Fast kein Tag vergeht, an dem nicht irgendein Feuilleton über den Stand der Suhrkamp-Krise berichtet. Warum bloß?

Der Konflikt zwischen dem Minderheitsgesellschafter Hans Barlach und der Suhrkamp-Chefin Ulla Unseld-Berkéwicz ist keine Krise des geistigen Lebens dieser Republik. Es geht keineswegs um eine ideologische Richtungsentscheidung, nicht um politisch-literarische Kämpfe, wie es sie in der Verlagsgeschichte häufiger gegeben hat. Man erinnere sich nur an den Streit um die Zeitschrift Kursbuch Ende der sechziger Jahre.

Nein, es geht um Fragen, die nicht einmal jedem Juristen geläufig sind. Es geht um einen Streit, den Fachanwälte für Handelsrecht, Gesellschaftsrecht, Insolvenzrecht schon seit vielen Jahren mit wachsendem Ingrimm gegeneinander ausfechten.

Ist es nicht seltsam, dass Feuilleton-Redakteure, die sich als Literaturkritiker einen Namen gemacht haben, plötzlich zu Berichterstattern mehrerer komplizierter zivilrechtlicher Verfahren werden? Dass Intellektuelle, die sonst dem Zeitgeist auf der Spur sind, sich auf einmal dem Studium unverständlicher Akten widmen? Dass Feuilletons, die auf sprachliche Eleganz Wert legen, Artikel veröffentlichen, die schwer lesbar sind und deren Notwendigkeit kaum noch jemandem einleuchtet?

Kenner der Materie sagen voraus, der Streit werde in die Rechtsgeschichte eingehen. Bei aller Liebe zur Rechtsgeschichte: Wen interessiert sie außer Kennern?

Das allererste Interesse geistig interessierter Menschen besteht doch darin, etwas über gute neue Bücher zu erfahren. Wer diese Bücher macht, ob der Verlag ausreichende Gewinne erzielt, ob er eine Kommanditgesellschaft, eine GmbH oder eine Aktiengesellschaft bildet – wer um Himmels willen will das wissen?

Gut, man spricht von der Suhrkamp-Kultur, von der einzigartigen Bedeutung des Verlagshauses für die Geistesgeschichte des Landes. Das ist unbestritten, aber es ist Vergangenheit. 

Die deutsche Verlagslandschaft ist vermutlich die lebendigste, vielfältigste auf der ganzen Welt. Noch immer ist Suhrkamp einer der wichtigsten Verlage, doch er ist nicht mehr der einzige. 

Blicken wir auf die Programme und Erfolge von Hanser, Rowohlt, S.Fischer, dtv oder Kiepenheuer & Witsch, dann sehen wir: Suhrkamp hat längst kein Monopol mehr.

Während früher die Nobelpreise, Büchnerpreise und Buchpreise fast regelmäßig an Suhrkamp gingen, teilt sich heute ein halbes Dutzend Literaturverlage die Lorbeeren.

Nein, man soll die Leistung von Ulla Unseld-Berkéwicz nicht kleinreden. Das Programm, das sie seit rund zehn Jahren verantwortet, ist beeindruckend. Die Wissenschaftsreihen sind unübertroffen.

Aber wäre es nicht ratsam, endlich über Inhalte und Ideen zu diskutieren anstatt über die Winkelzüge der Advokaten?

Die Aufmerksamkeit unserer Mediengesellschaft funktioniert wie bei jenen Spaßvögeln, die zu dritt oder viert beieinanderstehen und in den Himmel gucken. Alsbald versammelt sich eine Menge um sie herum und guckt ebenfalls in den Himmel.

Da ist aber nichts außer ein paar Wolken.