Novelle "Einen Blick werfen" : Herr Schrieeeeeftsteller leidet

Die Biografie ersetzt die Rezension! Joachim Zelter hat eine kleine, treffende Satire über den Literaturbetrieb und seine Mechanismen geschrieben.
Der Schriftsteller Joachim Zelter © Klöpfer & Meyer

Dies ist mit Sicherheit nur eine kleine Fingerübung, und mehr darf es auch gar nicht sein, denn, so steht es im Vorsatz, "was hier erzählt wird, ist keine Fiktion. Alles ist wahr oder bewegt sich zumindest nahe an der Realität", und wenn dem so ist, dann ist das Ich, das in Joachim Zelters Novelle spricht, ein Schriftsteller, der nicht mehr viel zu sagen hat, weil ihm die Worte fehlen. Was ihn sprachlos gemacht hat, im doppelten Wortsinn, wird hier auf knapp 100 Seiten erzählt und ist eine gallige Satire auf die Mechanismen von Literatur und deren Vermarktung in der Gegenwart.

Es fängt mit einer Alptraumsituation für jeden Schriftsteller an: In seiner Mailbox findet der Ich-Erzähler einen Brief, geschrieben von einem Menschen namens Selim Hacopian, der von sich nur in der dritten Person spricht. Also: "Selim Hacopian hat ein Buch geschrieben." Und ob er, Hacopian, dem Herrn Schriftsteller nicht einmal "was schiecken" könnte. Die Frage ist überflüssig, denn Hacopian hat die Antwort gar nicht erst abgewartet, sondern gleich "geschieckt". Allerdings keine Textprobe, sondern seinen Lebenslauf: geboren in Usbekistan, aufgewachsen in Pakistan und Ägypten. Koptischer Christ, Pyramidenführer, diverse Chinareisen, Tauchlehrer, Studium der Byzantinistik, hat als Koch gearbeitet. Man liest das und ahnt, was geschieht: Diese exotische Biografie, die für jede Presse- und Werbeabteilung eines Verlages ein Fest ist, ist das Pfund, mit dem Joachim Zelters Novelle wuchert.

Hacopian, der als Aushilfe in der Leihbücherei jener Kleinstadt arbeitet, in der auch der Ich-Erzähler lebt, wird zu dessen Schatten. Ganz gleich, wohin er auch kommt – der Ruf in seinem Rücken, "Herr Schrieftsteller", wird ihn ereilen, stets verbunden mit der Bitte, doch einmal "einen Blick zu werfen" auf das, was Hacopian verzapft hat. Der kann kaum einen deutschen Satz geradeaus schreiben, und die Manuskripte, die er aus seinem Unheil verkündenden Rucksack herausholt, würden keine Qualitätsprüfung überstehen. Doch der Ich-Erzähler wirft einen Blick. Er beginnt, an den Texten zu arbeiten, um seine Ruhe zu haben. Einige Zeit später hat Hacopian den Vertrag eines renommierten deutschen Verlags in der Tasche; als das Buch erscheint, wird dessen Autor zum Star.

Treffende Diagnose

Joachim Zelter, der im Jahr 2010 mit seinem Roman Der Ministerpräsident auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis stand, kennt die Mechanismen eines auf Effekte getrimmten Literaturbetriebs ebenso genau wie deren Floskeln: "Magischer Humor" wird dem Ganzen attestiert, "orientalische Fabulierkunst".

Und vor allem sei Hacopians Prosa, und das ist nun tatsächlich die bequemste aller Phrasen, "welthaltig". Genau: "In Usbekistan geboren, in Ägypten aufgewachsen – das sei welthaltig." Da ist dann die Satire sehr nah an der Realität. Man würde wahrscheinlich Rezensionen finden, in denen ein derartiger Quatsch wortwörtlich zu lesen ist. Die Buchhandlungen schmücken in Zelters Novelle ihre Schaufenster entsprechend mit Fotos von Pyramiden und Moscheen.

Der echte Schriftsteller, der Ich-Erzähler, gerät währenddessen in eine Sinn- und Schaffenskrise. Sein Verlag macht ihm Druck. Er kann nicht mithalten. Betrachtet seinen farblosen Lebenslauf. Überlegt, ob er ihn nicht wenigstens mit einem kleinen exotischen Schrecken garnieren soll: "Lebt und schreibt in Hiroshima". Die Diagnose ist treffend wie eindeutig: Nach Sturm und Drang und Romantik und Expressionismus leben wir aktuell im Curricularismus. Das biografische Porträt ersetzt die Rezension. Man muss nur wissen, wohin man "schiecken" muss.

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Kommentare

10 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Schon richtig erkannt

Ich muss JimNetz recht geben - in abgewandelter Form sieht man das doch gerade an Helene Hegemann: Hauptsache radikal sein. Und radikal ist man in der Literatur, wenn man auf den ersten drei Seiten seines Romans fünf Mal das Wort "A..." verwendet. Ach ne, das ist ja eigentlich nur vulgär... so ein Pech.

Mich persönlich interessiert da eher das Buch "Aléas Ich", das ja auch in der ZEIT besprochen wurde. Der Roman zeigt übrigens, dass EU-Länder doch gehen und nimmt den Fetisch "Autor" gleich kritisch unter die Lupe, wie eben auch "Einen Blick werfen". Freue mich schon auf die Lektüre.

Ressentiments eines Mittelschichtlers:

"Der Freejazz-Sängerin aus Simbabwe, die mit 12 ihre Eltern verloren hat, wird es mit Sicherheit größere Aufmerksamkeit zuteil als einem ähnlich begabten jungen Mann aus der deutschen Mittelschicht. Und um es auf die Spitze zu treiben: Mich würde es nicht wundern, wenn eine positive Besprechung von Zelters Werk (schließlich sind immer die anderen die Philister) direkt vor oder nach einem aspekte- oder ttt-Beitrag über den hohen künstlerischen Wert einer bei nüchterner Betrachtung natürlich höchstens als primitives Kunsthandwerk zu bezeichnenden Berliner Ausstellung von phallischen Schnitzarbeiten einer afghanischen Frauengruppe gesendet wird.
Die Deutungshoheit über den Wert von Kunst liegt schlicht und ergreifend in den Händen von ideologisch motivierten Amateuren."

Mit Freude nehme ich es zur Kenntnis, dass bei der Zeit unideologische Profis ihr Werk verrichten.