InsolvenzSuhrkamp ist nicht alles

Der Konflikt der Verlagsgesellschafter ist keine politisch-ideologisch-literarische Auseinandersetzung. Es geht ums Handelsrecht – aber nicht um gute Bücher. von 

Ulrich Greiner, 67, ist Herausgeber des Magazins ZEITLiteratur. Von 1998 bis 2009 war er verantwortlicher Redakteur des Ressorts Literatur bei der ZEIT; davor ihr Feuilletonchef.

Ulrich Greiner, 67, ist Herausgeber des Magazins ZEITLiteratur. Von 1998 bis 2009 war er verantwortlicher Redakteur des Ressorts Literatur bei der ZEIT; davor ihr Feuilletonchef.  |  © Vera Tammen

Fast kein Tag vergeht, an dem nicht irgendein Feuilleton über den Stand der Suhrkamp-Krise berichtet. Warum bloß?

Der Konflikt zwischen dem Minderheitsgesellschafter Hans Barlach und der Suhrkamp-Chefin Ulla Unseld-Berkéwicz ist keine Krise des geistigen Lebens dieser Republik. Es geht keineswegs um eine ideologische Richtungsentscheidung, nicht um politisch-literarische Kämpfe, wie es sie in der Verlagsgeschichte häufiger gegeben hat. Man erinnere sich nur an den Streit um die Zeitschrift Kursbuch Ende der sechziger Jahre.

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Nein, es geht um Fragen, die nicht einmal jedem Juristen geläufig sind. Es geht um einen Streit, den Fachanwälte für Handelsrecht, Gesellschaftsrecht, Insolvenzrecht schon seit vielen Jahren mit wachsendem Ingrimm gegeneinander ausfechten.

Ist es nicht seltsam, dass Feuilleton-Redakteure, die sich als Literaturkritiker einen Namen gemacht haben, plötzlich zu Berichterstattern mehrerer komplizierter zivilrechtlicher Verfahren werden? Dass Intellektuelle, die sonst dem Zeitgeist auf der Spur sind, sich auf einmal dem Studium unverständlicher Akten widmen? Dass Feuilletons, die auf sprachliche Eleganz Wert legen, Artikel veröffentlichen, die schwer lesbar sind und deren Notwendigkeit kaum noch jemandem einleuchtet?

Kenner der Materie sagen voraus, der Streit werde in die Rechtsgeschichte eingehen. Bei aller Liebe zur Rechtsgeschichte: Wen interessiert sie außer Kennern?

Das allererste Interesse geistig interessierter Menschen besteht doch darin, etwas über gute neue Bücher zu erfahren. Wer diese Bücher macht, ob der Verlag ausreichende Gewinne erzielt, ob er eine Kommanditgesellschaft, eine GmbH oder eine Aktiengesellschaft bildet – wer um Himmels willen will das wissen?

Gut, man spricht von der Suhrkamp-Kultur, von der einzigartigen Bedeutung des Verlagshauses für die Geistesgeschichte des Landes. Das ist unbestritten, aber es ist Vergangenheit. 

Die deutsche Verlagslandschaft ist vermutlich die lebendigste, vielfältigste auf der ganzen Welt. Noch immer ist Suhrkamp einer der wichtigsten Verlage, doch er ist nicht mehr der einzige. 

Blicken wir auf die Programme und Erfolge von Hanser, Rowohlt, S.Fischer, dtv oder Kiepenheuer & Witsch, dann sehen wir: Suhrkamp hat längst kein Monopol mehr.

Während früher die Nobelpreise, Büchnerpreise und Buchpreise fast regelmäßig an Suhrkamp gingen, teilt sich heute ein halbes Dutzend Literaturverlage die Lorbeeren.

Nein, man soll die Leistung von Ulla Unseld-Berkéwicz nicht kleinreden. Das Programm, das sie seit rund zehn Jahren verantwortet, ist beeindruckend. Die Wissenschaftsreihen sind unübertroffen.

Aber wäre es nicht ratsam, endlich über Inhalte und Ideen zu diskutieren anstatt über die Winkelzüge der Advokaten?

Die Aufmerksamkeit unserer Mediengesellschaft funktioniert wie bei jenen Spaßvögeln, die zu dritt oder viert beieinanderstehen und in den Himmel gucken. Alsbald versammelt sich eine Menge um sie herum und guckt ebenfalls in den Himmel.

Da ist aber nichts außer ein paar Wolken.  

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Leserkommentare
  1. Sie betreiben aktive Selbst-Soap-Operarisierung, indem sie kontinuierlich anwaltgetriggert über Konflikte Bericht erstatten, die es ohne sie in dieser Form nicht gäbe.

  2. Besser wäre das Thema wohl in der Rubrik Wirtschaft untergebracht, aber vielleicht finden sich in der Rubrik Feuilleton mehr Leser, die diese Verfälle interessieren.

    • Mari o
    • 16. August 2013 11:49 Uhr

    reichen dem Könstler wie jedem Menschen um die Phantasie anzuregen
    http://www1.wdr.de/themen...

    was ich mir nicht schon alles zusammengereimt habe was die Suhrkamp-story betrifft! aber ich sach ma lieber nix

  3. 5. Moment

    das ist doch aber auch der Stoff aus dem die Bücher sind.
    Der Sohn gegen die Witwe usw.
    Mir fehlt jetzt die Eleganz der Argumentation, aber besser, man wirft jetzt Licht in dieses Gerangel, als das später die Personen für die meisten unbeschriebenen Blätter sind und man beim nächsten Gerangel zu weit zurückgehen muss.
    Frau Ber... polarisiert?

    • peter.s
    • 17. August 2013 13:45 Uhr

    Den Erzählwert hat Harm-Ologie ja schon angesprochen, re "Neue Mutter schaltet den einzig legitimen Erben aus"... und verbatzt es dann auch noch?!

    Denn andere Foristen hier haben bereits zurecht auf das Geldverbrennen unter der "Neuen Mutter" bei S. hingewiesen, allein dadurch gewinnt die Story eine ganz Qualität als durch obiges (sinngemässes) "die überragenden Erfolge der Vergangenheit lassen sich wohl nicht wiederholen".

    Und, solange Barlach zu "gewinnen" schien, waren auch das oben angesprochene "Unübertroffene Wissenschaftsreihen"-Programm et al. schon darum sofortig gefährdet, nicht erst langfristig wg. dort fehlenden Returns.

    "Die deutsche Verlagslandschaft ist vermutlich die lebendigste, vielfältigste auf der ganzen Welt." - na komm, der Deutsche kann sich und das Seine anscheinend nur ganz klein, oder übergross machen. Tatsache ist, die deutschen Gross-Städte hatten Vieles / Alles erfreulich entzerrt, während aber letztens sich doch Berlin zu einem Paris / London scheinbar "für Arme" entwickelt. (Mancher lässt sich vom riesigen Stadtgebiet Berlins täuschen; die Pariser "heissen Viertel" liegen eben ausserhalb der "Stadtmauern" (boulevard périphérique)).

    Und wie ich selbst anderswo auf dieser Seite bereits andeutete: Die genannten Verlage sind (zu) klein und / oder hängen in (wechselnden) Konzernen ab - (mögliche) Kontinuität über Generationen ist etwas anderes, schien in der Vergangenheit bei S. aber möglich, jetzt, so oder so, kaum noch, und das spüren die Leute

    • wauz
    • 17. August 2013 21:11 Uhr

    In der Zeit nach dem Tode Siegfried Unselds, gab es wahrscheinlich Streit um die Ausrichtung des Verlags, aber spätestens seit dem die jetzige Gesellschafterstruktur festgelegt ist, kann es nur noch um Geld gehen.
    Herr Barlach wird gemeinhin ein Suhrkamp-Investor genannt. Tatsächlich aber hat er sein Geld in einer schweizerischen Aktiengesellschaft angelegt, die Suhrkamp-Anteile besitzt. Unglücklicherweise hat er sich dabei persönlich verschuldet, weil sein Geschäftsfreund gar kein Geld besaß, um so ein Investment zu tätigen.
    Die AG wiederum hat die Hälfte des Anteils von Joachim Unseld gekauft. Das sind 10% des Suhrkamp-Verlages, so dass die AG jetzt 39% Anteil hat. Von welchem Geld die AG diese Anteile gekauft hat, ist fraglich. Sie hat sich vermutlich verschuldet.
    Jetzt sieht die Situation so aus: der verschuldete Herr Barlach besitzt eine AG, die keine Gewinne abwirft, weil sie ebenfalls verschuldet ist. Diese AG braucht dringend Gewinnabführungen aus dem Suhrkamp-Verlag, um ihre Schulden bedienen zu können...
    Es gibt Interessenten für den Minderheits-Anteil am Suhrkamp Verlag. Sehr wahrscheinlich wollen diese Interessenten nur den Verlagsanteil kaufen, nicht aber die AG. Mit einem Verkauf wäre die AG vermutlich ihre Schulden los, aber es ist zu bezweifeln, dass danach die Liquidation der AG noch genügend Geld hergibt, Herrn Barlachs Schulden auszugleichen.
    (Dieses Szenario basiert auf den Informationen, die derzeit für mich zugänglich waren)

  4. Geht es nicht. Es geht um die Herrschsucht von 2 Egozentrikern, die beide nicht fähig sind zur Sozialität.

    Die lassen lieber das Unternehmen kaputtgehen als dem anderen etwas zu gönnen.

    Das Handelsrecht soll nur diesen Streit lösen.

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  • Serie Fünf vor 8:00
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Insolvenz | Suhrkamp | Theo Sommer | Aktiengesellschaft | Hans Barlach | Nobelpreis
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