Edith kehrt zurück an den Ort ihrer Kindheit, eine ehemalige Nervenklinik. Das Gelände liegt brach, die Psychiatrie, in der Ediths Vater Chefarzt war, ist verwaist. Ihr Elternhaus steht leer, unberührt. Es gibt das Loch im Gartenzaun noch, durch das Ediths Bruder Tom immer gen Wald ausbüxte; dorthin, wo heute nur noch ein Hochsicherheitstrakt gen Himmel ragt. Edith ruft ihren Freund an und verspricht melancholisch, ihm eines Tages ihre Heimat zu zeigen. Mit diesem Versprechen beginnt die eigentliche Geschichte: ein Rückblick in Ediths Jugend, ins Deutschland der siebziger Jahre.

Die Binnengeschichte wird episodisch erzählt, aus Sicht von Ediths Eltern, aus Sicht ihres Bruders und aus der Sicht zweier Patienten, Berta und Jakob. Die Kranken sind selbstverständlicher Teil des Alltags von Familie Neumann: Ihr Haus steht mitten auf dem Klinikgelände. Wenn Patienten von der Beschäftigungstherapie ausbüxen, landen sie oft bei den Neumanns, spielen mit Ediths kleinen Geschwistern Tom und Luzie, die ihre Spielzeuge ganz selbstverständlich mit den erwachsenen Kranken teilen. Ediths Vater Christian ist ein jederzeit verfügbarer Mitarbeiter der Klinik, ein unermüdlicher Arzt, den seine Kinder nur in Rückenansicht kennen. Wenn seine Frau Ada gute Laune hat, hält sie Christian abends die Wange zum Kuss hin, den Blick aufs Fernsehprogramm gerichtet. Meistens aber ist Adas Laune schlecht.

Die Sexverweigerin und der Märtyrer

Christians Blick lässt Ada als unreife, kaltherzige Sexverweigerin erscheinen, die ihre Launen mal mit prä-, mal mit postmenstruellen Symptomen erklärt. Adas Innenwelt jedoch macht schnell deutlich, dass Christian nicht der duldsame Märtyrer ist, für den er sich hält. Ihrem Mann zuliebe ist Ada aufs Land gezogen; ihre einzige Verbindung zur Außenwelt besteht in einer Bushaltestelle, die bei den Städtern nur "Bei den Bekloppten" heißt. Ihm zuliebe hat sie nicht nur ihre Arbeit als Verkäuferin, sondern gleich alle beruflichen Pläne aufgegeben; eine berufstätige Ehefrau und Mutter passt nicht in Christians Weltbild. Tagsüber muss sie den zerstörungsfreudigen Erstklässler Tom, die zahnende Luzie und die pubertierende Edith irgendwie im Griff behalten; abends zeigt ihr Mann zwar sexuelles, aber keinerlei zwischenmenschliches Interesse: "Wenn sie sich mit ihm unterhalten wollte, über Dinge, die sie interessierten, war er müde, wortkarg; das Gespräch verlief oft in einer Langsamkeit, die kaum auszuhalten war. Einmal hatte sie damit begonnen, die Fransen des Teppichs abzuzählen, während sie auf seine Antworten wartete. Er antwortete immer. Aber manchmal erst nach der fünfzigsten Franse."

Simone Regina Adams erzählt im gemächlichen Tempo, wie Christian und Ada auseinander driften. Die Entfremdung eines Ehepaares, die in der Normalität des gesellschaftlichen Alltags kompensiert werden könnte, entfaltet im Mikrokosmos Psychiatrie jedoch eine eigene, unvorhersehbare Dynamik: Christian und Ada sind so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass nicht nur ihre Identität als Liebespaar, sondern auch ihre Identität als Eltern in den Hintergrund rückt. Ada konsultiert angeblich im Nachbarort einen Therapeuten; tatsächlich beginnt sie eine Affäre: "Dr. Klinger hätte sicher – wäre sie denn zu ihm gegangen – gesagt, dass Hermann nur ein Symptom sei, nicht die Therapie. Doch was war schon die richtige Therapie für diese Art von Leben."