Fünf vor 8:00Welche Bücher uns im Herbst erwarten

Wenn die Tage wieder kühler werden, können wir uns freuen auf einen neuen Martin Walser, einen neuen Leon de Winter sowie auf Thomas Glavinic. Von Ulrich Greiner von 

Ulrich Greiner, 67, ist Herausgeber des Magazins ZEITLiteratur. Von 1998 bis 2009 war er verantwortlicher Redakteur des Ressorts Literatur bei der ZEIT; davor ihr Feuilletonchef.

Ulrich Greiner, 67, ist Herausgeber des Magazins ZEITLiteratur. Von 1998 bis 2009 war er verantwortlicher Redakteur des Ressorts Literatur bei der ZEIT; davor ihr Feuilletonchef.  |  © Vera Tammen

Natürlich ist es frivol, jetzt, nachdem wir endlich einen wirklichen Sommer hatten und hoffentlich noch schöne Tage erwarten dürfen, auf den Herbst zu blicken. 

Aber die Kollegen in den Verlagen haben den Herbst schon lange hinter sich und stecken mitten im Frühjahrs-Programm 2014. Man möchte nicht mit ihnen tauschen.

Anzeige

Wenn unsereins sich auf die ersten Krokusse freut, verwelken in den Verlagshäusern schon die Chrysanthemen, und wenn es dort schneit, liegen wir in der Sonne. Aber die Büchermacher haben es nicht mit der Natur zu tun, sondern mit der Literatur. Schauen wir also, was der Herbst uns bringt.

Aber über Martin Walser und seine Produktivität zu spotten, wäre ungehörig. 86 Jahre ist er alt, die Liste seiner Werke ist überwältigend, und wenn er öffentlich erklären würde, wie es Philip Roth vor einigen Monaten sinngemäß getan hat: "Ich habe genug geschrieben, ich schreibe nichts mehr!", dann würde man das bedauern, könnte es aber verstehen.    

So ist es glücklicherweise nicht. Walser schreibt weiter und legt bei Rowohlt abermals einen Roman vor. Er heißt Die Inszenierung, und die Verlagsankündigung beginnt so: "Augustus Baum, ein berühmter Theaterregisseur, liegt nach einem leichten Schlaganfall im Krankenhaus. Herausgerissen aus der Inszenierung der Möwe von Anton Tschechow, inszeniert er weiter, vom Krankenzimmer aus. Nicht nur das Stück, sondern auch sich selbst."

Nun, man wird sehen, das Buch erscheint in zwei Wochen. Aber vertrauensbildend wirkt die Tatsache, dass Walser sich aufs Neue für einen einsilbigen Namen entschieden hat. Nach seinen Helden oder Heldinnen Halm, Buch, Zürn und Gern nun also Baum.

Nein, ich will nicht alle Bücher des Herbstes aufzählen, sondern nur noch zwei, die ich schon gelesen habe. Diogenes bringt von Leon de Winter ein aufregendes und temporeiches Buch unter dem Titel Das gute Herz. Es geht um Islamismus, Terroranschläge und Liebesaffären, es ist politisch, spannend, außerdem witzig und intelligent. Zugegeben: Es ist ein bisschen vollgestopft mit buntem Personal und turbulenten Geschichten, aber man möchte ja nicht immer nur Schonkost lesen.

Schonkost ist auch der neue Roman von Thomas Glavinic nicht. In seinem Buch Das größere Wunder erzählt der junge Österreicher die Geschichte eines Mannes, der zu unermesslichem Reichtum gelangt, sich daraus aber nichts macht, sondern nur ein Ziel hat: sich selbst zu erproben, sich selbst auf die Spur zu kommen.

Und wo ginge das härter als am Mount Everest? So handelt das Buch auch von extremster Bergsteigerei. Und was Glavinic über die Leiden, die Kämpfe und Intrigen der Gipfelbezwinger schildert, ist ebenso spannend wie bedrückend.

Natürlich erzählt der Roman, sonst wäre er keiner, auch eine Liebesgeschichte, eine ebenfalls gipfelmäßige und gewaltige. Wie sie ausgeht, wird nicht verraten. Das Buch erscheint in Kürze bei Hanser. Wenn also der Herbst wirklich kommen sollte: Es gibt wieder einmal genug zum Lesen. 

Zur Startseite
 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Serie Fünf vor 8:00
    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Schlagworte Martin Walser | Herbst | Leon de Winter | Diogenes | Philip Roth | Produktivität
    Service