Das Moor ist nicht unbedingt eine bevorzugte literarische Landschaft. Kein Vergleich zum Wald, seit je Sehnsuchtsidyll deutscher Literatur, weniger ein Ort als ein Geisteszustand, umrauscht von Tannen und Eichen dichteten die Romantiker dem goldenen Zeitalter entgegen. Das Moor ist auch kein Gebirge, wo die Erhabenheit wohnt, wo Büchners Lenz wahnsinnig wurde und man sich diese prickelnden existenziellen Frostbeulen holen kann. Beim Moor fällt einem auf die Schnelle die Schauerlyrik der Annette von Droste-Hülshoff ein, vielleicht noch die Wanderungen von Arno Schmidt, dem genialen Misanthropen. Das Moor schweigt, ist öd und leer und unpoetisch.  

Im neuen Roman von Gunther Geltinger erhebt es sich nun. In Moor erwacht eine ganze Landschaft: "Wo du hinlauschst, ist Wasser, stehen Erlen, in den Binsen zerrt Wind. Auch Nebel hat keinen Ton, nur seine Gestalten, die aus dem Nichts kommen, dich anstarren und gehen (…) und wenn das eine ins andere tropft, eine Bö fauchend durchs Laub fährt, flinke Wellen aufwirft, den Dunst zerreißt und das Schilf verwirrt, hörst du in alledem doch meine Stimme." Diese Stimme schlägt einen hohen Ton an. Sie gehört dem Moor selbst, das Geltinger ins Hochamt des Erzählers befördert hat. Und es erscheint ein Du, dem all die ausladenden Sprachbewegungen gelten: Es gehört zu Dion Katthusen, einem 13-jährigen, einsamen Jungen. 

Er hat ein inniges Verhältnis zum Moor, das das Örtchen Fenndorf umschließt. Dort lebt er mit seiner Mutter Marga, zwischen Schweinehof und feindseliger Dorfgemeinschaft. Jeden Morgen begleitet er seine Mutter zum Teich, sie nimmt ein Bad, er schaut zu; so läuft ihr alltägliches Ritual. Es verspricht einen Rest Ordnung in ihrer Beziehung, die allmählich zur Katastrophe wird. 

Sinnliches Sprachabenteuer

Dion und Marga sind verwundete Gestalten. Sie arbeitet in einem als Modehaus getarnten Bordell, wovon ihr Sohn aber nichts weiß. Ihm erscheint sie mal vollgedröhnt mit Tabletten, als abweisende stinkende Trinkerin, die von einer Künstlerinnenkarriere träumt. Im nächsten Moment als mutterliebestoller Engel, der den Sohn unter sonderbarer Zuneigung erdrückt. In solchen Augenblicken überschreitet sie sogar die sexuelle Grenze zwischen Mutter und Kind. Wie weit, das lässt Geltinger wie vieles andere im Vagen. Zwischen Marga und Dion liegt eine übermächtige Sprachlosigkeit.                   

"Niemand spricht hier", lautet der erste Satz und in Dion findet dies sogar seine physiologische Entsprechung: Er stottert. Er ist "stumm wie ein Tümpel", die Buchstaben sind "alphabetische Folterinstrumente", die ihn vom Rest der Welt entfernen und Dion in die Einsamkeit des Moores treiben: das D, das K, "tatsächlich ist das W mit seinen fünf Spitzen im Alphabet der am schwersten bewaffnete Buchstabe, der noch tödlicher zuzustoßen gewillt ist als das mit seinen Zacken drohende Z oder das kantige K und du springst todesmutig über das Wasserloch auf die nächste Wollgrasinsel und rennst durch Wind und niederwallendes Gewölk in die Weite, die Wüste, in das verworrene und verwucherte Wörterland, immer weiter raus zu mir".

Von solchen, in Erzähltrieben verästelten Beschreibungen lebt dieser Roman. Man merkt es an solchen Passagen: Hier schreibt jemand, der sich vom realistischen Vorwärtserzählen verabschiedet hat. Und Gunther Geltinger, Jahrgang 1974, hat bereits in seinem Debüt Mensch Engel gezeigt, dass er Literatur eher als sinnliches Sprachabenteuer versteht denn als plot-seliges Rapportieren der Welt. Geltinger ist jemand, der sich nicht damit zufrieden gibt, das Wirkliche zu beschreiben. Seine Artistik teilte die Rezensenten damals in zwei Lager. Die einen bemängelten die Künstlichkeit, die anderen begeisterte der Mut und die Gestaltungskraft.