Mit Edward Snowdens Enthüllungen schlug die Stunde der Wahrheit. Sie zeigte das ganze Ausmaß heutiger Überwachung. Nun folgt eine Publikation des Suhrkamp Verlags, die als Buch der Stunde erscheint: Daten, Drohnen, Disziplin. Hervorgegangen ist es aus einem Mailwechsel, den der Soziologe Zygmunt Bauman mit dem Überwachungstheoretiker David Lyon ab 2011 geführt hat. Die Mails drehen sich um die Überzeugung der Autoren, dass Überwachung sich heute in "unvorstellbarer Weise" ausweite: "Sie schwappt geradezu über, wenn die sie bislang einfassenden Rahmenrichtlinien unter dem Druck der Forderung nach mehr 'Sicherheit' und der Marketingbemühungen von Technologiefirmen nachgeben."

Damit ist ein wichtiger Punkt genannt. Statt nur "Überwachungsstaat" zu schreien, so wie es in der jetzigen Debatte oft geschieht, mahnen die beiden Soziologen, dass kommerzielle Internetunternehmen mit ihren Produkten wie auch deren Nutzer dabei willig mitmachen. Überwachung erscheint Bauman und Lyon deswegen auch nicht als Unfall. Überwachung sei vielmehr das heute herrschende "Dispositiv", wie es die Soziologen im Vokabular von Michel Foucault sagen, das heißt: Überwachung ist die Spielregel, innerhalb derer sich unser aller Leben bewegt, Überwachung ist Normalität. Und zwar nicht erst seit heute.

Laut Bauman und Lyon ist Überwachung das Signum der Moderne. Auch hier folgen die beiden Autoren Foucault, der im Panoptikum Jeremy Benthams das Sinnbild des modernen kapitalistischen Ordnungssystems erblickte. Das Panoptikum war von Bentham als Gebäudetypus für Schulen, Krankenhäuser, Gefängnisse und sonstige Anstalten konzipiert worden. Es erlaubte einem Wachmann von der Warte eines zentralen Turms aus, sämtliche kreisförmig um ihn herum angeordneten Zellen und Räume im Blick zu haben – ohne seinerseits von den Insassen gesehen zu werden. 

Die Insassen sollten in der ständigen Furcht leben, gesehen zu werden und sich vorsorglich anpassen. Oder wie es Foucault in Überwachen und Strafen formuliert: "Derjenige, welcher der Sichtbarkeit unterworfen ist und dies weiß, übernimmt die Zwangsmittel der Macht und spielt sie gegen sich selber aus; er internalisiert das Machtverhältnis, in welchem er gleichzeitig beide Rollen spielt; er wird zum Prinzip seiner eigenen Unterwerfung." 

Die "flüchtige Moderne"

In Foucaults Analysen sollten wir aber nicht stehen bleiben. Baumans Gedanke geht so: Weil mit dem Siegeszug des Kapitalismus "alles Ständische und Stehende verdampft" (Marx/Engels), ist auch die alte "solide Moderne" des Panoptikums passé. Willkommen in der "flüchtigen Moderne"! In der seien die Überwachungsmethoden, wie David Lyon sagt, in einen "flüssigen bzw. gasförmigen Zustand" übergegangen. Damit würden sie in Lebensbereiche eindringen, die früher nur am Rande oder gar nicht der Überwachung unterworfen gewesen seien.

Die territoriale und zeitliche Entgrenzung von Überwachung macht Bauman an den mancherorts fast lückenlosen Videoüberwachungen fest, an den neuen smarten Geräten, die wir ständig mit Daten fütterten und an den Chipkarten, mit denen wir uns fortwährend ausweisen. "Postpanoptisch" nennt er diesen Zustand. Mit Erstaunen konstatiert er einen grundlegenden Wandel: Während früher das Panoptikum von den Insassen als Ort des Schreckens wahrgenommen wurde, werde die neue Überwachung geradezu allseits fröhlich begrüßt.     

Der Albtraum des Panoptikums – du bist nie allein – habe sich so in einen neuen Traum verkehrt: Du musst nie wieder allein sein! Anstelle der alten Angst vor Einschließung sei die Angst vor dem Ausschluss in der flüchtigen Moderne getreten. Das Panoptikum habe sich damit zu einem "Bannoptikum" gewandelt, wie es Bauman und Lyon mit dem Soziologen Didier Bigo sagen, zu einem System, das aufgrund von gesammelten Daten und Informationen entscheidet, wer dazu gehört und wer draußen bleiben soll. 

Informationelle Selbstentblößung

Wie treffend diese Beobachtungen sind, auch das hat der Fall Snowden zuletzt bewiesen, insbesondere die Reaktion auf dessen Enthüllungen. Die bestand nämlich, außerhalb von Publizisten- und Aktivisten-Zirkeln, in einem müden Schulterzucken. Wie sollte sich auch einer ärgern, der nichts lieber herausgibt als seine Daten und dann feststellt, dass sie mit einem größeren Interesse entgegengenommen werden, als er es sich hätte vorstellen können? 

Das führt zur entscheidenden Frage, woher dieser Wandel im Umgang mit den Daten rührt. Leider verfehlen Bauman und Lyon hier ihr  Ziel, die "Geisteshaltung" und die "Ideologie", aus der Überwachung heute erwächst, "in der Geschichte des Westens" zu verorten. Lyon nennt lediglich eine "langfristige Entwicklung", die zu einem wachsenden Exhibitionismus geführt und bei Facebook und anderen Netzwerken seine vorläufige Vollendung gefunden habe. Bauman wiederum erklärt die informationelle Selbstentblößung mit Hegels Diktum von der Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit. Während also Bauman den Facebook-Nutzer als Opfer sieht, der allenfalls noch seine Misere bejahen kann, mutiert er bei Lyon zu einem Abfallprodukt der Geschichte, die schon seit Langem in unappetitliche Bahnen geraten sei.