend: eine irrationale Ideologie (auch wenn sie sich "Religion" nennt) die keinen Widerspruch duldet. Gewalt-Affinität. Griff nach totaler Gleichschaltung (per Scharia) aller Bürger im Land obwohl man weniger als 50% repräsentiert.

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  3. Noch mal: Demokratie und Menschenrechte funktionieren zwar noch halbwegs im "Westen". Auch wenn J. Carter vor kurzem sagte die Demokratie in den USA sei derzeit dysfunktional. Und die Menschenwürde per neoliberalem "Spardekret" in vielen Ländern Europas mit Füßen getreten wird.

    Aber diese Werte erzeugen kein Super-Gebilde "der Westen". Das ist Wunschdenken nach einer Art von weltlichem Gott der alles richtet. Der verantwortlich gemacht werden kann für alles was hasserfüllte Wirrköpfe irgendwo in der Welt anrichten. Sondern diese Werte sind ein Angebot an die Menschen der Weltgemeinschaft sie selbst zur Anwendung zu bringen.
    Es ist aber auch im Westen selbst üblich, gehört quasi dazu, sich an die Brust zu schlagen. Was zwar ermüdend ist, allerdings gerade ein Zeichen für den Zivilisationsgrad, denn Dummköpfe üben keine Selbstkritik.

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  4. linken Brille:

    Am besten beweisen wir alle schön unserer interkulturelle Kompetenz und drängen den Ägyptern und Syrern etc. nicht unsere Lebensweise und Sicht der Dinge auf! Die sind unter Umständen gar nicht gewünscht!

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  5. Natürlich ist mir eine Militärdiktatur lieber als ein islamistischer Staat wie Iran oder Saudi-Arabien. Aber vor diese türkische Wahl möchte ich gar nicht gestellt werden. So berechtigt und nötig es ist, das ägyptische Militär an den Pranger zu stellen, so falsch ist es, die Muslimbrüder salonfähig zu machen. Der Feind meines Feindes ist nicht mein Freund.

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    das Militär in Ägypten ist das geringere Übel.
    Viele im Westen beachten nicht die Tatsache, dass die MB die Demokratie dazu nutzen wollten, um ihre eigene Diktatur einzuführen. Das Anti-Demokraten die Demokratie ausnutzen, ist doch kein neuer Zustand. Die Ägypter haben aus den Ereignissen in Tunesien und der Türkei gelernt. Der Iran ist ein historisches Beispiel wie eine Revolution von Islamisten anfangs unter dem Tarnmantel der Demokratie in eine Diktatur umgewandelt wird. Lieber Westen, halt mal die Luft an bevor du dich später empörst warum Ägypten ein islamistischer Staat geworden ist!

    • vonDü
    • 23. August 2013 8:17 Uhr

    "Das ist also die Frage: Sollen wir ein demokratisch zustande gekommenes Wahlergebnis akzeptieren, das nicht demokratische Verhältnisse etabliert? Weil es auf diese Frage keine einfache Antwort gibt, schweigen die Intellektuellen. "

    Die Zeit der einfachen Antworten ist spätestens seit dem Afghanistan Konflikt vorbei. Die frühere, simple Einteilung der Welt, in die Guten und die Bösen funktioniert in den Konflikten des Nahen und Mittleren Ostens nicht mehr. Die Konflikte dieser Region, sind nicht wirklich Auseinandersetzungen zwischen Demokratie und Diktatur, Unterdrückern und Befreiern.

    Die Befreier von heute, sind mit hoher Wahrscheinlichkeit die Unterdrücker von morgen, Demokratie oft nur ein Vehikel um undemokratische Ansprüche mit (scheinbar) anderer Legitimation durchzusetzen. In dieser Struktur, sind unsere demokratischen Missionen, unser Eingreifen, zum Scheitern verurteilt. Wenn die Verteidigung demokratischer Prinzipien, im Ergebnis nicht zu mehr Demokratie, dafür aber zu mehr Toten führt, dann sind das gute Gründe mit eindeutigen Positionierungen zugunsten, oder gegen eine Seite vorsichtig zu sein.

    In Deutschland gibt es das Grundrecht des Widerstands. Wir müssen undemokratische Politik, auch wenn sie gewählt wurde, nicht akzeptieren, weswegen die Absetzung Mursis nicht zwingend gegen demokratisches Prinzip verstößt und den Aufschrei herausfordert.

    Es gibt gute Gründe für Schweigen und das Fehlen von eindeutiger Parteinahme für eine Seite.

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    • Moutzel
    • 23. August 2013 20:00 Uhr

    bedeutet Art. 20 Abs. 4 GG dass die BRD "im Zweifel" undemokratisch ist.
    Doch das wirklich "Gute" an unserem Grundgesetz ist die ihr inne wohnende Fessel (Ewigkeitsklausel).
    Ohne diese Fessel wären wir jederzeit in der Lage demokratisch undemokratisch zu werden - damit ist eigentlich Art. 20 Abs. 4 obsolet - sieht aber hübsch aus :-)

  6. ...das nicht demokratische Verhältnisse etabliert?"

    Nein - wir warten bis genug Menschen getötet wurden, sodass die Mehrheitsverhältnisse für eine laizistischen Mehrheit ausreichen...

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  7. ... sondern die Gesellschaft hat sich geändert.

    Die zitierten "Lichtgestalten" vergangener Jahrzehnte wurden ja nicht durch ihre intellektuellen Leistungen zu Ikonen, sondern - der Artikel schreibt es selbst - durch Positionierung für "einfache Antworten" und ihr Wort hatte Gewicht durch eine Art zugeschriebene Autorität.

    Die Intellektuellen gibt es immer noch, sie äußern sich auch immer noch - aber die alte Autoritätszuschreibung gibt es heute nicht mehr.

    Damit wird's der Gesellschaft auch wurscht, wie sich Intellektuelle politisch positionieren. Was dem Intellektuellen bleibt, ist also nur noch die intellektuelle Auseinandersetzung seinen Themen - und die, mit Verlaub, hat auch schon zu Habermas und Adornos Zeiten nur die wenigsten interessiert.

    Gruß,
    Tezcatlipoca

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    einer muss immer dabei sein, der mal wieder die Stunde für gekommen hält, auf "die Intellektuellen" zu schimpfenund "ihnen" jedes Wxistenzrecht anermkennt und "ihr" Werk herabsetzt. Ist halt einer...

    Die Intellektuellen waren Lichtgestalten, weil es nur wenige mit höherer Bildung gab!

    Bis in die 1980er Jahre gab es nur 5% Akademiker, während 75% froh waren einen Hauptschulabschluss zu erreichen. Die große Mehrheit arbeite handwerklich und war in hierarchischen Strukturen als Befehlsempfänger eingeordnet. Da fiel das Wort eines Intellektuellen im TV oder der Zeitung auf fruchtbaren Boden. „Der wird es schon wissen!“

    Heute sind über 10% Akademiker, ein Drittel der Bevölkerung hat Abitur und nur noch 25% wollen einen Hauptschulabschluss.

    Wenn ein Intellektueller heute die Richtung vorgibt, dann schallt es ihm entgegen, mit welcher Begründung er der Meinung sei. Das geschieht nicht aus Aufsässigkeit, sondern aus dem tiefen Wissen, dass man selbst komplizierte Sachverhalte bedenken kann. Niemand will mehr die Lösung, weil man den Lösungsweg auf Fehler überprüfen kann!

    Wir brauchen keine Lichtgestalten, sondern freie und offene Diskussionen!

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  • Serie Fünf vor 8:00
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Günter Grass | Orhan Pamuk | Jürgen Habermas | Theo Sommer | Gedicht | Islam
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